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Catherine Foster: «Natürlich ist Erfahrung hilfreich und wichtig, bei allem Bauchgefühl.»

 

Die britische Sopranistin Catherine Foster kommt als Isolde ans Berner Theater
«Ich war 
total naiv!»
Catherine Foster war die Bayreuther Brünnhilde 2013 bis 2016. Und sie gehört zu den begehrtesten Hochdramatischen in 
der internationalen Opernszene. Im Mai und Juni übernimmt die englische Sopranistin in einer Neuinszenierung von Wagners «Tristan und Isolde» am Theater Bern die Isolde. Nach einer Elektra in Leipzig traf M&T die Sängerin zum Gespräch.

Andrea Meuli

M&T: Frau Foster, Sie haben gestern Abend Elektra gesungen. Wie fühlen sie sich einen guten halben Tag später?

Catherine Foster: Der erste Tag ist meist besser als jener danach – das Adrenalin bleibt noch drin… Ich fühle mich mit dieser Partie sehr wohl. Und ich komme langsam dahin, dass ich glaube, Elektra wirklich zu kennen. Gestern war meine 46. Vorstellung als Elektra in neun Produktionen und unter ähnlich vielen Dirigenten.

M&T: Diese Partie ist ganz besonders brutal: Elektra steht praktisch die ganze Zeit auf der Bühne und hat auch sehr viel zu singen.

Catherine Foster: Ja, das stimmt. Elektra ist meist vom Anfang bis zum Ende auf der Bühne. Das bedeutet, dass sie auch bei praktisch jeder Probe dabei sein muss, ohne Pause. Das ist eine besondere Herausforderung, sich seine Kraft zu bewahren. Vergleichen wir es etwa mit Siegfried, einer Riesenpartie für den Tenor – doch in einigen Szenen ist er nicht dabei. Elektra hingegen hat hundert Minuten Hochspannung zu erzeugen und auszuhalten. Das gilt für die Proben und erst recht für jede Vorstellung. Man braucht für Elektra nicht nur körperliche, sondern auch eine enorme geistige Kraft.

M&T: Sie haben eine ganz ungewöhnliche Karriere gemacht. Das Singen stand nicht am Anfang Ihrer beruflichen Laufbahn.

Catherine Foster: Von meiner Mutter weiss ich, dass ich schon als kleines Kind mit drei oder vier Jahren gesagt habe, ich würde Krankenschwester oder Sängerin. Tatsächlich habe ich dann diesen Weg auch eingeschlagen und lernte zuerst Krankenschwester und Hebamme. Gesungen habe ich schon als Kind immer, von acht bis achtzehn in der Kirche. Und nach meinem Studium habe ich über meinen Beruf als Hebamme meine Gesangslehrerin Pamela Cook gefunden. Ohne diesen Beruf hätte ich nie von ihr erfahren und wäre ihr nie begegnet. Das Schicksal wollte es so!

M&T: Sie sind ganz rasch in die happigsten Partien gerutscht.

Catherine Foster: (Lachend) Das stimmt! Als ich nach Weimar kam, habe ich als jugendlich dramatischer Sopran mit Mimi angefangen. Zuvor in Grossbritannien hatte ich Königin der Nacht, Donna Anna als Cover und Marianne Leitmetzerin aus dem «Rosenkavalier» gesungen. Dann kam kein Angebot. Und ich wusste, dass ich Erfahrung sammeln musste. So ging ich – ohne die Sprache zu können – nach Deutschland und sandte hundert CDs aus. Daraus resultierten drei Vorsingen und ich bekam schliesslich mein erstes Angebot. Und das war Weimar. Das meine ich mit Schicksal: Man braucht ja nur eine Möglichkeit, aber darum muss man aktiv kämpfen und daran glauben. Was macht den Unterschied aus zwischen jenen, die erfolgreich sind, und jenen, denen das nicht gelingt? Man muss immer wieder aufstehen! Natürlich ist es schwer, für alle. Auch alle, die erfolgreich sind, mussten sich ihren Weg nach oben erkämpfen oder schwere Zeiten durchstehen.

M&T: Hatten Sie keine Angst, an einem mittleren Haus wie Weimar in ein Repertoire gedrängt zu werden, was nicht gut für Sie war, was Ihrer Stimme hätte schaden können?

Catherine Foster: Ich war damals total naiv! Ich sprach und verstand kein Deutsch, kannte das deutsche Theatersystem überhaupt nicht und war auch mit den Vertragsbestimmungen nicht vertraut. Aber ich hatte ein Riesenglück mit dem damaligen Intendanten des Hauses. Das war Stephan Märki. Ein Jahr später kam Michael Schulz, der heute Intendant in Gelsenkirchen ist. Die beiden haben mich wirklich geschützt. Damals sang ich Partien wie Janaceks «Füchslein», viel italienisches Repertoire wie Elisabetta aus «Don Carlo», Abigaille, Turandot…

M&T: …das sind dann aber schon grosse dramatische Herausforderungen für eine junge Sopranistin…

Catherine Foster: Meine Stimme ist von der anfänglichen Mimi Jahr für Jahr ständig gewachsen. Ich habe alle Partien sehr genau studiert und konnte in Weimar Schritt für Schritt viel lernen und Rolle für Rolle für mich entwickeln.

M&T: Es kamen ja bald einmal die wirklich harten Brocken auf Sie zu. Wie haben Sie für sich herausgefunden, wie viel möglich war – um sich nicht zu überfordern und als Folge davon in den Ruin zu singen?

Catherine Foster: Es entwickelte sich alles ganz ruhig und kontinuierlich – ich war ja fest in Weimar engagiert. So kam mit der «Tannhäuser»-Elisabeth meine erste Begegnung mit einer Wagner-Partie – und ich war sofort verliebt. Es war wie Butter auf der Stimme. Die nächste war Senta aus dem «Holländer». Dann kam das «Ring»-Projekt, und ich setzte mich mit der Sieglinde auseinander. Doch mit dieser Partie kam ich überhaupt nicht klar, obwohl mir die Musik sehr gefiel. Dann versuchte ich die Brünnhilde – und fühlte mich damit sofort vertraut. Ich verliess mich auf mein Bauchgefühl – was mich seither nie getäuscht hat.

M&T: Das heisst, Sie haben Sieglinde nie gesungen?

Catherine Foster: (Lachend) Nein, nur gelernt… Von Freia führte mein Weg bei Wagner direkt zu Brünnhilde. Natürlich war ich zunächst etwas unsicher, ob ich diese Partie so früh singen sollte. Das gilt auch für Elektra. Doch dieser Charakter hat mich so fasziniert, und ich liebte Strauss über alles. Natürlich darf man alle diese hochdramatischen Partien nicht ohne eine gute Technik angehen, das würde tödlich für die Stimme. Ich habe mit meiner Lehrerin 1993 zu arbeiten begonnen, sie war wirklich fabelhaft und hat mir mit meiner Technik unendlich geholfen. Und meine erste Elektra kam erst 2006 – ich habe mich also Schritt für Schritt an diese Herausforderung herangearbeitet.

M&T: Und die Entwicklung dieser Figuren geht weiter.

Catherine Foster: Immer! Ich entwickle mit jeder neuen Inszenierung und mit jedem neuen Dirigenten den Charakter einer Figur weiter. Es kommt immer wieder etwas Neues, eine neue Variante, eine neue Möglichkeit hinzu –, so dass die Figur an Tiefe gewinnt, mehrdimensionaler wird. Natürlich ist Erfahrung hilfreich und wichtig, bei allem Bauchgefühl – das gilt für Elektra, Brünnhilde wie Isolde.

M&T: Wenn man Sie diese Rollen auf der Bühne singen hört, bekommt man den Eindruck, Sie würden sich wohlfühlen, sie recht locker meistern. Dabei ist es Hochleistungssport.

Catherine Foster: Absolut! Dafür 
muss man für sein Körpergefühl aber auch etwas tun. Ich gehe fünf bis zehn Kilometer fast jeden Tag, und Yoga 
mache ich auch – das brauche ich unbedingt.

M&T: Im Mai kommen Sie nach Bern für Isolde. Ein Rollendebüt?

Catherine Foster: Nein, ich habe 
Isolde 2011 in Frankfurt erstmals 
gesungen. Bern wird meine fünfte Inszenierung sein. Isolde ist ein komplexer Charakter – sie gehört zu meinen liebsten Rollen. Ich freue mich sehr darauf! ■

 

Tristan und Isolde

Theater Bern

Inszenierung: Ludger Engels

Musikalische Leitung: Kevin John Edusei

Premiere: 25. Mai 2019

Vorstellungen bis 30. Juni 2019

www.konzerttheaterbern.ch

Ausgabe: 05 - 2019