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Bilder: Igor Cat

«In allen Stilen und Epochen gelten für mich dieselben Regeln des Phrasierens, des Atmens, des Singens.»

 

Der 40-jährige Dirigent Pablo Heras-Casado im Gespräch
«Ich mag keine Etiketten»
Die Welt der klassischen Musik lebt auch heute noch grösstenteils auf verschiedenen Kontinenten. Da gibt es die Spezialisten für Alte Musik und solche für Neue Musik, wobei die Grossschreibung schon Distinktionsmerkmal ist. Dazwischen setzen sich Dirigenten mit dem klassisch-romantischen Repertoire in Szene oder widmen sich aus dem Orchestergraben ganz der Oper. Pablo Heras-Casado hält solche Unterscheidungen für uninteressant. Der spanische Dirigent denkt Musik von der Wurzel her und bis in die äusseren Äste der Moderne.
«Dass Oper eine gesellschaftliche Dimension haben muss, das ist für mich selbstverständlich.»

Benjamin Herzog

Reinmar Wagner

M&T: Sie haben sich, seit Sie Knabensopran waren, eine Liebe zum Gesang bewahrt. Zur Oper, zu Ensembles wie dem Balthasar Neumann-Chor oder dem Rias-Kammerchor Berlin. Ist Singen auch für Sie die Basis allen Musizierens?

Pablo Heras-Casado: Selbstverständlich. Schaut man sich die Musikgeschichte an, so ist Gesang die erste und damit sicher auch die instinktivste und natürlichste Art, Musik zu machen. Die Instrumente, die sich später zum Gesang gesellten, mussten sich an diesem Vorbild zwangsläufig orientieren. Ich kenne die Vokalmusik der Renaissance sehr gut, denn mit ihr hat meine Karriere begonnen. Von der Renaissance aus habe ich mich als Dirigent zur Barockmusik hin entwickelt, dann zu Mozart, Haydn und Schubert, Schumann, Brahms. Überall gelten für mich dabei dieselben Regeln des Phrasierens, des Atmens, des Singens.

M&T: Lassen Sie mich ein bisschen erstaunt sein. Bei Ihnen als Spanier hätte ich eher den Rhythmus als Zentrum der Musik vermutet. Oder trete ich da in die Klischeefalle?

Pablo Heras-Casado: Das mit dem rhythmischen Spanier ist sicher ein Klischee. Die spanische Folklore ist zwar sehr rhythmisch. So wie viele Folkloremusiken es sind. Aber der Gesang, denken Sie an den Flamenco oder die arabischen Gesänge auf der Halbinsel, ist dabei genauso wichtig. Er ist die Basis auch dieser Musik. Obwohl: Ohne Rhythmus, da gebe ich Ihnen recht, ohne dessen Skelett, hätte es das Melodische schwer. In der Kunstmusik hat spätestens in der Romantik sicher die Melodie ein sehr grosses Gewicht. Aber ohne die Knochen des Rhythmus kann man eine Phrase nicht organisch gestalten. Sagen wir es so: Das eine bedingt das andere.

M&T: Stimmt’s, dass Sie auch mal selbst auf einer CD-Produktion mitgesungen haben?

Pablo Heras-Casado: Das ist richtig. Als ich mit dem Balthasar Neumann-Chor Musik dreier Komponisten mit dem Namen Praetorius aufnahm, also nicht nur des bekannten Michael, da habe ich die Intonation gesungen. Also diese einstimmige Einleitung ganz kurz am Anfang.

M&T: Ihr Repertoire reicht von solcher alter Musik bis hin zur Moderne, inklusive Uraufführungen. Ein Mann ohne Scheuklappen?

Pablo Heras-Casado: Offensichtlich, ja. In meiner ganzen Karriere habe ich die Musik als grosses Ganzes begriffen, komme sie nun aus der Renaissance oder aus unserer Zeit. Ich sehe dabei, wie sich die Stile und ihre spätere Bezeichnung auseinander ergaben. Wichtig ist zu wissen, dass das alles mal zeitgenössische Musik war. Ich dirigiere keine Museumsstücke aus einer Vitrine, sondern befrage sie nach ihrem Kontext. Auch den zum Heute. Darum dirigiere ich auch viel Musik unserer Zeit. Es ist mir genauso wichtig zu wissen, welche Sprache wir heute in der Musik sprechen. Ausserdem hält mich zeitgenössische Musik wach. Sie verlangt von einem Dirigenten allergrösste Genauigkeit.

M&T: Für viele Leute gibt es aber dennoch einen Bruch. Und zwar dort, wo die sogenannte Neue Musik anfängt mit Schönberg. Oder vielleicht auch nach 1945, als Komponisten wie Boulez und Stockhausen auf den Plan traten. Das sind doch die Anfänge neuer Epochen.

Pablo Heras-Casado: Das glaube ich nicht. Alles ergibt sich auseinander. Es hat ja auch nie einer gesagt: So, jetzt fängt die Renaissance an oder der Barock. Diese Stilbezeichnungen haben sich ja erst später ergeben. Aber sie haben sich in unseren Köpfen nun mal festgesetzt. Auch bei Orchestern, die manchmal so einen Knopf haben, wie zum Beispiel «Brahms-Klang» und dann wird alles fett und schwer, weil «man» Brahms eben so spielt. International. Brahms aber kannte Schumann und Beethoven und war in diesen Interpretationssträngen drin. So wie er später von Schönberg rezipiert wurde. Ich mag keine Etiketten.

M&T: Ihr Terminplan ist sehr dicht. Wie viele Konzerte sind es pro Jahr?

Pablo Heras-Casado: Ich weiss es nicht einmal. 90 oder 100? Ich sollte das mal zählen.

M&T: Es gibt diesbezüglich sehr fleissige Dirigenten, wie zum Beispiel Valery Gergiev, der über 300 Konzerte jährlich dirigiert. Wann ist bei Ihnen die Obergrenze erreicht?

Pablo Heras-Casado: Ich denke da nicht in Zahlen. Jedes Konzert und jedes Opern- oder Aufnahmeprojekt muss seinen Sinn haben, seinen speziellen Grund. Es muss mich interessieren als Programm. Der Klangkörper muss mich interessieren. Da kommt schon einiges zusammen. Wichtig ist mir, dass ich mit meiner ganzen Hingabe dabei sein kann.

M&T: Hundertprozentige Hingabe, das ist ein Wunsch, der unter den terminlichen Bedingungen vieler Orchester oft nicht realisiert werden kann.

Pablo Heras-Casado: Ja, da muss man sich richten. Dann hat man halt einfach die Zeit, die einem zur Verfügung steht. Drei Tage für eine Aufnahme, das ist normal. Leonard Bernstein hat einmal gesagt, um ein gutes Resultat zu erzielen, brauche es eine gute Idee und wenig Zeit. Das ist eine Formel, die gute Resultate hervorbringt. Man muss sich einfach konzentrieren. Da sind die Amerikaner den europäischen Orchestern übrigens um einiges voraus.

M&T: Sie waren bis vor Kurzem Erster Dirigent des in New York beheimateten Orchestra of St. Luke’s. Steuern Sie auf einen neuen Chefposten zu?

Pablo Heras-Casado: Ich weiss es nicht.

M&T: Hätten Sie denn Lust?

Pablo Heras-Casado: Ja, denn die meiste Zeit als Dirigent war ich mit einem Ensemble eng verbunden. Heute dirigiere ich viel mehr Orchester als zu meiner New Yorker Zeit. Aber auch da kommt es auf die Herausforderung an, die ein Orchester und sein Repertoire an mich stellen. Das ist wie bei einer Hochzeit. Funktioniert’s, so ist’s gut. Und sonst lässt man das gemeinsame Projekt besser bleiben.

M&T: Ihre musikalische Ehepartnerin müsste wohl ein sehr breites Repertoire haben. Müsste man ein solches Ensemble vielleicht einfach erfinden?

Pablo Heras-Casado: Viele Orchester sind eigentlich schon dabei, ihre angestammten Gebiete zu verlassen. Sie machen sich die historische Aufführungspraxis bewusst. Sie benutzen teilweise alte Instrumente, vor allem die Bläser. Und sie gehen auf der anderen Seite stärker auf zeitgenössische Musik ein. Da gibt es eine stilistische Offenheit, die vor zwanzig Jahren noch nicht vorstellbar war. Die Staatskapelle Berlin ist so ein Orchester. Oder das Tonhalle-Orchester, wo ich Dutilleux mit Brahms kombiniere und auch schon Nono dirigiert habe und daneben spanische Renaissancemusik. So soll es sein.

M&T: Wir werden gleich noch über die Oper sprechen. Zuvor aber kurz: Segeln Sie eigentlich noch?

Pablo Heras-Casado: Ja. Immer wenn ich in San Francisco bin, miete ich mit Freunden aus dem dortigen Orchester ein Boot, und wir verbringen ein paar Tage auf See. Auch auf dem Mittelmeer segle ich gern. Also etwa zwei Mal im Jahr. So verliert man seine Fähigkeiten nicht.

M&T: Welche Rolle spielen Sie auf dem Boot? Sind Sie der Kapitän?

Pablo Heras-Casado: Auf Segelbooten bin ich gerne an den Segeln. Aber es gefällt mir auch, das Steuerrad in den Händen zu halten. Vorauszuschauen und zu berechnen, wie man am mühelosesten durchs Wasser gleitet.

M&T: In Madrid haben Sie Wagners «Fliegenden Holländer» dirigiert, in Aix-en-Provence «Carmen», in Madrid «Die Soldaten» in Madrid und in Berlin «L’incoronazione di Poppea». Dirigieren Sie lieber Oper oder Konzert?

Pablo Heras-Casado: Ich mag die Balance zwischen beidem. Die Zusammen-
arbeit mit Regisseuren und einem Ensemble an der Oper fasziniert mich und ich liebe den Moment, wenn bei der Premiere alles zusammenkommt. Aber nach einer Oper kehre ich gerne zu den Musikern eines Sinfonieorchesters zurück. Auch ist der Kontakt zum Publikum im Konzertsaal ein ganz anderer. Man spürt es viel deutlicher.

M&T: Bei einer Oper sind in der Regel viele verschiedene Kräfte am Wirken. Oftmals will mir scheinen, als ob Perfektion in einer dreistündigen Aufführung eher die Ausnahme ist als die Regel. Wie sehen Sie das?

Pablo Heras-Casado: Was ist Perfektion? Heisst es, dass die Dinge genauso laufen müssen, wie man sie sich vorher vorgestellt hat? Heisst es nicht vielmehr, dass während einer Aufführung Dinge passieren, die nicht kontrollierbar sind? Und bedeutet das dann, dass sie weniger perfekt sind? Ich sehe gerade hierbei Perfektion. Denn bei solchen unvorhersehbaren Momenten wird eine unglaubliche Energie freigesetzt. Perfektion im üblichen Sinne strebe ich vor allem bei der Probenarbeit an. Bei der Disziplin, auch in den Aufführungen – da gibt es kein Pardon. Aber es gibt diesen Prozentteil, der nicht kontrollierbar ist. Der ist aber genauso wundervoll.

M&T: Wenn das nicht Vorstellbare passiert ...

Pablo Heras-Casado: Genau. Und es gibt Dirigenten, die aus diesem Grund Oper scheuen. Weil sie da nicht alles kontrollieren können.

M&T: Sie sind Erster Gastdirigent am Teatro Real in Madrid. Der verstorbene Gerard Mortier, ehemaliger Intendant dort, hat von der Oper gefordert, sie solle «eine Anstalt sein, die gesellschaftliche Zustände aufzeigt». Was ist Oper für Sie?

Pablo Heras-Casado: Ich sehe das ähnlich wie Mortier, mit dem ich die letzten zehn Jahre seines Lebens eng zusammengearbeitet habe. Dass Oper eine gesellschaftliche Dimension haben muss, dass sie reflektieren soll, sich engagieren, das ist für mich selbstverständlich. Aber der grosse Teil aller Opern weist darüber hinaus eine weitere Dimension auf. Da geht es um so Universales wie unsere Ängste, Frustrationen, Sehnsüchte. Klar hat ein «Figaro» eine soziale Komponente, die genau in seine Epoche weist. Das findet man auch bei Verdi. Diese Kritik an den Zuständen der Gesellschaft, an ihrer Falschheit. Oper soll einen über solche Dinge ins Nachdenken bringen. Aber auch über sich selbst.

M&T: Heute zeigt in der Regel die Regie den gesellschaftskritischen Teil. Denn die meisten Häuser spielen Opern, die mehr als hundert Jahre alt sind. Bräuchte es nicht vielleicht mehr Komponisten und Librettisten, die mit ihrer Arbeit da etwas gegenwärtiger sein könnten?

Pablo Heras-Casado: Sicher. Jeder Künstler von heute sollte etwas über die Zustände unserer Welt sagen können. Aber die Opernhäuser wollen oder können sich da oft auch nicht allzu stark aus dem Fenster lehnen. Obwohl es profiliert zeitkritische Komponisten gibt, wie Thomas Adès, Peter Eötvös oder John Adams. Das ist sicher ein schlimmer Mangel. Aber auch wenn ein Haus mit einer bereits existierenden Oper zu deutlich Gesellschaftskritik betreibt, ist das für einen grossen Teil des Publikums bereits eine Zumutung. Das muss man aber weiterhin zeigen: das Unbequeme, das Grausame. Sei es in einem «Wozzeck», mit noch älterem Repertoire oder eben in ganz neuen Stücken.

M&T: Ist Madrid vielleicht ein Haus, das eine solche Breite zeigt?

Pablo Heras-Casado: Das könnte man sagen. Wir haben populäre Titel in ganz traditionellen Inszenierungen. Daneben haben wir aber auch in jeder Saison unbekannte Werke, Uraufführungen und Regiearbeiten, die ziemlich unbequem sein können. Da ist also für alle etwas dabei. ■

 

Im Januar und Februar dirigiert Pablo Heras-
Casado in Madrid das «Rheingold» von Wagner.

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Ausgabe: 11 - 2018