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musik

Bild: Andreas Herzau

Jakub Hrůša: «Es kann persönlicher nicht gehen!»

 

Jakub Hrůša dirigiert Bedřich Smetanas berühmten Zyklus «Má vlast» in Zürich und Lugano
Intuitiv nahe
Seit Herbst 2016 ist Jakub Hrůša Chefdirigent der Bamberger Symphoniker. Für seine Gastkonzerte in der Schweiz bringt er 
ein Werk seiner tschechischen Heimat mit, das wie kein anderes nationales Selbstbewusstsein durch alle – auch die düstersten – Zeiten hindurch beflügelt und genährt hat: Bedrˇich Smetanas sinfonisches Bekenntnis «Mein Vaterland».

Andrea Meuli

M&T: Sie haben im vergangenen Sommer Ihren Vertrag in Bamberg, der bis 2021 dauert, bereits um fünf weitere Jahre verlängert. Sie müssen sich sehr wohlfühlen mit dem Orchester.

Jakub Hrůša: Das stimmt! Begeisterung und Stabilität sind für das Orchester wie für mich wichtig. Da macht es Sinn, Projekte auf längere Zeit zu planen. Genügend Zeit für die Realisierung gemeinsamer Projekte zu finden, ist für mich wie für alle intensiv beschäftigten Dirigenten immer schwierig. Es kommen so viele wunderbare Angebote auf den Tisch, dass man Prioritäten setzen muss. Mir ist das sehr wichtig – gerade für ein Orchester, mit dem ich als Chefdirigent verbunden bin.

M&T: Ist es schwierig, treu zu bleiben?

Jakub Hrůša: Es ist nicht schwierig, weil ich die Umgebung und den künstlerischen Kontext, wie ich sie in Bamberg habe, wohl nirgendwo anders bekommen würde. Ein konzentrierter Fokus auf die gemeinsame Arbeit gehört genauso dazu wie eine entspannte Atmosphäre. In Bamberg wird Professionalismus auf einem Top-Level gepflegt, dazu kommen Sinn für Tradition wie Neugier auf neue Werke, viele Gastspielreisen und Aufnahmen – es herrscht eine wunderbare Balance all dieser Dinge. Die Beziehung zu diesem Orchester kam für mich genau im richtigen Moment in meinem Leben.

M&T: In Ihrer Karriere ist ja sehr viel geschehen in den letzten Jahren.

Jakub Hrůša: Meine Karriere hat sich sehr kontinuierlich und stabil entwickelt. Darüber bin ich unendlich glücklich. Das konnte ich niemals erahnen – allenfalls erhoffen. Ja, in den letzten Monaten gab es tatsächlich einige wichtige Debüts: bei den Berliner Philharmonikern, beim Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks, beim Orchestre de Paris, ich war wieder beim Cleveland Orchestra und beim San Francisco Symphony – wie könnte ich da nicht glücklich sein?! Wirklich unangenehm ist mir einzig, dass ich nun so oft zu Angeboten nein sagen muss – was die andere Seite leider oft persönlich aufnimmt. Deshalb sind mir meine drei festen Positionen, jene in Bamberg sowie als Principal Guest Conductor beim Philharmonia Orchestra London sowie bei der Tschechischen Philharmonie so wichtig – hier kann ich mit Kontinuität etwas aufbauen.

M&T: Die Bamberger Symphoniker haben eine besondere Geschichte. Ist auch der Klang dieses Orchesters etwas Besonderes?

Jakub Hrůša: Wenn ich zu anderen Orchestern komme und dort das gleiche Repertoire wie in Bamberg dirigiere, merke ich, dass unser Klang verschieden ist. Erkennen kann man das im gemeinsamen Gefühl für Phrasierung, im Sinn für eine Präzision, die dennoch nichts von einer Maschine hat. Der Klang der Bamberger Symphoniker erinnert an einen Organismus, er ist sehr menschlich – die Streicher spielen sehr farbenreich, die Bläser atmen zusammen, als eine kompakte Gruppe. Alles muss in diesem komplexen Gefüge Orchester zusammenpassen, darauf wird auch in den Probespielen sehr bewusst geachtet. Interessanterweise kam bei mir niemals ein Gefühl auf, ich müsste meine eigenen Vorstellungen gegen den Klang des Orchesters stellen. Intuitiv sind wir uns sehr nahe.

M&T: Gilt das auch für das gemeinsam musizierte Repertoire?

Jakub Hrůša: Wenn wir vom romantischen Repertoire sprechen, dann passt es absolut perfekt. Smetana und Dvorˇák sind für mich sogar interessanter, ihre Werke mit meinen tschechischen Vorstellungen mit diesem deutschen Orchester umzusetzen. Ähnlich ist das in Wien – das ist auch so nahe unserem Land – aber musikalisch ist es eben nicht dasselbe. Diese Schattierungen zu beobachten, ist faszinierend.

M&T: Sie kommen mit Smetanas Zyklus «Mein Vaterland» nach Zürich. Ein Werk, dem in Tschechien immer eine ganz besondere Bedeutung zukam, auch politisch. Haben auch Sie Ihre persönliche Geschichte mit diesem Zyklus?

Jakub Hrůša: Es kann persönlicher nicht gehen! Má vlast ist das Stück, in dem ich wahrscheinlich zum ersten Mal differenzieren konnte, was eine Interpretation bedeutet. Als Kind hört man Musik und liebt sie – oder eben nicht. Man hat Präferenzen. Als ich Smetanas Zyklus zum ersten Mal hörte, war ich zehn. «Mein Vaterland» wird jedes Jahr als Eröffnungsstück des Festivals Prager Frühling gespielt und jeweils im Fernsehen übertragen, mit verschiedenen Dirigenten, früher mehr oder weniger immer mit der Tschechischen Philharmonie, später auch mit Gastorchestern. Man hört es wieder und wieder und wieder – und kann so vergleichen. Das habe ich gemacht. In diesem Stück wurde mir klar, was den Einfluss des Dirigenten ausmacht. Ich denke, die Unterschiede zwischen einzelnen Interpretationen sind hier grösser als in einer Beethoven-Symphonie – man kann das wirklich sehr persönlich gestalten, dieses Epos eröffnet sehr vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten. Niemand in Tschechien ist diesem Werk und seiner Aussage gegenüber unbeteiligt. Auch ich bin sehr stolz darauf, es gibt nichts Ähnliches in der Geschichte der Musik. Smetana war nicht der Begründer der sinfonischen Dichtung, aber er ist einer der erfolgreichsten in dieser Gattung. Dabei schätze ich ihn – besonders im zyklischen Gedanken – mehr als Liszt. Ich halte die beiden letzten Stücke aus «Mein Vaterland» – «Tabor» und «Blanik» – für unterschätzt, die thematische Arbeit und der visionäre Charakter dieser beiden Stücke sind einzigartig. Mich schmerzt es immer, wenn nur einzelne Teile aus dem Zyklus isoliert gespielt werden.

M&T: … vor allem natürlich die «Moldau», allenfalls noch «Aus Böhmens Hain und Flur» …

Jakub Hrůša: … das stimmt. Es ist eine völlig andere Sache, die «Moldau» als zweites Stück innerhalb des ganzen Zyklus’ zu hören, statt als isolierten Programmpunkt. Je mehr ich von Musik verstehe, desto mehr schätze ich diesen sinfonischen Zyklus als Ganzes. Und die Art, wie die Bamberger «Mein Vaterland» spielen, ist speziell.

M&T: Warum?

Jakub Hrůša: Weil sie das Stück völlig ernst nehmen und lieben. Smetana hat wohl als Erster so prominent volksmusikalische Einflüsse aufgenommen und verarbeitet, doch er war ein Vertreter der neudeutschen Schule. Spielt man diese Musik nun mit einem deutschen Orchester – mit dem totalen Vertrauen, voller Konzentration und Respekt –, ergibt das eine sehr gute Mischung. Kommt hinzu, dass wir den Zyklus nicht zu oft, aber doch immer wieder gespielt haben. Und jedes Mal, wenn wir dazu zurückkommen, proben wir alles tief und klar. So hat das Orchester einen Reifeprozess durchgemacht und ist mit dieser Musik zutiefst vertraut.

M&T: Es ist somit etwas anderes, ob Sie diesen Zyklus mit den Bamberger Symphonikern oder mit einem tschechischen Orchester aufführen?

Jakub Hrůša: Ja, es ist anders. Denn ehrlich gesagt, ist es schwierig, etwa ein Orchester wie die Tschechische Philharmonie in diesem Repertoire ästhetisch zu beeinflussen. Technisch und was die Feinheiten betrifft, kommunizieren wir wunderbar.

M&T: Doch interpretatorisch sind sie fixiert?

Jakub Hrůša: Ja, auch wenn sie etwas anders machen wollen, schaffen sie es kaum, die Bahn der Tradition, die sich sehr tief eingeprägt hat, zu verlassen. Deswegen wäre es sehr schön, wenn ich das Werk mit der Tschechischen Philharmonie öfters einstudieren und so die Tradition etwas weiterentwickeln könnte. Das, was wir mit den Bambergern heute spielen, ist das Resultat eines gereiften Prozesses.

M&T: Eine Herzensangelegenheit ist Ihnen die Musik Josef Suks. Warum?

Jakub Hrůša: Suk ist für mich ein Komponist auf derselben Stufe von Meistern wie Mahler und Richard Strauss. Weshalb er in der Welt nicht gleich berühmt wurde wie sie, ist schwierig zu beantworten. Ganz objektiv ist seine Asrael-Sinfonie – nach vielen Studien und Vergleichen – ein wirkliches Meisterstück und überall, wo ich das Werk vor einem offenen Publikum aufführe, sind die Leute begeistert. Natürlich gibt es auch andere Komponisten, die wundervolle Stücke geschrieben haben, die es nie in den Kanon der bekannten und überall gespielten Werke geschafft haben. Suks Musik ist sehr subjektiv, und sie verlangt ein offenes Herz. Lässt man solche Wirkung nicht zu, erschliesst sich einem diese Musik nur schwer. Ich glaube daran, dass Suks Zeit kommen wird. Ja, ich denke, sie hat schon begonnen. Ich kenne mehr und mehr Dirigenten, die seine Werke in ihre Programme aufnehmen. ■

 

Bedřich Smetana:

«Má vlast» («Mein Vaterland»)

Bamberger Symphoniker

Jakub Hrůša Leitung

Tonhalle Maag, 19.5.2019; 19.30 Uhr

LAC Lugano, 22.5.2019; 20.30 Uhr

www.luganomusica.ch

Die Aufnahme von Smetanas «Má vlast» 
mit Jakub Hrůša und dem Bamberger 
Symphonikern:

TUDOR SACD 7196

Ausgabe: 05 - 2019