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musik

Bilder: Marco Borggreve

«Jeder Tag ist ein Neuanfang für mich», sagt Sylvain Cambreling. Wie wahr für einen Dirigenten, der in der laufenden Saison ni

 

Der französische Dirigent Sylvain Cambreling auf Tournee mit Sol Gabetta
«Ich bin Schüler von niemandem»
Sylvain Cambreling dirigiert erstmals das Basler Kammerorchester – und geht gleich mit ihm auf Tournee. Im Rahmen der 
Migros-Kulturprozent-Classics gastiert man in Genf, Zürich und Bern. Weitere Konzerte mit demselben Programm schliessen 
sich in Basel, Grenoble und Freiburg i.Br. an. Mit dabei die Cellistin Sol Gabetta, die ein neues, ihr gewidmetes Konzert 
von Wolfgang Rihm uraufführt.
«Ich bin Schüler von niemandem»

Kai Luehrs-Kaiser

«Mein Repertoire reicht von Monteverdi bis 
zur Musik von morgen»

Der einzige Dirigent mit Zopf?! Es wäre kein leicht zu nehmendes Wiedererkennungszeichen. Haare und Dirigenten, das ist ein triftiges Thema. Kent Nagano etwa, dank beneidenswerter Haarfülle, wurde von Orchestermusikern stets «Samson» tituliert – in Anspielung auf magische Kräfte, die sich aus seiner Haartracht ergeben könnten. Frisurfragen bei Leonard Bernstein oder Herbert von Karajan hatten durchaus karriererelevanten Einfluss auf den Rang ihres beruflichen Erfolges. Und Sylvain Cambreling? Steigt sofort auf das Thema ein. «Früher trat einzig noch mein Kollege Dennis Russell Davies mit Zopf auf», lacht er. Heute trägt dieser ... Glatze.

Haarfragen mögen deplatziert anmuten bei einem Dirigenten, dessen Repertoirewahl stets ohne Rücksicht auf Äusserlichkeiten erfolgte. Seinen Ruf erwarb er sich mit modernem Repertoire, das beim grossen Publikum eher als unpopulär gilt. Als dauerhafter Dirigent des – mit ihm auch privat verbundenen – Intendanten Gerard Mortier (1943–2014) prägte Cambreling dessen Ära in Brüssel, Salzburg und Madrid. Nicht nur, aber doch entscheidend mit zeitgenössischen Werken wie etwa Olivier Messiaens «Sant François d’Assise» oder, grossartig: Helmut Lachenmanns «Mädchen mit den Schwefelhölzern». Cambreling besteht darauf, stets breiter und flexibler aufgestellt gewesen zu sein als diese Werke es nahelegen. «Ich bin Spezialist für vieles, fast könnte ich sagen: für alles», meint er. Und hat recht darin.

Nicht zufällig dirigierte Cambreling die erste ‚kritische’ Gesamtaufnahme von Offenbachs «Les contes d’Hoffmann» (mit Neil Shicoff, Jessye Norman und José van Dam, in der Oeser-Fassung); auch heute noch eine diskografische Grosstat. Von Cambreling stammt die beste neuere Aufnahme von Charpentiers Oper «Louise» (mit Felicity Lott). Besonders häufig dirigierte er Inszenierungen von Christoph Marthaler, darunter «Figaro» in Salzburg oder «Pelléas et Mélisande» in Frankfurt. Auch mit Produktionen von Patrice Chéreau, Peter Mussbach und Luc Bondy wurde er zu einem der profiliertesten Dirigenten der modernen Opernregie. Von seinen zahllosen Aufnahmen ist er auf keine so stolz wie auf die Gesamt-
einspielung der Orchesterwerke Olivier Messaiens – und auf Schönbergs «Moses und Aron». Nicht ganz falsch liegt also, wer Cambreling mit neuer Musik emphatisch in Zusammenhang bringt.

Mit der Schweiz wurde er bislang wenig assoziiert – trotz Marthaler und obwohl Cambreling privat seit vielen Jahren in Lausanne residiert. So stellt seine Tournee mit dem Basler Kammerorchester sogar die erste Zusammenarbeit mit diesem Ensemble überhaupt dar. «Vielleicht ist es ein Anfang? Ich lasse mich überraschen», unkt er mit unverwechselbar französischer Höflichkeit – und Zweideutigkeit. Für ein Programm, wie man es sich für Genf, Zürich, Bern, Basel und Grenoble vorgenommen hat, liesse sich kein erfahrenerer, besserer Fachmann finden.

Über Wolfgang Rihms neues Cellokonzert «Concerto en SOL» (also: «Konzert in G») sagt er charmant: «Es ist zwar nicht in G-Dur geschrieben, aber doch ein Sol-Konzert ...» Komponiert wurde es für die – auf der gesamten Tournee präsente – Cellistin Sol Gabetta. Nur wenige Komponisten nehmen heute die Chance wahr, für grosse Solisten Auftragswerke zu schreiben. Auch für die 38-jährige Argentinierin ist dieses Widmungswerk gewiss ein Höhepunkt ihrer Karriere.

Bei Wolfgang Rihm, nachdem er seine schwere Krebserkrankung hinter sich gebracht hat, darf man für das Werk doppelt dankbar sein. Dass es auf Tournee mitgenommen wird, bedeutet geradezu eine Liebeserklärung an einen der intelligentesten, freilich auch witzigsten Neutöner der Gegenwart. «Rihm ist für mich weniger ein Ironiker als ein grosser Poet unter den zeitgenössischen Komponisten», präzisiert Cambreling. «Man spürt den Sinn für Lyrismen, ausserdem schreibt er natürlich deswegen so gern für Solisten, weil er die Menschen liebt», meint er schlicht.

Das vom Namen her zugehörige «Concerto in RE» von Igor Strawinsky folgt nicht zufällig gleich auf Rihm. Der Titel stand Pate. Das Werk stellt eines der Paradestücke des Kammerorchesters Basel dar. Von Paul Sacher in Auftrag gegeben, der auch die Entstehung des Ensembles inspirierte, ist es gleichsam ein verbindendes Drittes. «Das Werk ist nicht neoklassisch, aber doch sehr kontrapunktisch aufgebaut», erläutert Cambreling. Dies verbinde es auch mit Rihm.

Mit Mendelssohns «Schottischer» Symphonie steht schliesslich ein «Lieblingsstück» von Cambreling auf dem Programm. «Wir spielen es mit acht ersten Geigen statt mit zehn, so wie Mendelssohn selber es aufgeführt hat», so Cambreling. Auf diese Weise erziele man besondere «Leichtigkeit und Transparenz»; Eigenschaften, die man in herkömmlichen Aufführungen meist vermisse. «Der Schwung, die Virtuosität und der Genuss dieser Virtuosität kommen erst heraus, wenn man das Werk nicht zu schwer nimmt.» Wenn Mendelssohn gelegentlich für unbeliebt gelte, so liege das eben auch daran, dass die virtuosen, leichtgewichtigen Eigenschaften in traditionellen Deutungen auf der Strecke bleiben.

Mit dem Kammerorchester Basel dirigiert Cambreling ein Ensemble, dass sich seit 1999 von allen Chefdirigenten freigemacht hat. Seit 1984 hatte man zunächst Johannes Schlaefli als Chefdirigenten bestellt. Dann entschloss man sich, die Zügel lockerer zu halten (Darin nicht unähnlich anderen ‚cheflosen’ Ensembles, etwa dem Mahler Chamber Orchestra und dem Chamber Orchestra of Europe). Klüglich ging man indes bald dazu über, einen Principal Guest Conductor zu bestellen, um damit eine individuelle Handschrift für einzelne Projekte und Schwerpunkte zuzulassen. Diese Aufgabe übernahm zunächst Christopher Hogwood (2001–2007) und neuerdings der italienische Alte-Musik-Fex Giovanni Antonini (seit 2015). Er startete mit dem Orchester sogleich grosse CD-Aufnahmeprojekte mit den Sinfonien von Beethoven und Haydn.

Schon früher hatte man das Orchesterprofil durch Hinzuziehung renommierter Spezialisten zu schärfen gewusst – so mit Heinz Holliger für Schubert, ähnlich mit Ton Koopman, Paul McCreesh und anderen für entsprechende Projekte. Für Neue Musik soll diese Aufgabe, so das Orchester, in Zukunft Sylvain Cambreling erfüllen – was dieser womöglich noch gar nicht so recht weiss. Ab 2022 wird sich ausserdem Philippe Herreweghe konzentrierter mit Mendelssohn und Kristian Bezuidenhout mit Mozart befassen. Solche Projektpolitik – konsequent durchgeführt – ist durchaus nicht die Regel bei Kammerorchestern. Und genau das führt ja auch zu so grossen Konditionsschwankungen bei anderen Ensembles. Gepriesen sei die kluge Personalpolitik des Basler Kammerorchesters!

Ein derart vielseitiges Programm wie auf der aktuellen Tournee wäre selbst von einem traditionellen Orchester auf höchstem Niveau kaum ernsthaft zu verlangen. «Es ist prinzipiell richtig, dass heute sämtliche Musiker alles spielen können, bei unerhört angewachsener Versatilität», so Cambreling. «Junge Musiker sind heute besser und breiter ausgebildet denn je.» Das bedeute aber noch lange nicht, dass man heikle Komponisten wie Mozart oder Mendelssohn überall nach bestem Standard antreffe und aufführen könne. «Meine Arbeit, andererseits, ist mit den Jahren immer leichter geworden, das muss ich zugeben», so Cambreling. «Mein Repertoire reicht von Monteverdi bis zur Musik von morgen, und damit habe ich bei Musikern von heute kein Problem.» Schön für ihn. Und auch für uns.

Ursprünglich kommt der 71-Jährige, in Amiens geboren, von der Posaune her. «Aber ich fühle mich nicht mehr als Bläser», sagt er. Dirigenten mit ‚Blech-Vergangenheit’ sind so ungewöhnlich nicht. «Esa-Pekka Salonen war Hornist, ich selber habe auch schon als Kontrabassist und Schlagzeuger gearbeitet.» Ein Schüler von Pierre Boulez, wie man gelegentlich lesen kann, war er übrigens nicht. «Boulez hat mich schon 1977 als Gastdirigent zum Ensemble Intercontemporain geholt», so Cambreling. «Mein Lehrer war er aber doch nicht. Ich bin Schüler von niemandem. Und bin eigentlich recht stolz darauf.»

Auch für Cambreling gehören die grossen Kämpfe fester GMD-Stellen der Vergangenheit an. Seine letzte Chefposition an der Staatsoper Stuttgart habe er verlassen, «um weniger Oper zu machen». Seit seiner frühen Ära in Frankfurt (1992–1997) war dies eigentlich seine Welt gewesen. Seit 2010 leitet er das Yomiuri-Nippon-Sinfonieorchester in Tokio. Seit 2018 ausserdem – als Nachfolger des verstorbenen Jeffrey Tate – die Hamburger Symphoniker.

«Jeder Tag ist ein Neuanfang für mich. In der aktuellen Spielzeit dirigiere ich 97 Stücke, darunter vier Uraufführungen», sagt er. Ein unerhörter Schnitt! Da kommt gewiss keine Langeweile auf. «Und soll auch nicht», so Cambreling. Eine pflegeleichte Haartracht ist da auf jeden Fall von Vorteil. Oder nicht? Aber immer doch! ■

Migros-Kulturprozent-Classics

Kammerorchester Basel Sylvain Cambreling (Leitung) Sol Gabetta (Violoncello) Igor Strawinski: «Concerto in Re» Wolfgang Rihm: «Concerto en Sol» Felix Mendelssohn: Sinfonie Nr. 3 a-Moll «Schottische» Genf, Victoria Hall, 20. Januar ... Weiter
Ausgabe: 01 - 2020