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Bild: Fadil Berisha

Saimir Pirgu: «Es war ein unglaubliches Erlebnis mit einem Adrenalinausstoss, wie ich ihn seither nie mehr erlebt habe.»

 

Saimir Pirgu – mit seinem Debüt als Pinkerton zurück am Opernhaus Zürich
«Ich bin immer noch da!»
Er wurde blutjung von Claudio Abbado engagiert, machte sofort Karriere – und ist sechzehn Jahre danach auf allen grossen Bühnen der Welt gefragt wie eh und je. Dabei ist Saimir Pirgu erst 36-jährig. In Neapel, wo der albanisch-italienische Tenor am Teatro 
San Carlo Gabriele Adorno aus Verdis «Simon Boccanegra» sang, trafen wir ihn zum Gespräch. Und unterhielten uns über seine «Bohème» im Berner Hochhaus, die Eigenverantwortung des Sängers und seine besondere Beziehung zum Opernhaus Zürich.
Kolonialistische Rücksichtslosigkeit: Saimir Pirgu als Pinkerton in der neuen Produktion von Puccinis «Madama Butterfly» am Opernhaus Zürich.

Andrea Meuli

«Wer unterzeichnet den Vertrag? Der Sänger!»

M&T: Mit der Schweiz verbindet Sie einiges: Als Erstes fällt die spektakulär-verrückte Fernseh-Live-Produktion von Puccinis «Bohème» 2008 in einem Berner Hochhaus ein. Wie haben Sie die diese Aufführung erlebt?

Saimir Pirgu: Es war ein unglaubliches Erlebnis mit einem Adrenalinausstoss, wie ich ihn seither nie mehr erlebt habe. Es war das erste Mal, dass eine solche Produktion realisiert wurde, bei der das Orchester weit entfernt von uns Sängern spielte. Das war eine noch grössere Herausforderung als jene andere Aufführung des Opernhauses im Zürcher Hauptbahnhof. Damals war das Orchester sehr nahe bei uns aufgestellt. In Bern hingegen spielten die Musiker in einem Einkaufszentrum, und wir agierten mit Ohrstöpseln. Das alles war nicht ganz einfach, der digitale Klang erreichte uns immer leicht verzögert. Kommt hinzu, dass es mein Rollendebüt als Rodolfo war!

M&T: Die Produktion erregte viel Aufsehen und wurde enorm breit wahrgenommen …

Saimir Pirgu: Ich war sehr jung, und für mich bedeutete die Aufführung einen grossen Schritt in meiner Karriere. Darüber war und bin ich sehr glücklich. Ich hatte zuvor schon in der Schweiz gesungen, aber diese Produktion hat meinen Namen bekannt gemacht.

M&T: Ansonsten waren und sind Sie vor allem mit der Zürcher Oper verbunden.

Saimir Pirgu: Ich kam sehr, sehr jung an dieses Haus und sang schon in der Zeit unter Alexander Pereira dort, vor allem unter Franz Welser-Möst und Nello Santi, die damals sehr wichtig für die Zürcher Oper waren. Später, in der Zeit von Andreas Homoki, bin ich zunächst für «Rigoletto» unter Fabio Luisi und in der Inszenierung von Tatjana Gürbaca zurückgekehrt. Zürich gehört zu jenen Häusern an denen ich einige Partien gesungen habe, in Traviata, Gianni Schicchi, Falstaff, Don Giovanni, Idomeneo. Es ist ein Theater, an dem ich mich ein wenig zu Hause fühle, auch wenn ich seit zwei, drei Jahren nicht mehr hier aufgetreten bin. Zürich ist ein Haus, das ich immer geliebt habe, mit einem sehr respekt- und verständnisvollen Publikum, welches das Schöne liebt. Ich hoffe, das ist und bleibt noch lange so.

M&T: Begegnen Sie dieser Lust an der Oper nicht an jedem andern Haus, bei jedem Publikum genauso?

Saimir Pirgu: Nein. So ist es nicht. Es gibt durchaus Häuser mit einem Publikum, das aggressiv reagieren kann, vielleicht aus Unwissenheit heraus. Und umgekehrt gibt es Orte, an denen das Publikum genau zuhören gewohnt ist – ein solches Publikum hat Zürich. Was sicher auch damit zu tun hat, dass an diesem Haus während der letzten zwanzig, dreissig Jahre viele Künstler von hohem internationalem Niveau regelmässig aufgetreten sind. Das heisst, es gibt hier eine wache Wahrnehmung der aktuellen Qualität, der Gegenwart.

M&T: Sie haben sehr jung Karriere gemacht. Und nach sechzehn Jahren sind Sie noch genauso gefragt – dank einer intakten Stimme. Doch nun erkunden Sie zusehends neue Partien, neues Repertoire. Ist Pinkerton ein verwegenes Abenteuer?

Saimir Pirgu: Sagen wir es so: Pinkerton ist wohl ein Protagonist, aber unter allen Partien, die ich bisher gesungen habe, gehört er doch eher zu den zweitrangigen. Madama Butterfly ist – wie ein wenig auch Verdis Traviata – jenen Opern zuzurechnen, die ganz auf die weibliche Hauptfigur ausgerichtet sind. Ausserdem verlangt der Charakter Pinkertons, dass man ihn jung besetzt. Nur ein junger, unbedarfter Mann wird eine solche Dummheit begehen, nach Japan zu gehen, eine Geisha zu heiraten und später zurückkommen, um das gemeinsame Kind nach Amerika zu bringen. Eine reife, erwachsene Persönlichkeit wäre dazu wohl kaum fähig. Deshalb denke ich, muss ich Rollen wie diese jetzt, als junger Mensch singen – später, da bin ich sicher, will ich diese Art von Partien nicht mehr verkörpern. Pinkertons Charakter ist schwach. Ich wünsche mir, dass die Regie in Zürich diese Labilität herausarbeitet, neue Dinge erkundet – dass Puccini eine wunderschöne Musik dazu komponiert hat, wissen wir ja.

M&T: Nochmals nachgefragt: Sie waren nie ein tenore di forza, ändert sich das nun? Kommen nun die heldischen Herausforderungen? Ist Gabriele Adorno ein Anfang?

Saimir Pirgu: Ich denke, es gibt für alle Rollen das richtige Alter, um zu debütieren. Sei es das Belcanto-Repertoire, sei es Mozart, seien es Partien von Verdi, veristische Rollen oder sogar solche im deutschen Repertoire. Natürlich muss man immer die vokalen Voraussetzungen dafür erfüllen. Gabriele Adorno in «Simon Boccanegra» zum Beispiel bedeutet für mich einen Versuch, eine neue Herausforderung, die ich gegen die Meinung vieler – auch meiner Lehrer – angenommen habe. Dasselbe geschah mir übrigens damals als blutjunger Sänger mit Idomeneo, als mir alle davon abrieten, diese Rolle zu singen. Trotzdem bin ich noch immer hier und singe. Ich denke, dass solche Aufgaben möglich sein müssen, wenn man sie intelligent angeht. Die grossen Sänger der Vergangenheit haben auch die unterschiedlichsten Partien gesungen, ohne sich deshalb ihre Karriere zu zerstören. Dennoch bin ich nicht der Typ, den es möglichst dazu drängt «Di quella pira» zu schmettern – Werke wie Manon Lescaut oder auch Damnation de Faust bieten viel eher Partien, die mich herausfordern. Sei es in meiner Mittellage, sei es in der Höhe, gleichzeitig jedoch sind mir die Farben wichtig. Grundsätzlich stelle ich mich gerne ganz verschiedenen Herausforderungen und Schwierigkeiten. Alle stilistischen Mittel am adäquaten Ort einzusetzen – das ist die wahre Aufgabe, das interessiert mich. Ich habe mit Abbado debütiert, habe mit den bedeutendsten Dirigenten wie Jansons, Muti, Barenboim und so weiter gesungen. Diese Linie von Musikalität möchte ich nie verlassen. Um den «Eroico» zu geben, musst du auch etwas verrückt und egozentrisch sein – und das entspricht mir nicht, ich will mich auf die Musik konzentrieren.

M&T: Mit Verlaub, das wird jeder Sänger sagen …

Saimir Pirgu: Aber es entspricht wirklich meinem Charakter! Ich ziehe es vor, als Tenore di classe wahrgenommen zu werden. Ob in New York, Mailand oder Wien. Ich bin heute 36-jährig, und was in zehn oder mehr Jahren sein wird – das weiss ich nicht.

M&T: Verabschieden Sie sich damit von Mozart und vom traditionellen Belcanto-Repertoire?

Saimir Pirgu: Nein überhaupt nicht. Selbstverständlich wäre ein Ferrando in Così problematisch – (lachend) ausser Anna Netrebko würde die Fiordiligi singen. Aber Rollen wie Don Ottavio, Titus oder Idomeneo sind weiterhin absolut möglich für meine Stimme. Ich hatte nie Probleme mit solchen Partien – und ich denke, sie sind noch da.

M&T: Wenn Sie nun regelmässig dramatischere Partien von Verdi angehen: Befürchten Sie nicht, dies könnte der Agilität Ihrer Stimme schaden?

Saimir Pirgu: Ich denke, das betrifft nicht bloss den schwereren Verdi. Sondern genauso Puccini oder das französische Repertoire. Wenn du siehst, dass ein Sänger leidet und die Elastizität und die Qualität seiner Stimme einbüsst, musst du sehr aufmerksam darauf achten, vor allem wenn es um eine junge Stimme geht. Fünfzehn, auch zwanzig Jahre sind im Leben eines Opernsängers nichts.

M&T: Wie bitte? Die Verfallsdauer mancher Karriere ist doch heute viel kürzer.

Saimir Pirgu: Die Geschichte läuft heute tatsächlich oft so. Ich habe jedoch vor sechzehn Jahren angefangen – und bin immer noch da! Und wie ich hoffe, noch eine ganze Weile. Es ist meine eigene Verantwortung – weder jene des Dirigenten, noch jene eines Theaters oder von irgendjemand anderem. Wer unterzeichnet den Vertrag? Der Sänger! Hier beginnt das Problem, es muss einer fähig sein zu verstehen. Wenn du nicht überzeugt davon bist, eine Rolle wirklich verkörpern und ausfüllen zu können, ist es besser, die Finger davon zu lassen und sie nicht zu singen. Auch wenn das oft gar nicht so einfach ist …

M&T: Ist das Metier für den Sänger in den letzten zwanzig, dreissig Jahren anforderungsreicher geworden?

Saimir Pirgu: Ich denke schon. Es ist sehr schwierig geworden. Es gibt heute nicht mehr jene wenigen grossen Häuser auf der Welt – die Met, die Scala, London und Wien – welche das grosse Ziel aller Sängerinnen und Sänger bedeuten. Wer diese Bühnen erreichte, hatte den unbestrittenen Gipfel erreicht. Es bedeutete die höchste Auszeichnung. Aber zuvor galt es den steinigen Weg bis dorthin zurückzulegen, sich an kleineren und mittleren Häusern zu bewähren. Heute haben die traditionsreichen grossen Häuser diese Exklusivität verloren. Es zählt nur mehr die Höhe der Angebote, egal ob aus Hongkong, Malaysia oder Südafrika. Auch die Intendanten von heute handeln nach anderen, meist finanziellen Kriterien. Vielleicht engagiert man einen Star und gruppiert irgendeine Besetzung darum herum. Es gibt auch an den wichtigsten Bühnen nicht mehr jene Gewissheit einer erstklassigen Besetzung und die Bedingungen, wie sie einst grosse Dirigenten wie Toscanini oder Karajan diktieren konnten. Man stützte sich damals auf einen ausserordentlichen Dirigenten und ausserordentliche Sänger – und der Erfolg war sicher, auch wenn jemand an einem Tag nicht ganz in Höchstform sang. Heute gibt es diese Garantie nicht mehr, dass jede Produktion der Met oder der Scala zu einem Erfolg wird. Zu diesen Qualitäten müsste man zurückkehren. Am ehesten wäre das die Verantwortung der Dirigenten.

M&T: Wer macht denn heute die Besetzungen? Sind es die Intendanten, die Dirigenten oder die Agenturen …

Saimir Pirgu: … die Marketingbüros der Opernhäuser! Und dort werden Entscheidungen getroffen, die in erster Linie dazu dienen, Vorstellungen als attraktiv zu verkaufen, die Häuser zu füllen. Das ist ein Problem, dass sich die Theater nicht mehr allein durch die Qualität von Sängerbesetzungen verkaufen lassen. Sehr wohl hingegen über das Bild eines Sängers oder einer Sängerin. Es sind nicht mehr die Opernhäuser, die einen Star machen, sondern irgendwelche Marketing-Kampagnen.

M&T: Ein Blick auf Ihre bisherige Karriere zeigt, dass auffallend viele bedeutende Dirigentenpersönlichkeiten diesen Weg begleiten: Abbado, Harnoncourt, Jansons, um drei zu nennen. Zufall?

Saimir Pirgu: Ich denke nicht, dass ich vor 19, 20 Jahren, als ich Abbado kennenlernte und zu singen begann, die schönste Stimme der Welt, die beste Technik der Welt hatte – aber vielleicht war es mein musikalischer Instinkt, den er bemerkte. Und dieser Instinkt half mir genauso mit Nikolaus Harnoncourt, der ja eine völlig andere stilistische Welt vertrat. Dasselbe gilt für Riccardo Muti und die Wiener Philharmoniker mit Mozarts Requiem in Salzburg. Das alles waren Meilensteine für mich – und überall musste ich mich zuerst bewähren. Debütieren in wichtigen Partien mit grossen Maestri hat mir meiner Meinung nach sehr geholfen, mein Niveau über alle die Jahre hinweg zu halten. Denn sie reagieren sehr sensibel auf Musikalität. Das kommt einer sehr effektiven fortwährenden Kontrolle der Stimme gleich. Ich habe Mozart mit Abbado und Harnoncourt, Verdi mit Muti und Mehta und anderen gesungen – das heisst: Mein musikalisches Wachsen, meine vokale Entwicklung ist eng mit ihnen verbunden.

M&T: Fehlt es heute am Nachwuchs wirklich guter Operndirigenten?

Saimir Pirgu: Wir haben viele fantastische junge Dirigenten im sinfonischen Repertoire. Doch gibt es tatsächlich wenige, welche die Oper wirklich lieben und dieses Genre mit Leidenschaft pflegen. Oder sie denken, die Stimme sei zu behandeln wie ein Instrument, was der grösste Irrtum ist, den ein Dirigent in der Oper machen kann. Eine Geige besteht aus Holz, wir sind da wesentlich komplizierter.

M&T: Wir treffen uns hier in Neapel, im Süden, wo dem Lebensgenuss ein hoher Stellenwert beigemessen wird. Kann man als Sänger – mit all dem Druck, mit all den täglichen Herausforderungen – sein Leben überhaupt geniessen?

Saimir Pirgu: Ja, ich bin ein glücklicher Mensch und geniesse mein Leben. Ich umgebe mich dabei stets mit wenigen Personen, die Familie bedeutet mir sehr viel. Und ich bin mir auch bewusst, was mir meine Arbeit gibt und ermöglicht, zum Beispiel die ganze Welt kennenzulernen. Mit den Schwierigkeiten und Einschränkungen, die unser Beruf mit sich bringt, dass wir ein nicht ganz normales Leben führen, mag ich daher nicht hadern. Natürlich hat alles seinen Preis – aber ich halte mich für sehr glücklich. Und dieses Glück schlägt sich in der Musik nieder – wenn du psychisch stabil bist, wenn du verstehst, dass der Druck vor ein Publikum zu treten sehr gross ist, dass dies eine grosse Kraft verlangt, jedesmal die Angst zu überwinden auf die Bühne zu gehen.

M&T: Ist das tatsächlich so?

Saimir Pirgu: Ja, das gilt für alle von uns – auch für jene, die am sichersten sind. Je bekannter du bist, desto höher wird die Verantwortung, werden die Erwartungen und Ansprüche, die an dich gestellt werden – und die du dir selber stellst. Irgendwann verzeiht dir niemand etwas. Das wird ein Problem. Und verlangt, dass dein Leben solide und gefestigt ist. Das gibt dir die Kraft, wieder aufzustehen, wenn ein Abend nicht so gelaufen ist, wie es von dir erwartet wurde und wie du es dir selbst gewünscht hast. Und es gibt dir jenes Selbstvertrauen, welches nötig ist, am Tag darauf besser zu singen. Dieses Gleichgewicht sollten wir nicht verlieren in unserem Leben – und nicht vergessen, dass wir Menschen sind. ■

«Vielleicht war es mein 
musikalischer Instinkt»

Ausgabe: 01 - 2018