Syndicate content


festival

Bild: Alain Amherd

«Ich hoffe, dass ich ein gutes Gespür dafür hatte, wer von Temperament und Spielweise her zu wem passen würde.»

 

Marco Amherd: ein Neuanfang in Davos unter erschwerten Bedingungen
«Keine Nullacht­fünfzehn-Programme»
Als Künstler kennt er das Davos Festival schon, der neue Intendant Marco Amherd. Dass der Walliser gleich bei seinem ersten Festival-Programm als Krisenmanager derart gefragt sein würde, konnte er sich natürlich nicht vorstellen. 
Aber so wie es aussieht, kann das traditionsreiche Alpen-Festival auch diesen Sommer fast wie vorgesehen stattfinden. Ein Gespräch mit dem Organisten und Chorleiter, der nach dem kurzen Gastspiel von Oliver Schnyder im letzten 
Sommer nun neu für das Davos Festival die programmatischen Fäden zieht.

Reinmar Wagner

«Ich war oft überrascht, wie viel Herzblut die Künstler auch in diese Programm-Konzepte
hineingesteckt haben»

Davos Festival, 31. Juli bis 15. August 2020, www.davosfestival.ch

M&T: Marco Amherd, Sie haben sich für Ihr erstes Davos Festival das Thema «von Sinnen» gewählt. Jetzt ist davon hauptsächlich der «Wahnsinn» übrig geblieben.

Marco Amherd: Tatsächlich passen «Wahnsinn» und «Irrsinn» sehr gut 
in diese Zeit. Es ist aber nicht so, dass ich über hellseherische Kräfte verfügen würde... Aber wir freuen uns, dass 
das Davos Festival 2020 stattfinden kann.

M&T: Welche Auswirkungen hatten die Regeln zur Corona-Pandemie auf Ihre Planung?

Marco Amherd: Es war alles sehr ungewiss im Vorfeld, was für mich besonders speziell war, weil es ja das erste Davos Festival unter meiner Leitung ist. Wir mussten viele Entscheidungen treffen, aber es war für uns alle immer klar, dass wir das Festival, wenn immer möglich und in welcher Form auch immer, durchziehen wollten, dass wir dem Publikum, aber auch den Musikern, diese Perspektive bieten wollten. So sind wir ganz verschiedene Szenarien durchgegangen, haben Sicherheitskonzepte diskutiert, um ein gutes, aber für alle Beteiligten auch sicheres Festival anbieten zu können.

M&T: In welchem Bereich hat das hauptsächlich Konsequenzen? Sicher müssen Sie mit weniger Publikum rechnen und gewisse Veranstaltungsorte anpassen.

Marco Amherd: Auf der einen Seite ist uns bewusst, dass wir weniger Publikum in die Veranstaltungen hineinlassen können. Auf der anderen Seite aber wissen wir auch gar nicht, ob sich die Menschen überhaupt schon wieder getrauen, an die Konzerte zu kommen. Was die Veranstaltungsorte betrifft, so brauchte es gar nicht so viele Anpassungen. Ein Konzert sollte in einem Wagen der Rhätischen Bahn stattfinden, das mussten wir ins Kirchner-Museum verlegen. Und das Offene Singen, das wir jeweils vormittags anbieten, findet jetzt draussen im Park statt.

M&T: Das Publikum ist die eine Seite, wie sieht es aus mit den Künstlern? Können sie in die Schweiz reisen?

Marco Amherd: Wir haben Glück: Die allermeisten Künstler kommen aus dem grenznahen Ausland. Wir standen immer in Kontakt mit allen von ihnen, und so wie es jetzt aussieht, werden sie auch alle anreisen können. Wir sind sehr zufrieden, dass wir unsere Ideen eigentlich alle umsetzen können. Am Anfang der Pandemie war der Gedanke ziemlich frustrierend, dass die Programme, die wir uns ausgedacht hatten, vielleicht bloss in der Schreibtisch-Schublade enden würden. Jetzt sehen wir, dass wir privilegiert sind im Vergleich zu anderen Veranstaltern. Das ist einerseits der Vorteil von Kammermusik mit ihren überschaubaren Besetzungen, aber auch der Vorteil von jungen Künstlern, die flexibel sind in ihren Gedanken und in ihrem Verhalten.

M&T: Von welchen Ideen sind Sie ausgegangen, als Sie ihr Festival-Programm entwickelt haben?

Marco Amherd: Ich hatte das Glück, schon letztes Jahr als Künstler am Festival teilnehmen zu dürfen, und so habe ich das Festival von dieser Seite schon erlebt. So hatte ich viele Eindrücke und Informationen, zum Beispiel darüber, wie die Säle hier klingen. Ansonsten hatte ich das berühmte Weisse Blatt Papier vor mir. Es gab keine Vorgaben, ich hatte alle Freiheiten in der Programmierung, ich konnte anfragen, wen ich wollte. Und das Echo war stets sehr ermutigend: Es ist gerade bei jungen Künstlern ein grosser Vorteil, dass sie nicht mit festgefahrenen Programm-Ideen kommen. So konnte ich die Musiker aussuchen, die zu meinen Programmen passten.

M&T: Also sind Sie in erster Linie nicht von den «young artists» ausgegangen, die sie engagieren wollten, sondern davon, welche Musik Sie in den Programmen haben wollten?

Marco Amherd: Schon. Aber es ist natürlich immer ein Ping-Pong-Spiel. Auch die Musiker bringen ihre Ideen mit ein, liefern Varianten oder finden passende Programm-Kombinationen. Und so spielt man sich gegenseitig die Bälle zu. Es war eine grosse Wertschätzung zu spüren, und ich war oft überrascht, wie viel Herzblut die Künstler auch in diese Programm-Konzepte hineingesteckt haben.

M&T: Sie sind selber eigentlich noch ein «young artist». Wie sieht Ihr musikalisches Netzwerk aus? Wie wählen Sie interessante junge Künstler aus?

Marco Amherd: Als Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste verfüge ich natürlich über sehr viele wertvolle Kontakte. Ich habe mich auch an zahlreichen Podien und Wettbewerben informiert, wobei ich diesen Frühling noch zu weiteren Wettbewerben herumgereist wäre, was jetzt ins Wasser gefallen ist. Manche Interpreten habe ich schon gekannt, es kamen Anstösse von verschiedenen Seiten und ich habe mich über ganz verschiedene Kanäle informiert, manchmal auch über eine Facebook-Seite. So dass ich eine in meinen Augen ziemlich vielfältige und farbige Gruppe motivieren konnte, nach Davos zu kommen.

M&T: Und die Sie jetzt zu funktionierenden Kammermusik-Ensembles formieren müssen.

Marco Amherd: Ich hoffe, dass ich ein gutes Gespür dafür hatte, wer von Temperament und Spielweise her zu wem passen würde. Das werden wir im August sehen. Andererseits haben wir auch feste Ensembles eingeladen, wie das Delta Piano Trio oder das Simply String Quartet.

M&T: Wenn man sich Ihre Programm-Ideen anschaut, findet man sehr viel Spielerisches, Hintergründiges und Doppeldeutiges. Eine Vorliebe von Ihnen?

Marco Amherd: Auf jeden Fall. Ich gestalte sehr gerne Programme, überlege mir rote Fäden oder auch überraschende Kontraste. Ich mag keine Null­achtfünfzehn-Programme, weder als Ensembleleiter oder Organist, noch als Zuhörer. Ein Programm, in dem ich alles schon kenne, reizt mich wenig. Aber es macht mir Freude, zu recherchieren und unausgetretene Pfade zu finden. Das Streichquartett ist für mich zum Beispiel eine Welt, die ich noch nicht sehr gut kenne, und es hat mir viel Freude gemacht, mich spielerisch und ohne Vorurteile da hineinzubewegen und selber Entdecker und Forscher zu sein. Ich denke, dass Programme, die mich überraschen und faszinieren, am Ende auch für das Publikum spannend sein werden.

M&T: Mit Gerald Resch haben Sie einen Gastkomponisten aus Österreich eingeladen, den man noch kaum kennt. Was war der Grund für diese Wahl?

Marco Amherd: Stephanie Haensler, eine gute Freundin von mir, die letztes Jahr Gastkomponistin in Davos war, hat mir einige Namen vorgeschlagen, die sie spannend findet. Ich habe mich informiert, und mich hat bei Gerald Resch fasziniert, dass er einen sehr spielerischen Zugang zur Musik hat. Spielerisch, aber auch poetisch. Ich dachte, dieser doppelte Ansatz passt gut in unsere Programme. Und er ist ein Künstler, der von seiner Persönlichkeit her in die Davoser Bergwelt passt.

M&T: Berge ist ein gutes Stichwort: Sie sind als Walliser auch in den Bergen aufgewachsen. Welche Rolle spielt die alpine Landschaft für das Davos Festival?

Marco Amherd: Eine sehr wichtige, das spüren sowohl das Publikum wie auch die Interpreten. Jede Umgebung beeinflusst das Musizieren, und ich habe von vielen Teilnehmenden in Davos schon gehört, dass sie, wenn sie zwischendurch auf die Schatzalp fahren und dieses Panorama auf sich wirken lassen können, eine ganz neue Kraft und Inspiration fühlen, dass ihr Musizieren noch einmal einen neue Dimension erhalten hat.

M&T: Auf welches Programm freuen Sie sich am meisten?

Marco Amherd: Das ändert sich von Tag zu Tag. So bin ich auch als Interpret: An einem Tag lieber Bach, an einem anderen lieber Reger, das ist sehr stimmungsabhängig. Besonders gespannt bin ich, wie unsere Kombination von Poetry Slam und Kunstlied herauskommen wird. Das habe ich in dieser Weise noch nie erlebt und bin gespannt auf die Reaktionen des Publikums.

M&T: Barockmusik erhält einen starken Akzent, das ist neu für das Davos Festival.

Marco Amherd: Dass ein Altus singt, das gab es in Davos, glaube ich, noch nie. Mir war wichtig, dass wir das ganze Spektrum von Alter Musik – auch auf historischen Instrumenten – bis hin zu Uraufführungen im Festival haben. Ich stehe mit einem Fuss in der Alten Musik und ich sehe da so viele junge Musiker, die völlig selbstverständlich und unverkrampft mit den Errungenschaften der historischen Spielweisen und Instrumenten umgehen, dass man das heute auch zeigen soll. Und ich mag es auch, Brücken zwischen diesen Welten und Zeiten zu schlagen, etwa mit einem Stück von Lisa Streich, einer schwedischen Komponistin, die ein Stück für Barockcello geschrieben hat.

M&T: Sie sind Organist und Chorleiter. Welche Rolle spielen Orgel und Gesang im Festival?

Marco Amherd: Die Orgel wird oft als sakrales Instrument wahrgenommen. Aber sie kann auch sehr lustige und unterhaltsame Aspekte haben. Das wollen wir zeigen in einem Programm in der Kirche St. Johann, in dem der Westschweizer Organist Guy-Baptiste Jaccottet zu einem Buster-Keaton-Stummfilm improvisieren wird. Unser Kammerchor hat zahlreiche sehr dankbare Aufgaben. Und das Offene Singen ist ein wunderbares Mittel, um das Publikum nicht nur zum Zuhören, sondern auch zum Mitmachen zu bewegen. ■

Ausgewählte Programm-Höhepunkte des 35. Davos Festivals 2020

• Sonntag, 2. August: Das Barockensemble Cardinal Complex zelebriert unter der Leitung des Cembalisten Matías Lanz den musikalischen Wahnsinn. Der Altus Flavio Ferri-Benedetti singt furiose Kantaten und Arien von Händel und Strozzi. Im Zentrum stehen dabei die grossen Wahnsinnsszenen aus Händels Opern Tolomeo, Orlando u ... Weiter
Ausgabe: 07 - 2020