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studio

lebendige vergangenheit

Attila Csampai

Wenn es jemand gegeben hat, der das Prädikat «Jahrhundertpianist» für sich beanspruchen konnte, dann war es der 1989 in New York verstorbene russisch-amerikanische Weltbürger Vladimir Horowitz. In seinem Herzen blieb der 1903 im Zarenreich geborene Horowitz stets ein Romantiker, der sich im Lauf seiner beispiellos erfolgreichen, auch von persönlichen Krisen geprägten Karriere vom auftrumpfenden Tastenakrobaten der Anfangsjahre mehr und mehr zu einem Poeten und Klangmagier weiterentwickelte. Nach seiner Emigration in die USA wurde die New Yorker Carnegie Hall zum Schauplatz seiner grössten Triumphe. Von 1928 bis 1978 gab er hier zahlreiche Konzerte, die von 1943 an aufgezeichnet wurden. Schon 2013 veröffentlichte Sony alle seine Carnegie-Hall-Dokumente auf 41 CDs (Sony 88765484172). Jetzt, zu seinem 30. Todestag, rückt sie den Fokus noch näher auf ihren Hausgott, und legt eine umfassende, geradezu wissenschaftlich-akribische Dokumentation seines berühmtesten Auftritts in diesem Mekka der Musikwelt vor, die sich auf 15 CDs und einem grossformatigen Hardcover-Buch seinem legendären «Comeback-Recital« am 9. Mai 1965 widmet. Das knapp 90 Minuten lange Konzert selbst gibt es schon lange auf Tonträgern, man hat es jetzt um alle privaten Probentermine, die Horowitz zur Vorbereitung dieses Konzerts in der Carnegie Hall bestritt, erweitert, und dem Ganzen weitere Proben, zwei Schallplatten-Sitzungen und das darauf folgende Konzert am 17. April 1966 hinzugefügt. Horowitz hatte ja vor seinem Return-Konzert zwölf Jahre lang wegen psychischer Probleme komplett pausiert, und lediglich von 1962 an bei seinem neuen Label Columbia einige Studioaufnahmen absolviert: Insofern gewinnt man jetzt umfassende und vor allem authentische Einblicke in Horowitz’ Arbeitsweise in jener für ihn geradezu existenziellen Vorbereitungsphase zu dem wohl wichtigsten Konzert seiner Karriere, auf das die ganze Musikwelt damals mit höchster Spannung wartete. Als der Vorverkauf am 26. April 1965 um 10 Uhr begann, waren die Karten nach 2 Stunden ausverkauft. Eine Menschenschlange von mehreren Hundert Metern Länge hatte die ganze Nacht zuvor auf der West 57th Street ausgeharrt.

Als Horowitz am 7. Januar 1965 seine erste Probe mit eigenen Improvisationen einleitete, war nur der erste Teil des späteren Konzert-Programms fest fixiert; Bachs Toccata, Adagio und Fuge in C-Dur (in Busonis Bearbeitung), mit der er 1928 sein US-Debüt bestritten hatte, und Schumanns C-Dur-Fantasie op.17. Die anderen Proben-Stücke kamen nicht zum Zug, und trotzdem spielte er am Schluss der Sitzung eine seiner schönsten Versionen des Chopin-Nocturnes op.55/1. Im dritten «Rehearsal» am 7. April 1965 dagegen verlieh er dem Adagio-Satz der Bach-Toccata eine metaphysische Intensität und eine sanft strömende, ätherische Konsistenz, wie man es selbst von ihm so nicht gehört hatte. Auf zwei CDs der Edition erlebt man in ungekürzter Ausführlichkeit Horowitz’ Arbeit im Schallplatten-Studio, an ausgewählten Stücken von Chopin (1965) und Mozart (1966). Seine launigen und selbstkritischen Kommentare ergänzen diese Sitzungen zu einzigartigen Dokumenten von höchster Authentizität. Fünf weitere CDs dokumentieren Proben und Aufführung von Horowitz’ nächstem Carnegie-Hall-Recital am 17. April 1966. Ein 85-minütiges Interview vom Juni 1965 und vier aktuelle Textbeiträge runden das Ganze ab zu einem der besten und informativsten Musik-Dokumentationen der letzten Jahre.

 

The Great Comeback – Horowitz at
Carnegie Hall. The Unreleased Private
Recitals Preceding His Historic Return
in 1965.
Sony Classical 19075935332 (15 CDs +
212-seitiges Begleitbuch)

Ausgabe: 11 - 2019