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szene

Bild: Ingo Höhn / Luzerner Theater

Ein Glanzlicht: Hubert Wild als durchgeknallter Fürst Go-Go.

 

Luzern: Das Theater eröffnet die Opernsaison mit Ligetis «Grand Macabre»
Lachender Weltuntergang

Reinmar Wagner

Rot leuchtet das Licht im Zuschauerraum des Luzerner Theaters, rot glüht es aus dem Grab, das die Bühne am Anfang dominiert. Särge kommen dazu, nicht rot, sondern in allen Regenbogenfarben, so knallig bunt kann der Tod sein. Und ist in Ligetis Operngroteske ja auch nicht wirklich der Tod, sondern ein Scherzkeks und Scharlatan, dieser Nekrotzar, der nichts weniger behauptet als den Weltuntergang, den er am Ende jedoch sang- und klanglos wieder absagen muss.

Man kann sich kaum eine Oper vorstellen, die besser passen würde zum Regiestil des Spassregisseurs Herbert Fritsch, der seine Figuren mit Vorliebe grimassierend, kalauernd, chargierend zu Karikaturen ihrer selbst werden lässt. Und er erfüllt tatsächlich in Ligetis Satire, die 1978 in Stockholm zum ersten Mal auf die Bühne kam, sämtliche Erwartungen mit Leichtigkeit: Alles wird so richtig handfest und lustvoll durch den Kakao gezogen: Piet vom Fass, der erste Diener dieses Nekrotzars, der Astrologe Astradamors mit seiner mannstollen Gattin Mescalina, das Liebespaar, das den Weltuntergang in glückseliger Umarmung einfach verpasst, der dünkelhafte Fürst, die streitenden Minister, bis hin zu Geheimdienstchef und Armee. Und am Ende steigen sie in die knallbunten Särge, lachend und scherzend: So lustig kann Weltuntergang sein, vor allem, wenn er nicht stattgefunden hat.

Ein Glücksfall, dass Luzern (das Theater und das Lucerne Festival agieren als Koproduzenten) diesen Herbert Fritsch für dieses Stück gewinnen konnte. Da mag mitgeholfen haben, dass Fritsch 2005 an diesem Haus mit Molières Komödienklassiker «Der Geizige» seine erste Regiearbeit überhaupt erarbeiten konnte. Und Fritsch, der üblicherweise gerne mit den Schauspielern seiner «Familie» arbeitet, schaffte es mühelos, das junge Luzerner Opernensemble von seiner Brachial-Komik zu überzeugen. Die mehrheitlich jungen Sänger hatten sichtbar Spass an dieser Inszenierung und setzten sich buchstäblich mit Leibeskräften dafür ein.

Und schafften es doch auch noch, Ligetis mitunter hoch virtuose Koloraturen sängerisch zu meistern, die – auch wenn sie ironisch gemeint sind – halt doch präzis und genau sein müssen. Diana Schnürpel als Venus und Geheimdienstchef, Hubert Wild als durchgeknallter Fürst, und der Teamsenior Claudio Otelli als imposanter Nekrotzar bleiben nachhaltig in Erinnerung, aber bis hin zum eher unterbeschäftigten Opernchor fällt niemand ab in dieser fulminanten Produktion.

Der Dirigent Clemens Heil, seit letzter Saison Musikdirektor am Luzerner Theater, hat viel Erfahrung mit zeitgenössischen Partituren und schafft es souverän, das Orchester, das mit Schlagwerk, Harfe und Tasteninstrumenten auch einen guten Teil der Bühne beansprucht, zusammen zu halten und als ruhender Pol im oft sehr turbulenten, durchaus auch bewusst grellen Geschehen die Fäden in der Hand zu halten. Und zwischendurch gelingt es ihm auch, daran zu erinnern, dass Ligetis Musik in der Raffinesse ihrer klangfarblichen Mischungen, aber auch formal und konzeptionell durchaus mehr zu bieten hat, als den Soundtrack für ein szenisches Gagfeuerwerk auf der Bühne zu liefern.

Ligeti: «Le Grand Macabre». Luzerner Theater, Premiere 8. September 2017, ML: Clemens Heil, R und A: Herbert Fritsch, mit Claudio Otelli, Robert Maszl, Magdalena Risberg, Karin Torbjörnsdottir, Saralh Alexandra Hudarew, Vuyani Mlinde, Diana Schnürpel, Hubert Wild u.a.

Ausgabe: 11 - 2017