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musik

Bild: Jannette Kneisel

«Es macht mir Spass, an meine technischen Grenzen zu gehen. Ich fühle mich dann wie ein Sporttrainer und meine Finger und mein Körper sind meine Athleten.»

 

Die Schweizer Cellistin Chiara Enderle hat den Karrierestart geschafft
«Ich lasse mich 
gerne überraschen»
Als Tochter des Primgeigers und der Bratschistin des Carmina Quartetts wuchs Chiara Enderle mit klassischer Musik auf. Sie wählte das Cello und startete erfolgreich in eine Solistenkarriere. Mit Lionel Bringuier und dem Orchester tourt sie durch die Schweiz, 
diesen Sommer debütiert sie beim Lucerne Festival und hat gerade eine spannende CD mit Musik von Ernest Bloch aufgenommen.

Reinmar Wagner

«Ich habe eine Idee, was für 
mich stimmt, aber ich kann 
auch nachgeben, so lange das 
Gesamtbild stimmt.»

 

M&T: Chiara Enderle, Ihre Eltern sind das Rückgrat des Carmina Quartetts, Sie sind in einem musikalischen Haus aufgewachsen. Wäre es für Sie überhaupt möglich gewesen, nicht Musikerin zu werden?

Chiara Enderle: Es wäre sehr unwahrscheinlich gewesen, wenn ich kein Instrument gespielt hätte. Alle Verwandten und Freunde in meiner Umgebung haben Musik gemacht, viele im Amateurbereich, alle mit viel Spass an der Sache. Dass ich professionelle Musikerin geworden bin, war hingegen nicht von Anfang an vorgezeichnet. Ich habe viele Interessen, es wären auch andere Berufe für mich sehr gut infrage gekommen.

M&T: Als kleines Kind haben die Eltern Sie oft auf Konzertreisen mitgenommen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Chiara Enderle: Als Kind war das wunderschön, ich hatte meine Eltern ständig bei mir, in Japan wurde ich beschenkt, das hat mich schon geprägt. Später, in der Schulzeit, lebte ich oft bei der Familie meiner Tante, mit zwei älteren Cousins. Da fand ich es dann nicht mehr so lustig, wenn meine Eltern immer wieder wochenlang unterwegs waren.

M&T: Und wann fiel schliesslich der Entscheid zum Musikstudium?

Chiara Enderle: Es gab keinen bewussten Entscheid. Ich besuchte das Kunst- und Sportgymnasium und bin ganz natürlich in diese Situation hineingewachsen. Lange war mir nicht wirklich bewusst, was es bedeutet, professionelle Musikerin zu sein. Erst während dem Studium habe ich gründlich darüber nachgedacht, ob ich das wirklich will. Und es tat gut, zu merken, dass es für mich stimmt.

M&T: Und dass Sie am liebsten Solistin werden wollten, war dann auch klar?

Chiara Enderle: Die grossen Solokonzerte begleiten uns während des Studiums ständig, und man möchte sie schon irgendwann im Konzert aufführen. Aber ich konnte nicht erwarten, dass ich als Solistin erfolgreich sein würde. Ich habe es gehofft, aber sah die Möglichkeiten realistisch. Umso glücklicher bin ich, dass es möglich geworden ist, und ich geniesse die Autonomie und die Verantwortung.

M&T: Ihre Eltern spielen Geige und Bratsche. Naheliegend, dass Sie das Cello wählten?

Chiara Enderle: Schon, aber ich habe mich auch in den Klang des Cellos verliebt. Und es gefiel mir auch, weil man ganz verschiedene Rollen einnehmen kann, mal Melodie, mal Begleitung und Basslinie, etwa in der Kammermusik.

M&T: Wie war es, mit den Eltern zusammen zu musizieren?

Chiara Enderle: Das hat immer gut funktioniert, weil sie mir auch als Kind Platz liessen, mich ernst nahmen. Das hat sich gar nicht so sehr verändert, auch heute spielen wir viel zusammen. Und wir haben ein intuitives Musikverständnis, man muss gar nicht so viel besprechen wie in anderen Kammermusikformationen.

M&T: Ist musikalischer Geschmack vererbbar?

Chiara Enderle: Ob vererbt oder erworben kann ich nicht sagen. Aber wir teilen schon gemeinsame Vorlieben, haben ein ähnliches stilistisches Empfinden.

M&T: Gab es nie eine rebellische Phase in ihren Teenagerjahren?

Chiara Enderle: Es war nie ganz unharmonisch, aber natürlich muss man manchmal Geduld miteinander aufbringen. Jede Familie ist sich so nahe, dass es immer Konflikte gibt, aber man will zusammen ja etwas erreichen, und so bringt man diese Geduld auch auf. Wir haben viel Streichtrio gespielt, aber auch Quintette mit dem Carmina-Quartett. Das Streichquintett von Schubert ist wohl dasjenige Stück, das ich am meisten gespielt habe, und zwar in beiden Cellopartien. In Zürich-Wollishofen habe ich eine Konzertreihe, wo ich mit Freunden Kammermusik aufführe, und seit vielen Jahren bin ich immer wieder im Herbst nach Prussia Cove zu den Meisterkursen für Kammermusik gereist und habe dort auch viel Kammermusik kennen gelernt.

M&T: Finden Sie neben Ihren Solo-Engagements immer wieder Zeit für Kammermusik?

Chiara Enderle: Ja, und ich halte mir auch bewusst Zeit dafür frei. Kammermusik ist ein wichtiger Bestandteil meines Musikerlebens, und ich würde nie wollen, dass sich das ändert. Man lernt so viel dabei, das Gemeinschaftserlebnis ist intensiv, die Kontakte mit Gleichgesinnten bereichernd und wertvoll. Und es gibt wunderbare Stücke, das Klavierquintett von Brahms zum Beispiel würde ich wahnsinnig gern spielen, Brahms überhaupt, auch die Streichquartette. Oder auch die Quartette von Beethoven.

M&T: Sie haben das Quartettspiel bei Ihren Eltern sehr intensiv miterlebt. Wie ist es denn heute für Sie, wenn Sie in einem losen Ensemble diese Musik spielen?

Chiara Enderle: Es ist ein grosser Unterschied, ob vier Individuen für kurze Zeit zusammen in dieses Repertoire eintauchen oder ob das ein über die Jahre zusammengewachsenes Ensemble macht. Wenn ich mit dem Carmina-Quartett spiele, ist das ein Hineinschlüpfen in ein gewachsenes Gesamtbild. Das ist ein anderes Gefühl, als wenn vier Solisten zusammen kommen. Wenn man Glück hat, kann das sehr schön werden, man ist hoch konzentriert, spontan, offen, muss sich gegenseitig aufeinander einlassen und reagieren können.

M&T: Klingt nach idealer Kammermusikerin?

Chiara Enderle: Ständig in einem festen Ensemble zu spielen, wäre mir zu eng. Ich mag am Cellorepertoire, dass man kaum darum herumkommt, alles zu spielen, was es für dieses Instrument gibt. Als Geiger oder Pianist reicht ein Leben nicht aus, um all die grossen Solokonzerte zu spielen, beim Cello geht es, und wir haben tolle Stücke in allen Epochen.

M&T: In der Romantik würde es schon noch etwas mehr vertragen?

Chiara Enderle: Ein Brahms-Cellokonzert wäre natürlich ein Traum, immerhin gibt es das Doppelkonzert. Mir sind die Klassiker noch lange nicht verleidet, Schumann, Dvorák, Tschaikowsky, Schostakowitsch spiele ich immer gerne. Kürzlich habe ich zum ersten Mal das Konzert von Schönberg aufgeführt, das ist auch ein Stück, das ich gerne häufiger machen würde. Gerade im 20. Jahrhundert gibt es wunderbare Konzerte, etwa von Dutilleux, Lutoslawski oder Britten.

M&T: Auf CD haben Sie das bis dahin praktisch unbekannte Konzert des Beethoven-Zeitgenossen Anton Wranitzky eingespielt.

Chiara Enderle: Der Anstoss kam durch die Orpheum-Stiftung. Ich kannte das Stück davor auch nicht. Als ich es lernte, verstand ich, warum es nicht so bekannt ist, es ist sehr schwer und man muss ziemlich viel tun, um es lebendig klingen zu lassen. Zudem verlangt es eine recht grosse Orchesterbesetzung mit vielen Bläsern.

M&T: Auf Ihrer zweiten CD haben Sie neben den bekannten Cellostücken von Bloch auch drei Solo-Suiten aufgenommen. Auch eine Rarität im Repertoire.

Chiara Enderle: Ich habe sie auch erst entdeckt, als ich nachforschte, was es von Bloch neben «Jewish Live» für Cello gibt. Die Suiten schrieb Bloch viel später, gegen Ende seines Lebens, sie sind introspektiv, es ist nur noch ein Hauch von dieser jüdischen Musik auf ganz andere Art spürbar.

M&T: Für Ihr Debütkonzert beim Lucerne-Festival im Sommer wählten Sie mit Schuberts «Arpeggione»-Sonate und der zweiten Cellosonate von Brahms gewichtige romantische Musik und als Kontrast ein Stück von Penderecki.

Chiara Enderle: Ich habe aus meinen Lieblingsstücken diejenigen ausgewählt, die ich Lust hatte, dort zu präsentieren. Hiroko Sakagami ist eine fantastische Pianistin, und ich wollte auch Repertoire spielen, das dem Klavier eine wichtige Rolle gibt, in dem wir uns gegenseitig anfeuern. Das Stück von Penderecki ist ein Kontrast, der eine ganz andere, theatralische Seite von mir zeigt. Es ist das perkussivste Stück, das ich kenne, auch sehr skurril und witzig, auch das macht viel Spass.

M&T: Im Rahmen der Migros-Kulturprozent-Classics spielen Sie mit dem Tonhalle-Orchester unter Lionel Bringuier Dvorák. Aber nicht das Cellokonzert, sondern sein kurzes Charakterstück «Waldesruhe». Klingt es so, wie es der Titel suggeriert?

Chiara Enderle: Ja, es ist ein sehr freundlicher, grüner Wald, der nichts Bedrohliches hat. Es ist ein kurzes, sehr atmosphärisches Stück, das Gefühle von Ruhe und Frieden in einer harmonischen Naturstimmung weckt. Es ist nicht ganz einfach, das Konzert mit dieser Musik zu eröffnen. Man muss versuchen, gleich mit den ersten Tönen diese Atmosphäre zu schaffen. Gespannt bin ich auch auf Lionel Bringuier. Ich spiele ab und zu Aushilfsdienste im Tonhalle-Orchester und habe schon unter ihm gespielt. Aber davon weiss er wohl nichts.

M&T: Das Spielen im Orchester reizt Sie also auch?

Chiara Enderle: Ich würde das nicht gerne ständig machen wollen, aber für ein paar Wochen im Jahr finde ich es sehr spannend und bereichernd. Wenn ich das Orchester von innen kenne, kann ich auch als Solistin besser damit umgehen. Aber mir gefällt es schon, selber Verantwortung zu übernehmen für das klangliche Resultat und nicht nur Anweisungen zu befolgen.

M&T: Und wenn ein Dirigent das falsche Tempo anschlägt, sind Sie dann die Kämpferin oder lassen Sie sich darauf ein?

Chiara Enderle: Das Interessante am Zusammenspiel mit Orchestern ist ja, dass man nicht alles in der Hand hat. Manchmal kommt es anders als erwartet, und vielleicht versuche ich schon, etwas anzukurbeln, was mir zu langsam erscheint. Aber es kann auch eine Herausforderung sein, in dem vorgegebenen Tempo das auszudrücken, was man sagen will. Ich habe schon klare Vorstellungen, wie ich etwas spielen möchte und suche in der Partitur und in mir nach dem passenden Ausdruck. Aber wenn dann etwas anders kommt, als ich es mir zu Hause zurechtgelegt habe, bin ich nicht ablehnend, sondern spontan. Musik ist Kommunikation, und der Kontakt mit anderen Musikern ist unheimlich bereichernd. Auch in der Kammermusik streite ich nicht gern lange über kleine Details. Ich habe eine Idee, was für mich stimmt, aber ich kann auch nachgeben, solange das Gesamtbild stimmt.

M&T: Sie hatten mit Thomas Grossenbacher, Jens Peter Maintz und Steven Isserlis auch ganz verschiedene Lehrer.

Chiara Enderle: Bei Isserlis habe ich nicht offiziell studiert, aber viele Privatstunden und Kurse besucht. Die drei sind tatsächlich komplett verschieden. Isserlis sieht sich nicht als Lehrer, sondern schildert, wie er ein Stück empfindet, welche Gedanken er sich dabei macht. Das hat mir neue Welten geöffnet, seit ich mit 17 zum ersten Mal bei ihm war. Thomas Grossenbacher ist ein Lehrer wie aus dem Bilderbuch, der Verantwortung übernimmt und sich für jeden Schüler genau überlegt, wie er ihn weiter bringen kann. Wenn ich unterrichte, was ich manchmal in Kursen mache, ist er mein grosses Vorbild. Jens Peter Maintz war dann eher ein Kollege, ein Coach, zu dem ich mit konkreten technischen Fragen gegangen bin.

M&T: Haben Sie sich auch schon mit barocken Spieltechniken und Darmsaiten beschäftigt?

Chiara Enderle: Ich habe noch nie Darmsaiten aufgezogen, aber ich plane, mich damit auseinanderzusetzen und mich bei einem Barockcellisten weiter zu bilden. Jetzt, wo ich keinen Hauptlehrer mehr habe, finde ich es wichtig, nicht stehen zu bleiben. Es macht mir Spass, an meine technischen Grenzen zu gehen. Ich fühle mich dann wie ein Sporttrainer und meine Finger und mein Körper sind meine Athleten.

M&T: Reizt Sie auch die zeitgenössische Musik?

Chiara Enderle: Ich habe letztes Jahr ein Klarinettenquintett von Helena Winkelmann uraufgeführt, mit ihr als Geigerin. Das war das erste Mal, dass ich so intensiv mit einer lebenden Komponistin arbeiten konnte. Ich mag sehr, wie sie überlegt, wie sie mit Stimmungen arbeitet, Volksmusik einbezieht. Manchmal in der zeitgenössischen Musik ist der Lernprozess recht schwierig mit all den alternativen Notationen, mit den ausführlichen Spielanweisungen. Man sieht nicht auf den ersten Blick, ob ein Stück gut ist, man muss ihm eine Chance geben, und dann kommt halt nur eines auf drei oder fünf, das wirklich genial ist.

M&T: Zwei CDs haben Sie eingespielt, gibt es weitere Aufnahmepläne?

Chiara Enderle: Im Moment nicht. Ich habe Respekt davor, die grossen Stücke des Repertoires quasi zu fixieren, und denke, es ist vielleicht gut, noch einige Erfahrungen mit ihnen zu sammeln. Andererseits reizt mich diese Herausforderung auch. Eine Aufnahme ist noch einmal etwas völlig anderes als ein Konzert, vor allem wenn ein Orchester beteiligt ist. Das ist auch immer eine Frage der Möglichkeiten und verschiedener Umstände, die man selber kaum beeinflussen kann. Ich schaue, was auf mich zukommt, und lasse mich gerne überraschen. ■

CDs mit Chiara Enderle

  • Paul Wranitzky: Cellokonzert op. 27, 
Sinfonie Nr. 24, Anton Wranitzky: 
Violinkonzert op. 11. Chiara Enderle (Cello), Veriko 
Tchumburidze (Violine), Münchener 
Kammerorchester, Howard Griffiths. 
Sony 88875127122 • NEU: Ernest Bloch: «From Jewish Life», 
3 Suiten für Cello solo, «Médita ... Weiter

Migros-Kulturprozent-Classics

Tonhalle-Orchester Zürich Lionel Bringuier (Leitung) Gil Shaham (Violine) Chiara Enderle (Cello)31. Mai 2017, Victoria Hall, Genf, 20:00 1. Juni 2017, Kulturcasino Bern, 19:30 2. Juni 2017, Tonhalle Zürich, 19:30 Antonín Dvorˇák: « ... Weiter

Lucerne Festival Sommer

Chiara Enderle (Cello) Hiroko Sakagami (Klavier) 29. August 2017, Casineum, 12:15 Franz Schubert: «Arpeggione»-Sonate D 821 Krzysztof Penderecki: «Capriccio per 
Siegfried Palm» Johannes Brahms: Cellosonate Nr. 2 op. 99 Weiter
Ausgabe: 05 - 2017