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Bild: Oper Leipzig/Kirsten Nijhof

Die Oper Leipzig am Augustusplatz – einziger Opernhaus- Neubau aus DDR-Zeiten.

 

Die Oper Leipzig – städtisches Selbstbewusstsein zwischen Tradition und Innovation
Klassischer Koloss
Die Oper Leipzig hat einen reichen Traditionshintergrund – auch ohne den höfischen Glanz von Dresden. So konnte man 2018 auf stattliche 325 Jahre Operngeschichte zurückblicken. Architektonisch setzt 
der heutige Bau am Augustusplatz einen kräftigen Akzent und erinnert an jene Zeiten, als die DDR mit Kultur Prestige und Aussenwahrnehmung zu pflegen suchte. Selbstbewusst präsentiert sich das 
von Ulf Schirmer als Intendant und Generalmusikdirektor geleitete Haus heute auch mit seinen Projekten. Am spektakulärsten sicher, dass man 2022 beabsichtigt, alle Werke Richard Wagners innert einer 
Spielzeit aufzuführen. Den ganzen «Ring» gibt es schon diese Spielzeit zweimal, im April sowie im Mai.

Andrea Meuli

Der weite Augustusplatz in Leipzig kündet noch immer ein wenig von DDR- Aufmärschen und ostentativer Staatskultur: Die eine Seite schliesst das architektonisch pompös auftrumpfende Gewandhaus ab, gegenüber sticht die Oper mit ihren wuchtigen Ausmassen, aber klassisch ruhigen Formen ins Auge. Eröffnet wurde der Kulturtempel 1960 als einziger Opernhaus-Neubau der DDR und steht heute unter Denkmalschutz. In seiner architektonischen Geschlossenheit ist er ebenso wie mit seiner Innenraumgestaltung ein wichtiges Zeugnis der Fünfzigerjahre. Der trapezförmige Zuschauerraum bietet knapp 1300 Sitzplätze und kann auch auf eine ausgezeichnete Akustik bauen.

Nach der Wende übernahm der Komponist Udo Zimmermann das Haus, ein Jahr später kam Uwe Scholz als Ballettdirektor – aus Zürich – hinzu. Beide sorgten dafür, dass das Haus sofort auf der internationalen Karte wahrgenommen wurde. Seit der Spielzeit 2009/10 ist der gebürtige Bremer Ulf Schirmer Generalmusikdirektor der Oper Leipzig. Zwei Spielzeiten später übernahm er auch das Amt des Intendanten. Schirmer pflegt seither ein breites Repertoire mit besonderen Schwerpunkten bei Richard Strauss und Wagner.

Wer an das musikalische Leipzig denkt, dem fällt wohl als erstes Johann Sebastian Bach ein: Bach und seine Zeit als Thomaskantor 1723 – 1750. Dann die Romantik mit Mendelssohn und Schumann. Und natürlich gehört ein wenig auch Wagner dazu, der hier geboren wurde. Sein Verhältnis zu Leipzig allerdings trübte zeitlebens, dass sein Opernerstling «Die Feen» von der Leipziger Theaterdirektion abgelehnt wurde.

Nicht übersehen sollte man, dass Leipzig auch eine uralte Operntradition hat, obwohl diese auf keine höfischen Strukturen wie in Dresden bauen konnte. Es waren vor genau 325 Jahren die Bürger der Stadt, welche damals als Gegenmodell zur Dresdener Hofoper das erste Opernhaus Leipzigs gründeten. Das war immerhin das drittälteste bürgerliche Opernhaus Europas, nach Hamburg und Venedig. Diese besondere Stellung als städtisches Opernhaus – ohne Subventionen durch den Bund oder das Bundesland Sachsen – hat sich die Institution bis heute bewahrt. Durchaus mit selbstbewusstem Stolz, wie er einem in Gesprächen mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern immer wieder auffällt. Intendant und GMD Ulf Schirmer dazu: «Die Bürger der Stadt finanzieren ihre Oper. Daher reagiert die Oper auch sehr auf die gesellschaftlichen Entwicklungen dieser Stadt und versucht, alle Menschen, die hier leben, zu erreichen.»

Das ist Schirmer in den letzten Jahren erfolgreich gelungen, indem er der Kunst jenen Spagat zwischen Tradition und Innovation zugesteht, die sie braucht. In der Informationsbroschüre zum 325-Jahr-Jubiläum der Oper Leipzig ist diesem Ansatz ein Text des in Leipzig lehrenden Philosophen Pirmin Stekeler-Weithofer gewidmet. Darin findet sich diese Absicht auf den Punkt formuliert: «Die Spannung zwischen Tradition und Innovation ist immer auch die des Bogens zwischen Nostalgie als Sehnsucht nach Heimatlichkeit des Altvertrauten und der Zumutung von Provokation und Tabubruch. Sie ist der Funke, aus dem alle Kunst ihr Feuer schlägt.»

In der Kulturlandschaft Deutschlands steht die Oper Leipzig heute zweifellos gut da und gehört zu jenen Häusern, deren Produktionen szenisch wie musikalisch auch über die Landesgrenzen hinaus wahrgenommen werden. Wesentlichen Anteil daran hat selbstredend das Orchester: Mit dem Gewandhausorchester spielt im Graben des Hauses am Augustusplatz auch ein ebenso geschichtsträchtiger wie renommierter Klangkörper. Das international höchst angesehene Orchester steht für ein durchgehend hohes musikalisches Niveau. Dabei verbindet das Gewandhausorchester und die Oper Leipzig eine jahrhundertealte Geschichte. Was 1693 Mit der Eröffnung des ersten Leipziger Opernhauses am Brühl – unter anderem mit Georg Philipp Telemann als Komponist und Dirigent – begann, entwickelte sich über die Jahrhunderte weiter. Und seit 1840 spielt im Graben des Leipziger Opernhauses alle Vorstellungen das Gewandhausorchester. Am Pult so berühmte Koryphäen wie Heinrich Marschner, Albert Lortzing, Gustav Mahler und Arthur Nikisch.

Seit der Spielzeit 2009/10 ist Ulf Schirmer als GMD für das orchestrale Niveau in der Oper verantwortlich. In seine Zeit als musikalischer Chef des Hauses fallen als wichtige Meilensteine die Einstudierungen dreier Frühwerke Richard Wagners – «Die Feen», «Das Liebesverbot» und «Rienzi» – in Zusammenarbeit mit den Bayreuther Festspielen, eine Neuproduktion von Richard Strauss’/Hofmannsthals «Die Frau ohne Schatten» zum Strauss-Jahr 2014 sowie der komplette Zyklus von Richard Wagners «Der Ring des Nibelungen» – alles Werke, denen die romantische Klangtradition des Gewandhausorchesters zunutze kommt. Wie wichtig Schirmer seine Aufgabe als dirigierender Hausherr nimmt, dokumentiert er nicht zuletzt damit, dass er für alle aufgeführten Werke von Richard Strauss und Wagner selber am Pult steht. Doch auch bei wichtigen Repertoire-Pfeilern wie Alban Bergs «Lulu» oder in der laufenden Spielzeit Puccinis Western-Oper «La fanciulla del West» übernimmt Schirmer die musikalische Leitung.

Ulf Schirmer liegt auch der ganze Education-Bereich, das Heranführen neuer und junger Generationen an die Institutionen und Kunstformen der Oper in dieser Stadt am Herzen: «Wir sind uns bewusst, dass wir zunehmend den kulturellen Bildungsauftrag wahrnehmen müssen, den die Schulen aus unterschiedlichsten Gründen nicht mehr leisten können.»

Was das Tanztheater betrifft, leitet seit 2010 Mario Schröder als Ballettdirektor und Chefchoreograf die Ballettcompanie, mit vierzig Tänzerinnen und Tänzern eine der grössten an deutschen Bühnen. Gleichzeitig wird das neoklassische Erbe des verstorbenen früheren Leiters Uwe Scholz weiter gepflegt und regelmässig gespielt.

Eine Besonderheit der Leipziger Theaterszene bedeutet die «Musikalische Komödie», neben der Staatsoperette Dresden das einzige deutsche Spartenhaus für dieses Repertoire. Das Haus gehört wohl zur Oper, besitzt jedoch ein eigenes solistisches Ensemble mit Solisten, Chor, Orchester und Ballett. Gespielt wird ein Repertoire aus Spieloper, Musical und Operette. Von besonderem Reiz ist auch die stimmungsvolle Spielstätte im Stadtteil Lindenau, die nach umfassenden Sanierungs- und Umbauarbeiten in neuem gründerzeitlichen Glanz erstrahlt. ■

 

 

Schwerpunkte

Wagner: Der Ring des Nibelungen,

7. – 14. April 2019

1. – 5. Mai 2019 (Wagner-Festtage)

Premieren:

20. März 2019: Wagner, Der fliegende Holländer

15. Juni 2019: Smetana, Die verkaufte Braut

Informationen: oper-leipzig.de

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Ausgabe: 01 - 2019