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oper

Bild: Simon Fowler/Erato/Warner Classics

Elsa Dreisig: «In meinem Leben möchte ich meine Grenzen möglichst weit hinausschieben.»

 

Die Sopranistin Elsa Dreisig erobert Rolle für Rolle – 
mit jugendlicher Frische und abgeklärter Professionalität
«Ich liebe Debüts!»
Elsa Dreisig ist eine moderne junge Frau – und taucht gleichzeitig mit Leidenschaft ein in die unterschiedlichsten Rollen zwischen Klassik und Moderne. Die Sopranistin mit französisch-dänischen Wurzeln war am Zürcher Opernhaus bereits als Musetta zu hören, nun ist sie die tragische Titelheldin in Jules Massenets «Manon». Im Interview spricht sie über ihre unbändige Lust auf Neues, 
die Freude über ihren zweiten ICMA-Award und wie sie sich vor stimmlicher Übermüdung schützt.
«Ich liebe Debüts!»

Andrea Meuli

«Die Rollen helfen mir in meinem Leben weiter»

M&T: Vier Rollendebüts stehen innert gut einer Spielzeit an: Manon, Elvira, Fiordiligi, Gilda – vier ganz verschiedene Frauen und Partien, vier grosse Herausforderungen. Sind Sie mit den Rollen schon vertraut?

Elsa Dreisig: Violetta, Micaela, Lauretta, Pamina, Euridice – alle waren neu für mich! Einzig Pamina habe ich bisher an zwei Häusern gesungen. Das finde ich spannend, Micaela habe ich im letzten Sommer achtmal gesungen – und nach fünf Vorstellungen dachte ich: Jetzt möchte ich etwas anderes singen… (lacht). Ich liebe ständig neue Herausforderungen. Auch wenn es natürlich schön ist, eine Partie wieder zu singen, mit ihr zu wachsen. Aber ich liebe Debüts! Und die nächsten fünf Spielzeiten bringen fast nur neue Partien! Einzig Pamina und Manon kommen wieder.

M&T: Keine Angst davor?

Elsa Dreisig: Nein, ich denke, ich kann das jetzt. Weil auch mein Gehirn dafür trainiert ist. Ich lese eine Partitur und lerne die jeweilige Partie sehr schnell. Anders ist es natürlich mit Neuer Musik. Ich habe gerade in einer Uraufführung von Beat Furrer an der Berliner Staatsoper mitgewirkt. Das erforderte drei Monate lang jeden Tag vier Stunden Studium. Um dagegen eine Partie wie Manon zu lernen, brauche ich vielleicht drei, vier Tage, um die Noten zu kennen und den Text auswendig zu können. Das bedeutet natürlich noch nicht, dass ich die Rolle singen kann. Um sie in den Körper zu bekommen, dauert es länger.

M&T: Aber Sie lernen leicht ...

Elsa Dreisig: ... ja, und ich weiss, dass dies ein Vorteil ist, der mir in meiner Karriere helfen kann. Ich habe schon als Kind mit sechs Jahren mit Musik angefangen, auf der Bühne zu stehen ist für mich sehr natürlich. Mal sehen, wie lange ich mir das bewahren kann und wie lange ich Spass daran habe, mich auf immer neue Rollen und Werke einzulassen. Vielleicht rät mein Agent mir in drei Jahren ja auch, die eine oder andere Partie wegzulassen und mich auf einige besonders passende zu konzen­trieren...

M&T: Man muss mit den gespielten Figuren auch leben. Mögen Sie es, ganz unterschiedliche Frauen zu verkörpern?

Elsa Dreisig: Letzte Spielzeit habe ich in Berlin «Traviata» gesungen. Violetta kam genau in jenem Moment zu mir, als ich von dieser Figur etwas für mich selbst lernen und daran wachsen konnte. Musikalisch, aber auch persönlich, vom Temperament her. Das geschieht jetzt wieder mit Manon. Die Rollen helfen mir in meinem Leben weiter. Ich finde immer eine besondere, ganz persönliche Beziehung zu einem dargestellten Charakter.

M&T: Auch bei ganz extremen Charakteren?

Elsa Dreisig: Ja, von Manon beispielsweise bin ich sehr weit weg, wenn wir ihre Geschichte betrachten. Aber wenn man sich vorstellt, dass sie eine junge Frau ist, die Angst davor hat, frei zu sein, der es vielleicht an Liebe gemangelt hatte, als sie klein war, dann rückt sie einem viel näher. Deshalb erlaubt sie es sich nicht, glücklich zu sein. Das ist etwas, was man sehr persönlich nehmen kann. Natürlich achte ich darauf, dass ich Charaktere angeboten bekomme, die zum jetzigen Zeitpunkt auch gut für mich sind.

M&T: Ist es hilfreich, sich mit einer Figur identifizieren zu können? Oder sind Kunstfigur und eigenes Ich zwei völlig getrennte Bereiche?

Elsa Dreisig: Es hilft mir schon. Aber ich habe es auch schon erlebt, dass ich eine Figur singen und verkörpern musste, in der ich mich selbst überhaupt nicht sehen kann. Dircé in «Medée» von Cherubini war eine solche Rolle. Sie war eine Spur zu hoch für mich und mit vielen Koloraturen – an der Grenze für meine Stimme. Diese Frau war nicht nur musikalisch weit weg von mir, auch mit ihrem Charakter habe ich nichts zu tun. Alles – die ganze Oper, die Musik, die Partie – waren ein wenig fremd für mich. Am Ende habe ich mich trotzdem gefreut – ich war auf der Bühne, ich hatte es geschafft – aber ein solcher Prozess ist vielleicht etwas schwieriger.

M&T: Welche Bedeutung hat das Produktionsteam um Sie herum?

Elsa Dreisig: Das Team, die Kollegen sind wichtig. Am wichtigsten jedoch ist der Dirigent. Denn mit einem schlechten Dirigenten kann man nicht überleben. Das nimmt einem viel zu viel Energie.

M&T: Haben Sie Glück gehabt bisher?

Elsa Dreisig: Zwei, drei weniger gute Erfahrungen in Konzerten habe auch ich gemacht. Da dachte ich, es geht ums Überleben. Aber ganz klar: Das Glück überwiegt, ich habe gute Engagements bekommen. Und an diesen Häusern arbeiten dann auch die besten Leute.

M&T: Ist das Problem von Sängern mit dem Dirigenten vor allem die Lautstärke?

Elsa Dreisig: Wenn ein Dirigent nicht weiss, was eine Stimme braucht, um sich entfalten zu können, wird es schwierig. Da vergisst du schnell, was du kreieren willst, dass du mit deinem Feuer und deiner Freude dem Publikum etwas geben möchtest. Und denkst nur noch: Ich muss mich retten! Natürlich spielt dabei vor allem das Klangvolumen des Orchesters eine Rolle. Das Problem dabei ist, dass wir so nahe beim Dirigenten stehen und er uns daher immer hört – was für das Publikum nicht gelten muss. Weniger gute Dirigenten vergessen das und geben mit dem Orchester Vollgas. Das zwingt uns Sänger zum Brüllen. Und das ist gefährlich.

M&T: Merken Sie das schnell?

Elsa Dreisig: Ja, sofort! Ich reagiere sehr intuitiv darauf. Nach fünf Minuten schon spüre ich, dass meine Stimme müde ist. Das ist gut so und schützt mich auch. Es gibt Leute, die können sich fünf Stunden voll anstrengen und merken erst danach: Jetzt habe ich mich beschädigt. Ein solcher Typ bin ich nicht – vielmehr spüre ich schon nach wenigen Minuten, dass mich in drei Stunden Schmerzen plagen würden. Auf diesen Schutzmechanismus kann ich zum Glück bauen. So konnte es mir nie passieren, dass ich nach einer Vorstellung konstatieren musste, dass meine Stimme weg war. Ich erkannte das immer im Voraus und konnte mich so auf das Überleben einstellen: mich auf meine Technik verlassen und nicht mehr als dreissig Prozent Stimme geben.

M&T: Sind Konzerte gefährlicher als die Oper?

Elsa Dreisig: Im Konzert oder in einer Opernvorstellung kann ich mich immer irgendwie retten. Proben und Coaching hingegen – generell Situationen, in denen das Adrenalin und die Erwartungen nicht so hoch sind – sind gefährlicher. Da bin ich viel verletzlicher. Die Bühne ist wie ein Schutz für mich. Denn Markieren und nicht alles geben ermüdet genauso. Und wenn ich müde bin, kann ich nicht markieren.

M&T: Weshalb? Das müssen Sie mir erklären!

Elsa Dreisig: Zum Markieren muss man fit sein. Das wird von Regisseuren wie Dirigenten unterschätzt. Die denken einzig, man müsse krank sein, um etwas abzusagen. Aber manchmal ist meine Stimme so müde und fehlt mir jede Energie und Inspiration – da bin ich gefährdet, da kann ich mir wehtun. Sich in so einer Situation zurückzuziehen ist jedoch schwierig. Schliesslich bin ich ja nicht krank, und medizinisch beweisen kann ich es auch nicht.

M&T: Wie gehen Sie damit um?

Elsa Dreisig: Ich hoffe, künftig stark genug zu sein, an solchen Probentagen abzusagen oder mitzumachen, aber nicht zu reden oder zu singen. Ich kann mich ja bewegen und trotzdem schauspielern. Das wäre mein Wunsch. Solche Tage sind Gott sei Dank sehr selten – aber sie existieren.

M&T: Wann sind Sie nervös?

Elsa Dreisig: 24 oder 48 Stunden vor einer Vorstellung oder einem Konzert bin ich viel nervöser als unmittelbar vor dem Auftritt. Da zweifle ich an mir und habe das Gefühl, ich schaffe die Partie nicht, meine Technik genüge nicht. Aber inzwischen habe ich begriffen, dass das bloss psychologisch ist. Unmittelbar vor dem Auftritt vergisst man sich selbst ein wenig, da gibt einem das Theater jene unbeschreibliche Energie, die es braucht. Man weiss ja: Nun muss ich raus und gut sein! Das zwingt das Ego, stark zu sein, möchte ich doch die Menschen im Publikum nicht enttäuschen. Das hilft, die Nervosität mehr und mehr zu dämmen, je näher die Vorstellung rückt.

M&T: Ihr erstes Solo-Recital «Miroir(s)» ist ungewöhnlich. Wie sind Sie darauf gekommen, den Schlussgesang der Salome in dieses Programm zu integrieren?

Elsa Dreisig: Ich habe diese Szene schon zweimal im Konzert gesungen. Das passt zusammen mit dem, was ich über meine Persönlichkeit gesagt habe: Ich möchte singen, was ich mag! Auf meiner CD wollte ich nicht nur Stücke aufnehmen, die heute zu mir gehören, sondern auch solche, in denen ich meinen musikalischen Geschmack zeigen kann – und wo auch mein Herz ist. Salome gehört unbedingt dazu. Müsste ich immer nur jene Arien singen, die man von einem 26-jährigen Sopran erwartet, käme ich mir wie ein Pferd mit Scheuklappen vor. Dazu habe ich keine Lust. Kunst ist immer ein Prozess. Picasso hat ja auch oft verschiedene Versionen gezeichnet und gemalt, bis er zu einem Meisterwerk gekommen ist. Ich darf doch meine erste Salome schon jetzt singen – im Wissen, dass sie noch nicht fertig ist und die Bühne zu früh käme. Auch wenn es natürlich Sinn macht, dass Salome von einer jungen Frau verkörpert wird. Frisch und offen möchte ich immer sein, das wollte ich auch mit diesem Recital verwirklichen.

M&T: Vor zwei Jahren bekamen Sie einen ICMA als «young artist», dieses Jahr einen weiteren für Ihr erstes Solo-Recital. Welcher freut Sie mehr?

Elsa Dreisig: Für mich sind diese Auszeichnungen bedeutsam, weil sie Vertrauen in meine Kunst dokumentieren. Mir ist enorm wichtig, dass ich den Award, den ich vor zwei Jahren bekommen habe, bestätigen kann – dass er richtig war, dass ich etwas zu sagen hatte. Ich war damals und bin heute nicht fertig – natürlich möchte ich mich verbessern, solange ich singe. Die ICMA-
Awards suchen Qualität auszuzeichnen und richten sich nicht bloss nach der Berühmtheit der Interpreten. Dass ich nun für mein Recital erneut ausgezeichnet werde, bestätigt mir meinen künstlerischen Weg – und dass ich nicht bloss ein Marketing-Produkt bin.

M&T: Die Berliner Staatsoper und die Pariser Oper sind die beiden Häuser, an denen Sie am häufigsten auftreten und auch mit Ihren Partien debütieren. Dazwischen kommt nun die Manon in Zürich – hat hier künftig auch noch etwas Platz…?

Elsa Dreisig: Ja, ja, es muss nur in meinem Kalender Platz finden! Wenn sich dazu die richtige Partie anbietet – dann kommt hundertprozentig etwas dazu. Denn ich liebe diese Stadt und das Opernhaus sehr. Es kommt mir auch entgegen, da es zwar ein wichtiges, aber gleichzeitig eher intimes Haus ist. Ich mag es, nicht schreien zu müssen, das macht mir keinen Spass. Das ist in Zürich wunderbar – in Paris ist es schwieriger, an der Metropolitan Opera unmöglich. Und die Akustik von Covent Garden, wo ich mein Debüt in der nächsten Spielzeit als Pamina geben werde, kenne ich noch nicht.

M&T: Sind Sie ehrgeizig?

Elsa Dreisig: Ja, schon, ich erwarte von mir auch viel. Wenn ich etwas angehe, versuche ich, es natürlich immer so gut wie möglich zu machen. Das gilt auch privat – sogar beim Kartenspiel (lacht). In meinem Leben möchte ich meine Grenzen möglichst weit hinausschieben. Das macht mir auch Spass! ■

Jules Massenet: «Manon»

Musikalische Leitung: Marco Armiliato Inszenierung: Floris Visser Manon: Elsa Dreisig Des Grieux: Piotr Beczala Vorstellungen bis 15. Mai www.opernhaus.ch Das Debüt-Recital von Elsa Dreisig bei Erato/Warner ... Weiter
Ausgabe: 05 - 2019