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Szene

Bild: Hugues Argence

Konzert mit Christian Altenburger, Itamar Golan, Emil Rovner und Intendant Michel Lethiec.

 

Das Festival Pablo Casals im südfranzösischen Prades hält das Engagement des grossen Cellisten lebendig
Im Geist des Friedens

Reinmar Wagner

Man muss sich manche Konzerte verdienen in Prades: Zur Abbay St. Martin du Canigou führt bloss ein betonierter Pfad hinauf, gerade so breit, dass schmale, kurze Allrad-Jeeps sich den Weg hinauf quälen können. Auch sie müssen in den Kurven meist zurücksetzen, und passieren darf dabei nichts: Bloss ein kleines Mäuerchen bietet den Reifen Widerstand, bevor der Abgrund droht. Nur VIPs und Fusslahme werden chauffiert, der Rest des Publikums muss 40 Minuten den Berg hoch wandern. Was sich allerdings lohnt, nur schon der Ausblicke in die Schluchten und auf die schroffen Gebirgszüge der Pyrenäen wegen. Wenn sich dann aber eine Stunde vor Konzertbeginn ausgerechnet im trockensten Sommer, seit wir Messdaten haben, ein Gewitter entlädt, bietet das klatschnasse, dampfende Publikum ein seltenes Bild von Einigkeit: geeint nicht nur durch die Freude an guter Kammermusik, sondern auch durch die Anstrengung, sie in dieser Abteikirche auf einem felsigen Hochplateau auch zusammen zu geniessen.

So beschwerlich allerdings ist ein Konzertbesuch in Prades nur selten. Zwar führt zu einer anderen ur-roma­nischen Konzertkirche – der Prieuré de Serrabonne – auch nicht gerade eine Autobahn. Aber die steile, kurvige Bergstrasse ist durchaus auch mitteleuropäischen Mietwagen-Fahrern zu­-
zumuten – wenn niemand entgegenkommt. Und parkieren darf man, wie das in Frankreich noch immer ein natio­nales Grundrecht zu sein scheint, praktisch direkt vor der Kirche. Entschädigt wird man auch hier durch grandiose Ausblicke in die einsamen Bergwälder und Höhenzüge. Und natürlich durch Kammermusik auf höchstem Niveau, die sich mühelos über beschränkte Sicht- und nicht immer ideale Akustikverhältnisse hinwegsetzt, wenn im Angesicht tausendjähriger Wandmalereien und figürlicher Kapitelle etwa Boris Garlitsky und Itamar Golan Debussys Geigensonate spielen.

Mehr Platz, bessere Sicht und auch eine ganz akzeptable Akustik hat man in der Abteikirche Saint-Michel de Cuxa, wenige Kilometer ausserhalb von Prades. Hier können sogar Busse vor der Kirche parkieren und das Podium schluckt auch grössere Besetzungen problemlos. Kaum eine Rolle im Konzertreigen des Festivals spielt dagegen die Hauptkirche der Kleinstadt, St. Pierre, die man im 17. Jahrhundert auf den Fundamenten einer romanischen Kirche neu gebaut hat. Vom Vorgängerbau steht noch der Glockenturm im lombardischen Stil. Der katalanische Bildhauer Joseph Sunyer hat damals den Auftrag für die Dekoration des Altars erhalten und hat hier ein barockes Monstrum hingestellt, das seinesgleichen sucht: Petrus als dicker Bischof in Rot und Gold mit riesigem Stab und gigantischer Mitra. Es soll der grösste Barockaltar Frankreichs sein, und das in einer vergleichsweise kleinen Kirche. Woher der Reichtum für diese protzige Pracht? Prades lag nie an einer der grossen Handelsrouten zwischen Frankreich und Spanien. Zu schroff sind die Gebirge, die gleich hinter der Stadt ansteigen und nach nur wenigen Kilometern im Gipfel des Canigou enden, des «Heiligen Berges» der Katalanen, der von beiden Seiten der Pyrenäen als Zentrum ihrer Region gesehen wird.

Die Bäche und Flüsse, die hier zusammenfliessen, bildeten die Basis für Handwerk und frühe Formen von Industrialisierung, aber der Reichtum kam auch von aussen, durch erfolgreich zurückkehrende Auswanderer zum Beispiel und Einflussnahme von Politik und Kirche in den entlegenen Tälern, während das Städtchen weiter in relativer Bedeutungslosigkeit vor sich hin schlummerte. Daran hat sich auch heute nicht viel geändert. Im Zentrum des 6000-Einwohner-Ortes gibt es nette Geschäfte und Restaurants, aber schon zwei Strassen weiter wirkt alles ausgestorben und verlassen, «A vendre»-Schilder überall. Wanderer und Radfahrer trifft man immer wieder, aber nicht in Massen, die eine üppigere touristische Infrastruktur aufrechterhalten könnten. Im Winter soll es anders sein, wenn in den Bergstationen weiter oben der Skitourismus Einzug hält.

Casals’ Exil

Auch das Festival, das jeden Sommer vom vom 26. Juli bis 13. August stattfindet (ohne Rücksicht auf die Wochentage) kann daran wenig ändern. Grosse Massen passen weder in die kleinen Dorf- und Abteikirchen noch ins Festivalkonzept. Dennoch kommen die Besucher von weit her. Manche aus Australien und Amerika, einige aus England und Deutschland, viele aus den französischen Städten, vor allem aus Paris, eher wenige dagegen aus der Region.

Dass in Casals’ Wohnort Prades im französischen Teil Kataloniens, gleich unter den steilen Hängen des Canigou, überhaupt ein Festival entstand, das seinen Namen trägt, war keineswegs die Absicht des Jahrhundert-Cellisten. Andernorts ziehen sich grosse Künstler mit ihren Musikerfreunden in die Natur, die Berge oder die Einsamkeit zurück und veranstalten dort Meisterkurse und Kammermusik-Konzerte. Das hat Tradition und manches Festival hat seine Gründer um Jahrzehnte überlebt wie etwa – näher bei uns – Gastaad (Yehudi Menuhin) oder Ernen (György Sebök). Beim Casals-Festival in Prades hingegen war die Situation diametral umgekehrt: Casals hatte sich vor dem Bürgerkrieg und der Franco-Diktatur auf die französische Seite Kataloniens zurückgezogen und wollte nicht mehr auftreten.

Selbst astronomisch hohe Gagen-Versprechen aus den USA, wo sich unter anderen Albert Einstein für Konzerte mit ihm einsetzte, konnten ihn nicht von dieser Haltung abbringen. Seine besten Freunde bemühten sich vergebens, ihn zu gemeinsamen Auftritten zu bewegen, bis es schliesslich dem litauisch-jüdischen Geiger Sascha Schneider gelang, ihn aufs Podium zurückzulocken. Mit zwei Argumenten: Wenn der Cellist nicht in die Welt gehen will, kommt die Welt halt zu ihm; und er versammelte Casals’ Musikerfreunde in Prades. Und es war 1950, man feierte den 200. Todestag von Casals’ grösstem musikalischen Idol, Johann Sebastian Bach.

So fand man sich schliesslich zusammen, darunter so bedeutende Musiker wie David Oistrach, Yehudi Menuhin, Rudolf Serkin oder Wilhelm Kempf. Sommer für Sommer lag fortan ein Brennspiegel hochstehender Kammermusik auf dem kleinen Ort Prades. Ein Abstecher nach Perpignan erwies sich als Fehlschlag, seither trifft man sich jeden Sommer in Prades. Casals starb 1973, aber das Festival überdauerte ihn bruchlos und ist somit eines der ältesten Kammermusikfestivals der Welt.

Heute leitet Michel Lethiec das Festival Pablo Casals, ein versierter, mit allen Wassern seines vielseitigen Instruments gewaschener Klarinettist. Seit 30 Jahren ist er verantwortlich für die Programme, und er versteht es mit viel Fingerspit­zengefühl, Entlegenes mit Bekanntem, Eingängiges mit Anspruchsvollem, Ernstes mit Unterhaltsamem zu verknüpfen. Da kann ein Programm locker von Bach-Fugen mit Mozart-Adagios über einer Streichquartett-Tour d’Horizon durch Mozarts Requiem bis zu einer Klez­mer-Hochzeit führen.

In Lethiecs Programmen hat auch die Neue Musik immer einen Platz. Ohne Zeigefinger, ohne ideologischen Überbau, einfach als selbstverständlichen Teil der Musikgeschichte. So begegneten wir zum Beispiel drei Meditationen über seine Messe, die Bernstein für Cello und Klavier arrangierte, und die Emil Rovner und Itamar Golan mit viel ernsthaftem Engagement spielten. Oder dann bietet das Festival jungen Komponisten eine Plattform: Alle zwei Jahre gibt es einen Kompositionswettbewerb für den Nachwuchs, aus dem ein Preisträger ausgewählt wird, der im folgenden Jahr ein Werk zur Uraufführung bringen kann. Sang In Lee, Koreaner mit Jahrgang 1984, der seit 2011 in Paris studiert, machte sich diesen Sommer mit Marcel Proust auf die Suche nach der berühmten «petite phrase de Vinteuil», die sich als spätromantisch-tonales Thema in einem Meer an – mindestens beim ersten Hören – eher zufälligen und diffusen Klang-Ereignissen für Klarinette Horn und Streichquartett entpuppte.

Mit Perpignan hat damals die Expansion der Festival-Idee nicht geklappt. Mit Paris lässt sich das offenbar besser arrangieren: Im Théâtre des Champs Elysées öffnet das Festival im Frühling jeweils ein Schaufenster mit Lethiec-Programmen und Festival-Künstlern. Wer also nicht in den Süden fahren will, kann Prades’ Festival-Geist auch in der Hauptstadt erleben, nächstes Jahr am 22. Februar und am 26. April. Ohne Wanderung im Gewitterregen, ohne Kurvenfahren auf engen Berg­strassen, aber auch ohne den Blick auf die bewaldeten Pyrenäenhänge, ohne die Geräusche und Gerüche des mediterranen Sommers und ohne den Charme der romanischen Klosterkirchen. Festival Pablo Casals in Prades ist, Sie wissen schon, 2019 auch wieder vom 26. Juli bis 13. August.

Ausgabe: 11 - 2018