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«Ich spiele gerne Bösewichte»

«Ich spiele gerne Bösewichte»
Der britische Bariton Simon Neal singt in Franz Schmidts Oper «Notre Dame» den Erzdiakon Frollo

Benjamin Herzog

Es könnte nicht besser passen. Statt der Pariser Kathedrale Notre Dame, Schauplatz von Victor Hugos berühmtem Roman, ist es der St. Galler Dom, vor dem sich das Geschehen um den missgestalteten Glöckner und die ihm zugewandte Aussenseiterin Esmeralda abspielt. Zwischen den beiden: der mächtige Herr von Notre Dame, der Erzdiakon oder, wie es bei Franz Schmidt lateinisierend heisst, Archidiaconus Frollo. Zwei dunkle Vokale im Namen, das heisst in der Regel nichts Gutes für eine positive Charakterstärke. Für den britischen Bariton Simon Neal jedoch schon. Denn er liebt es, bad characters zu singen. Alberich, Gunter, die wörtlichen «Vier Bösewichte» in Offenbachs «Les contes d’Hoffmann», Scarpia oder Iago. Letztere zwei auch in der Schweiz, am Theater Basel vor fünf Jahren.

Und nun Frollo in Franz Schmidts Oper «Notre Dame». Zum ersten Mal? «Ja», sagt Neal, «die Oper wird ja nur sehr selten aufgeführt.» Live gesehen habe er sie noch nie. Aber die ein, zwei Aufnahmen davon hat er sich natürlich angehört, bevor es im Mai, sechs Wochen vor der Premiere, mit den Proben in St. Gallen losgeht. Und den Roman von Victor Hugo kennt Simon Neal auch. Mit Grund. «Bei Victor Hugo ist Frollo viel dunkler gezeichnet als bei Schmidt. Er ist viel stärker von Esmeralda besessen.» Es ist eine zweite Schicht, eine zweite Sichtweise, die Neal schon an die Proben mitbringt. Den Gesangspart und die Charakterisierung Frollos durch den Komponisten und hier auch Librettisten Schmidt und darüber hinaus die Figurenzeichnung, wie sie Hugo

1831 vorgenommen hat. «Es ist immer interessant, sich zu entscheiden, wie viel man von der Vorlage, dem Roman in die Rolle hinein nimmt und wie viel aus dem Opernlibretto», sagt Neal.

Dass Neal seinen Rollen Vielschichtigkeit zu geben weiss, das hört auch das Publikum, das nimmt die Kritik wahr, die sich von Neals schauspielerischen Talenten ebenso überzeugen lässt wie von seinen stimmlichen. Frollo also ist hinund hergerissen zwischen seiner «beruflichen» Nähe zu Gott und der Anziehung durch die schöne Esmeralda, eine, wie Neal es nennt, «Versuchung durch den Teufel». Die Nähe des Dunklen, ist es das, was es so interessant macht, solche Rollen zu singen? «Das Interessante ist, dass der Bösewicht sich selbst oft gar nicht als böse wahrnimmt. Für ihn sind seine Handlungen richtig. Nur für uns nicht. Für das Publikum. Wo aber gab es den Bruch, wo ist einer auf die falsche Seite umgeschwenkt? Das frage ich mich immer.»

Es gibt, nicht nur in der Oper, verschiedene moralische Systeme. Ein, wie man auf Englisch sagen würde, moralischer «Kompass», kann Nord mit Süd vertauschen. «Nehmen Sie zum Beispiel die Rolle des Scarpia in Tosca. Er hat sich durch die Macht verändert, die ihm zugefallen ist», sagt Neal. «Und wir wissen, dass Macht die Leute verändert.» Neal durchwandert die dunklen Hintergründe des Bösen, bevor er einen Scarpia oder eben einen Frollo auf die Bühne stellt. Das macht es spannender, vielschichtiger. So sehr, sagt Neal überraschend, dass ein Bösewicht auch komisch sein kann. «Ich denke, das ist meine Britishness, dieses Flair für die schwarze Komödie.» Vorbild hier: die Filme der Coen-Brüder, «Fargo» oder «No country for old men», einer seiner Lieblingsfilme. Ein Streifen, wo das Blut in den Tümpeln der Absurdität gerinnt.

Wie sieht es denn mit der Stimme aus? Ist ein «böser» Stimmpart auch interessanter zu singen? «Als dunkler Charakter kann ich jenseits des Schönklangs singen. Rolle und Stimme passen für mich hier besser zusammen und lassen mehr Spielmöglichkeiten zu, mehr Interaktion.»

Aus diesen Antworten wird deutlich: Simon Neal ist keiner, der in einer Blase lebt, in der Opera-Bubble. Da kommt Wissen, Erfahrung von aussen herein. Und es ist vielleicht nicht falsch, beim

Lesen von Neals Biografie an den – ebenfalls Bariton singenden – Christian Gerhaher zu denken. Wie Gerhaher, der sich zunächst zum Arzt ausbilden liess, hatte Neal erst als Kadermitglied im Marketing einer Autofirma gearbeitet, bevor er sich den Traum vom Singen erfüllte. Mit über dreissig Jahren. Wegen der beschränkten Auftrittsmöglichkeiten in England fand Neal sein erstes Festengagement in Deutschland, am Theater Dortmund. Seither ist er viel in Deutschland zu hören, aber auch in seiner Heimat und bis hin nach Australien.

Auch in St. Gallen hört man Neal nicht zum ersten Mal. Vor fünf Jahren sang er hier am Theater in einem «Lohengrin». Wie überhaupt Wagner-Rollen seinen Kalender stark prägen. Wotan in einem Duisburger Ring-Zyklus – ausgefallen jedoch. Telramund in einem Leipziger «Lohengrin» – ein, zwei Aufführungen statt der geplanten Reihe. Als diese für die Kunst schwierige Zeit anbrach, hatten Neal und seine Ehefrau, eine ehemalige Sängerin und heute Therapeutin, Zeit, sich Grundsatzgedanken zu machen über Dinge, die sonst im Hintergrund schlummern: die Psyche nämlich von Sängern. «The singing brain» ist ein Projekt, eine Hilfsanleitung, nachzulesen auf Neals Homepage. Wie bereite ich mich vor, wie gehe ich mit Machstrukturen, mit dem Druck im Operngeschäft um? Was kann ich tun, um meine Talente am besten zu entfalten. «Expanding your comfort zones» heisst eines der Kapitel dieses Textes. Es geht hier darum, das Innere und die fremde Welt da draussen in Bezug zu setzen. Eine Welt, die in den letzten Monaten gehörig durcheinandergeraten ist. Was also tun?

Zurzeit bauen Neal und seine Frau in der Freizeit Kartoffeln an und anderes Gemüse. Im Garten ihres Landhauses, zwei Stunden nördlich von London. Der Sänger und die Knolle. Natürlich ist der Gemüseanbau nicht die neue Karriere des Simon Neal. Er übe täglich an seiner Stimme. «Es ist wichtig, ein Ziel zu haben. Und mein Ziel ist es, nach dieser Zeit ein besserer Sänger zu sein», sagt er, überzeugt, dass «dieses Ding» vorübergehen werde. Dass er – nicht nur in St. Gallen – bald wieder seine schillernden Bösewichte geben kann.

 

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