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Bilder: Priska Ketterer/Lucerne Festival

Bernard Haitink: «Man wird mit den Jahren wohl etwas ruhiger.»

 

Bernard Haitink nimmt mit einem letzten Konzert am Lucerne Festival seinen Abschied
«Ich hatte 
grosses Glück»
Tritt er wirklich ab? Oder will er nach seinem letzten Auftritt beim diesjährigen Lucerne Festival am 6. September zusammen mit den Wiener Philharmonikern mit Bruckners siebter Sinfonie doch vorerst nur ein Sabbatical einlegen? Nein, es soll sein letztes Konzert sein, wie die niederländische Zeitung «de Volkskrant» Mitte Juni ankündigte: «De grootse maestro Bernard Haitink (90) stopt.»
Bernard Haitink und Murray Perahia – diese musikalische Konstellation ist in Luzern ein letztes Mal noch zu erleben.

Werner Pfister

«Wir sind alle einfach 
nur Musiker»

Eine höchst aussergewöhnliche Dirigen-
tenkarriere, die vor 65 Jahren ihren Anfang nahm, neigt sich nun wohl doch ihrem Ende zu. Sein allerletztes Konzert, sagte Bernard Haitink, werde er in Luzern dirigieren. «Ich bin jetzt neunzig. Ich kündete an, dass ich ein Sabbatical nehmen werde, weil ich nicht sagen wollte: Ich höre auf. Denn ich habe keinerlei Lust auf alle diese offiziellen Abschiedsdinge, aber es ist eine Tatsache, dass ich nicht mehr dirigieren werde.» Allerdings, eine Hintertür möchte er sich vielleicht doch noch offenhalten – nämlich als Einspringer doch noch einmal ans Dirigentenpult zurückzukehren. Falls die Rahmenbedingungen stimmen, wie er betont. Ob Bernard Haitink das wirklich in Betracht zieht? «Ehrlich gesagt: Wenn ich einmal aufgehört habe, glaube ich nicht, dass ich dann noch dirigieren kann.»

Eine persönliche Erinnerung: Mahlers Neunte, der letzte Satz, Generalprobe. Nicht ein einziges Mal unterbricht Haitink den Fluss der Musik, nicht ihr letztes Aufbäumen und erst recht nicht ihr langsames Abschiednehmen und Verlöschen. Er gibt auch keinerlei Kommentare ab, während die Musikerinnen und Musiker spielen – aber er schaut sie an. Und zwar derart intensiv, dass man seine dirigierenden Hände, die sich eh auf das Notwendigste beschränken, fast übersehen könnte: Haitink führt seine Musiker vor allem mit den Augen, genauer gesagt: lobt sie mit den Augen dorthin, wo er sie haben möchte. Das Orchester folgt ihm wie in Trance und mit höchster Konzentration. Nachdem der letzte Ton verklungen ist, doch noch ein paar wenige Worte – vor allem: Dank an die Musikerinnen und Musiker. Als ich ihn nachher in seiner Garderobe frage, ob man solche Musik überhaupt proben könne, sagt er, sichtlich bewegt: «Nein. Man kann sie nur spielen. Und auch das nur mit grösstem Respekt.» Respekt – ein Schlüsselwort für Haitinks Umgang mit der Musik und dem Dirigieren.

Eigentlich hatte Bernard Haitink als Geiger begonnen. Doch bald erwachte das Bedürfnis zu dirigieren. Warum?, fragten wir ihn vor Jahren schon in einem Interview für Musik&Theater. «Eine schwierige Frage. Vielleicht, weil ein einziges Instrument mir nicht genügte – weil ich den Drang verspürte, ein Werk ganz zu verstehen und nicht nur von einer einzigen Stimme her.» Fortan folgte Haitink diesem Drang, ging seinen Weg, aber nie auf der Überholspur. Von Karriere mochte er schon gar nie reden: «Ich werde ziemlich allergisch, wenn man von grossen Dirigenten und ihren Karrieren redet. Ich hasse allein schon das Wort. Wir sind doch alle einfach nur Musiker, so oder so.» Haitink hat sich nie in Szene gesetzt, nie medienwirksam in den Vordergrund gedrängt – und wurde von gewissen Musikfeuilletonisten dann prompt als «Mann ohne Eigenschaften» belächelt. Haitink focht das nie an, im Gegenteil, er konterte solche Dinge mit Humor: «Ehrlich gesagt kann ich mir meinen Erfolg auch nicht erklären. Ich sage nicht viel bei den Proben, ich doziere nicht, ich kann keine Monologe halten. Oft denke ich: Die haben nicht viel an mir.»

Mit 27 stand er zum ersten Mal vor dem Royal Concertgebouw Orkest in Amsterdam. Das war 1956. «Mein Gott, schau mal, was für ein Baby», soll eine Konzertbesucherin gesagt haben. «Es war auch idiotisch», meinte Haitink im Rückblick. «Ich war 27, und eigentlich sah ich noch jünger aus. Aber irgendwie ging alles ganz automatisch. Da kann man sich nicht dagegen wehren – vielleicht nennt man das Talent.» Fünf Jahre später wurde er Chefdirigent beim Concertgebouw, anfänglich an der Seite des versierten Eugen Jochum, und Haitink blieb dieser Aufgabe bis 1988 treu. Es war die Zeit, als die grossen Bruckner- und Mahler-Einspielungen realisiert wurden. Bald galt er weltweit als Bruckner-Spezialist – was Haitink selber so nicht gelten lassen wollte: «Ich bin überhaupt kein Spezialist. Bruckner – wie übrigens später auch Mahler – kamen einfach in mein Leben, der eine früher, der andere später.»

Mit Mahler hatte es übrigens seine eigene Bewandtnis. «Ich kam vergleichsweise erst spät zu Mahler. Bruckner stand mir viel näher, doch nach unseren Bruckner-Aufnahmen wünschte sich das Concertgebouw Orkest auch Mahler-Einspielungen. Es wurde für mich eine schwierige Auseinandersetzung. Als ich die erste Sinfonie zum ersten Mal dirigiert hatte, schrieb ein bekannter Kritiker: ‹Haitink soll die Finger von Mahler lassen, er hat überhaupt nichts davon verstanden.› Dennoch schaffte ich damals einen Durchbruch für Mahler, insbesondere auch mit unseren TV-Konzerten zum Jahresende, durch die unzählige Menschen mit Mahler vertraut wurden.» Dem Mahler-Boom, wie er seit den 1980er-Jahren weltweit immer flächendeckender das Musikleben prägt, steht Haitink heute allerdings kritisch gegenüber. «Wenn man Erfolg haben will, spielt man heute Mahler.» Dabei werde Mahler immer lauter. Und das sei eine Entwicklung, die dem innersten Charakter von Mahlers Musik völlig zuwiderlaufe. Denn Mahler sei nie – in keinem seiner Werke – ein affirmativer Komponist gewesen. Haitinks eigene Aufführungen bestätigten das.

Auch für Schostakowitschs Sinfonien leistete Haitink Pionierarbeit, und auch da gab es anfänglich Probleme: «Ich hatte Mühe, Schostakowitsch ins Repertoire aufzunehmen und einzuspielen. Ich begann mit der Sinfonie Nr. 14 – mit Julia Varady und Dietrich Fischer-Dieskau als Gesangssolisten. Als die Aufnahme veröffentlicht wurde, stiess sie auf grosses Interesse. Doch sofort hiess es, das sei nur wegen der beiden Solisten. Danach nahm ich die Fünfte auf. Erst dann war man auch von mir überzeugt.» Und in seiner sprichwörtlichen Bescheidenheit fügte Haitink an: «Ich hatte grosses Glück. Heute ist es für junge Dirigenten schwieriger geworden.»

Das Glück blieb ihm treu – als Direktor des Opernfestivals Glyndebourne, als Erster Dirigent des London Philharmonic Orchestra, als musikalischer Leiter der Royal Opera Covent Garden, als Chefdirigent beim European Youth Orchestra, als Erster Gastdirigent beim Boston Symphony Orchestra, als Chefdirigent der Staatskapelle Dresden sowie als Erster Dirigent des Chicago Symphony Orchestra. Ehrungen folgten: die Ehrendoktorwürde, verliehen von der Oxford University, der Erasmus-Preis in Holland, der Orden des Hauses Oranien-Nassau, verliehen von der Königin der Niederlande, die Goldmedaille der Internationalen Gustav Mahler Gesellschaft Wien, der Chevalier de L‘Ordre des Arts et des Lettres sowie der Knight Commander des Order of the British Empire ehrenhalber, verliehen von Queen Elisabeth II. Seit 1972 ist Bernard Haitink Ehrenmitglied der Berliner Philharmoniker, seit diesem Jahr nun auch Ehrenmitglied der Wiener Philharmoniker.

Ob er heute anders dirigiert als vor einem halben Jahrhundert? «Ob anders oder gar besser, das weiss ich nicht. Aber ich habe natürlich mehr Erfahrung. Vielleicht sind meine Tempi etwas breiter geworden – aber nicht notgedrungen. Man wird mit den Jahren wohl etwas ruhiger.» Und schmunzelnd fügt er an: «Früher sagte man mir oft, meine Bruckner-Aufführungen seien zu wenig religiös. Vielleicht stimmt das sogar.» Was bedeutet Dirigieren für ihn? «Eine schwierige Frage. Dirigieren heisst für mich, etwas zu übermitteln, etwas mitzuteilen, einem Komponisten und seiner Musik gerecht zu werden.» Und nach kurzem Nachdenken: «Dirigieren heisst vor allem: Verantwortung übernehmen.»

Genau das lehrt er in seinen Dirigierkursen auch den Nachwuchs. Seit 2011 in alljährlichen Meisterkursen am Lucerne Oster Festival. Denn paradoxerweise genügt es nicht, gut dirigieren zu können, um auch ein guter Dirigent zu sein. Das Wichtigste für Haitink: als Dirigent wahrhaftig zu sein. «Das ist es, was ein Orchester spürt.» Genau diese Wahrhaftigkeit vermittelte Haitink seinen jungen Dirigierschülern: «Ich bin nicht dazu da, um zu kritisieren. Ich muss ihnen Selbstvertrauen geben.» Die Frage ist nur: Wie macht er das? «Die Orchestermusiker brauchen deine Augen. Mach es mit deinen Augen. Schau ihnen beim Dirigieren ins Gesicht. Du musst ein Orchester motivieren. Also keine Barrieren hochziehen, sondern einen Kanal öffnen.» Zuweilen griff er in seinen Kursen selber kurz ins Geschehen ein und zeigte bei einer heiklen Stelle, wie er es «macht». «Denk darüber nach», sagte er dann, denn Haitink weiss, dass jeder Dirigent letztlich seinen eigenen Zugang zum Dirigieren und zur Musik finden muss.

Vor 51 Jahren debütierte Bernard Haitink bei den Internationalen Musikfestwochen Luzern, wie das Lucerne Festival damals noch hiess. Am 14. August 1968 stand er erstmals vor dem Luzerner Festspielorchester und dirigierte Bruckners Neunte Sinfonie. Regelmässig kehrte er zurück, nahm in Luzern auch für längere Zeit seinen Wohnsitz. Nun also sein Abschied: nochmals mit Bruckner, mit der siebten Sinfonie. Dieses Abschiedskonzert wird gleichzeitig sein 60. Festival-Auftritt sein. Vieles ist nach wie vor in lebhafter Erinnerung, aus jüngster Zeit vor allem seine hochgelobten Beethoven- und Brahms-Zyklen (2008 resp. 2010/11), realisiert mit dem Chamber Orchestra of Europe. Ein betagter Mann, der vor lauter jungen Musikerinnen und Musikern stand und dabei, was die herkömmliche Beethoven-Tradition anbelangt, fast ein bisschen zum Revolutionär wurde. Ein einmaliges Geben und Nehmen war hier zu erleben – eine Offenbarung. Wer dabei sein durfte, wird es nicht vergessen. ■

«Dirigieren heisst: 
Verantwortung übernehmen»

Ausgabe: 09 - 2019