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Rudolf Serkin, The Complete Columbia Album Collection.

 

lebendige vergangenheit

Werner Pfister

Rudolf Serkin war zweifellos einer der bedeutendsten Pianisten seiner Zeit, im selben Jahr, 1903, geboren wie seine beiden Kollegen Claudio Arrau und Vladimir Horowitz. Beiden war Serkin ebenbürtig. Ein Star mit Glanz und Glamour war er zwar nie, wollte es auch nicht werden. Aber schon bald wurde er eine Legende: ein introvertierter, äusserlich eher still wirkender Musiker, in dessen Innerem aber vulkanische Kräfte brodelten. Sie entluden sich, sobald er sich ans Klavier setzte. Gleichzeitig schien bei Rudolf Serkin immer alles so selbstverständlich und richtig zu klingen. Einen «Doktor Faust am Klavier» nannte ihn deshalb der bedeutende Musikkritiker Karl Schumann: «Bei Rudolf Serkin gibt es keinen Konzertschlaf, auch nicht den mit offenen Augen.» Im Gegenteil, mit fieberhafter, eruptiver Leidenschaft gab Serkin stets sein Äusserstes.

Das lässt sich – endlich – wieder in vollem Umfange hörend nacherleben: Sony hat in einer «Complete Columbia Album Collection» erstmals sämtliche Einspielungen Serkins wieder zugänglich gemacht. 75 Alben sind es insgesamt, die sich von 1941 bis 1985 erstrecken. Ein einzigartiges Hörerlebnis – nicht zuletzt deshalb, weil viele Werke zweifach, manchmal sogar in drei oder vier Aufnahmen vorliegen, mal aus der Mono-, mal aus der Stereo-Zeit. Beethovens viertes Klavierkonzert zum Beispiel, zweimal unter Eugene Ormandy 1955 und 1962 sowie 1944 unter Toscanini und 1974 unter Alexander Schneider. Interessant ist die Beständigkeit von Serkins Interpretationen: In frühen Jahren war er bereits ein weiser, tieflotender, kompromissloser Musiker – und in späten, reifen Jahren faszinierte sein magistrales Klavierspiel durch eine nach wie vor leidenschaftliche, fast jugendlich wirkende, bedingungslose Vitalität.

Über allem aber waltete ein ungemeines Formbewusstsein. Um Strukturen ging es ihm mehr, als um filigrane Finessen des Klangs. Sein Schubert spricht keinen weichgespülten Wiener Dialekt, sondern redet Klartext. Brahms' Händel-Variationen kommen klanglich vergleichsweise nüchtern daher, statt romantisch aufgedonnert – soweit es denn die Partitur erlaubt. Denn handfest zugreifen konnte Serkin jederzeit und beinahe rücksichtslos: In der letzten Händel-Variation scheint er ein ganzes Orchester zum Klingen zu bringen. Mitreissend!

Seine Mozart-Klavierkonzerte klingen anders, als viele Mozartspezialisten sie spielen. Vom zarten Rokoko-Duft hielt Serkin nichts, gelassene Heiterkeit gibt den Ton an. Haydn spielt er sozusagen aus der Perspektive Beethovens. Und Beethoven spielt er wie ein Gott: Die Hammerklaviersonate geht er wortwörtlich hammermässig an, und der langsame Satz – Beethovens innigster – ist einer der Höhepunkte dieser CD-Collection. Ein anderer ist die Burleske von Strauss, kongenial begleitet vom Cleveland Orchestra unter Eugene Ormandy. Die beiden Brahms-Klavierkonzerte – in je vier Aufnahmen unter Ormandy, Fritz Reiner und George Szell – sind schlicht umwerfend in ihrer forschen, kompakten Direktheit. Eine spezielle Entdeckung für mich war Serkin als Bartókinterpret im ersten Klavierkonzert unter Szell: Das stellt sogar das legendäre Team Géza Anda / Ferenc Fricsay in den Schatten.

Ausgabe: 11 - 2017