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oper

Bild: Grand Théâtre Genève/Nicolas Schopfer

Aviel Cahn: «Aus diesen harten Brüchen beziehen wir die Assoziationen zum Universum Genf.»

 

Ambitionierter Start: Aviel Cahn über seine erste Saison als Intendant des Grand Théâtre de Genève
Hoffnung wagen
In Antwerpen schaffte er es, zeitgenössisches Musiktheater einem breiten Publikum zu vermitteln. Dieselbe Neugier und Offenheit mutet Aviel Cahn nun dem Genfer Opernpublikum zu. Seine erste Saison als Intendant des Grand Théâtre de Genève bringt eine farbenreiche Palette von Barock bis zur Jetztzeit. Ein üppiges Programmbuch dokumentiert selbstbewusst den mutigen Spielplan, der auch szenisch unausgetretene Pfade verspricht. Den Auftakt macht im September eine Neuproduktion von Phil Glass’ «Einstein on the Beach» in der Inszenierung von Daniele Finzi Pasca.

Andrea Meuli

«Genf hat die grösste 
Bühne der Schweiz»

M&T: Aviel Cahn, «Oser l’espoir» haben Sie Ihre erste Saison in Genf überschrieben. Ist Hoffnung ein Wagnis?

Aviel Cahn: Wir werden heutzutage ja geradezu überflutet von negativen Meldungen, sie sind in den Medien allpräsent. Verfolgt man diesen ganzen Negativismus, der uns auch von oben einzutrichtern versucht wird – erscheint der Aufruf «Hoffnung wagen!» natürlich als eine Provokation. In einer Zeit, in der alles eher in einer Negativspirale gesehen wird, scheint mir deshalb ein Bekenntnis zur Hoffnung umso wichtiger.

M&T: Sie wollen auch in Genf die Oper und den Tanz explizit im 21. Jahrhundert situieren. Was müssen wir uns darunter vorstellen?

Aviel Cahn: Das ist eine Grundhaltung. Einmal zum Repertoire, aber auch zu Regiehandschriften und zur Kommunikation, wie man ein Theater in unserer Zeit aufstellt. In der Oper ist dies nicht selbstverständlich, weil die Leute hauptsächlich rückwärts schauen! Man spielt vorwiegend längst etablierte alte und kaum zeitgenössische Werke. Man ist zaghaft und vorsichtig mit den szenischen Handschriften, man möchte gefallen in Zeiten, um keine Abonnenten zu verlieren. Das heisst, die von uns formulierte Haltung ist nicht selbstverständlich. Auch nicht für die Opernfans. Oft hat man ja das Gefühl, die leben in einer nostalgischen Welt von gestern. Daher muss man diese Haltung erst einmal seinem ganzen Personal vermitteln, damit ein Haus befreit ausstrahlen kann.

M&T: … und die Oper nicht als historisches Museum gesehen wird ...

Aviel Cahn: ... vor allem nicht als eine nach rückwärts gewandte Kunst! Unsere Theater und Opernhäuser sind ja zu einem schönen Teil Relikte aus einer Zeit, die es längst nicht mehr gibt.

M&T: Welche Rolle spielt der Ort Genf für die Wahl der gespielten Werke in Ihrer ersten Saison?

Aviel Cahn: Eine wichtige! Die Wahl sämtlicher Werke für diese Saison hängt für mich mit Genf zusammen. Wir spielen Werke, die ich in Antwerpen nicht unbedingt auf den Spielplan genommen hätte – abgesehen natürlich von zeitlosen Stücken wie etwa «Aida», die jedes Haus früher oder später spielt. Aber selbst da hat es seinen besonderen Grund, weshalb wir gerade «Aida» und nicht etwa «Otello» aufführen werden.

M&T: Vernetzungen zwischen verschiedenen Künsten, Konstellationen zwischen unterschiedlichen Kulturkreisen sind Ihnen wichtig.

Aviel Cahn: Da kommen wir zurück zu den verschiedenen Komponenten, die mir unabdingbar scheinen, um eine Oper im Heute zu verankern. Einerseits ist da die Inspiration durch den Ort, die Sie bereits angesprochen haben: ein Opernhaus, einen Spielplan in direkte Verbindung zu bringen, wofür diese Stadt und diese Region stehen. Einen Link zu kreieren für die Menschen von hier, um die Institution als die ihrige wahrzunehmen. – Anderseits ist die Oper ein Gesamtkunstwerk, das sich aus dem Zusammenwirken vieler Künste ergibt. Und ich glaube daran, dass man diese Brücken offenlegen und aktiv begehen muss. Daraus ergeben sich Chancen zur Öffnung dieser Kunstform. Dass Oper eben nicht bloss die Kunstform für Melomanen und für wenige ist, sondern einen viel breiteren Radius an Attraktion verdient. Dass die Neugier von Leuten geweckt wird, welche die Oper bis dahin nicht kannten oder uninteressant oder auch viel zu teuer finden, um sich darauf einzulassen.

M&T: Auch Sie können die teure Kunstform Oper nicht zu Dumpingpreisen anbieten …

Aviel Cahn: Ich habe zumindest einen Sponsor gefunden, der mir die günstigsten Preisklassen im Grand Théâtre auf das Niveau eines Kinoeintritts reduziert. Dank diesem Sponsor können wir jeden Abend hundert Karten zum Kinopreis anbieten. (Lachend) jetzt können wir nur hoffen, dass für diese siebzehn Franken nicht jene in die Oper kommen, die ohnehin gekommen wären. Sondern dass diese Karten wirklich für jene zur Verfügung stehen, welche neugierig sind und die Oper entdecken wollen.

M&T: Der visuelle Auftritt Ihrer ersten Saison suggeriert eine zubetonierte urbane Welt mit einem Pfau und einer am Himmel herumkurvenden Vogelschar sozusagen als Naturrelikte. Was sollen wir daraus schliessen?

Aviel Cahn: Man kann vieles daraus schliessen! Es sind Bilder, die von einem tollen Fotografen aus Lausanne – Matthieu Gafsou – stammen, der zu den wichtigen jungen Schweizer Fotografen zählt. Er hat diesen Auftritt mit uns zusammen entwickelt: eine Serie von Bildern zu Genf, die eine Verbindung zu den Themen unserer Saison schaffen. Man kann nun vieles in diese Bilder hineinlesen: Der Pfau steht für die Hoffnung, die Schönheit, das Königliche, auch das Hehre – auf der anderen Seite eine doch etwas trostlose urbane Welt, die dennoch eine Realität ist. Auch in Genf. Und die, wenn man darin gefangen ist, nicht unbedingt Grund zu Hoffnung gibt. Dieser Kontrast, diese Konfrontation gehören für mich zu Genf. Dem überreichen, durch Uhrenindustrie, Bijouterie, Multimilliardäre und Banken geprägten Bling-Bling-Ambiente, dem eine Stadt mit vielen armen Leuten, auch mit sehr vielen sozialen Problemen gegenübersteht. Das äussert sich oft sichtbar in krassen Kontrasten: Am See ist das Kempinsky-Hotel, und gleich dahinter beginnt eine Gegend mit Redlight-Distrikt und Drogenszene. Aus diesen harten Brüchen beziehen wir die Assoziationen zum Universum Genf, wie es unser Spielplan reflektieren will. Das will unser Titelbild ausdrücken.

M&T: Sie haben im Vorfeld das Haus in Genf sehr selbstbewusst positioniert …

Aviel Cahn: … ich habe immer wieder betont, dass Genf eigentlich das spannendste Opernhaus der Schweiz sei. Aus zwei Gründen. Zum einen kann es als Stagione-Betrieb viel herausforderndere Aufführungen konzipieren als ein Repertoirehaus, in dem jede Produktion innert zwei Stunden abgebaut werden muss. Und zweitens hat Genf die grösste Bühne der Schweiz, die akustisch und räumlich Möglichkeiten bietet, wie sie kein anderes Haus in diesem Land bieten kann. Diesem Anspruch sollte sich die Genfer Oper stellen.

M&T: Sie wollen auf der künstlerischen Landkarte eine starke Marke setzen ...

Aviel Cahn: … ganz genau! Und ich bin davon überzeugt, dass dieses Haus das Potenzial dazu besitzt. Mit dieser Ambition starten wir – und hoffen natürlich, sie zu erfüllen.

M&T: Sie haben sich immer wieder – ob in Helsinki oder in Flandern – durch kluge, hin und wieder auch unkonventionelle Besetzungen profiliert. Ziehen Sie diese Linie weiter – auch an einem Haus, das in seiner Vergangenheit nicht selten vorrangig auf bekannte Namen gesetzt hat?

Aviel Cahn: Man kann das in der heutigen Opernwelt als gut und weniger gut gleichzeitig sehen: Es gibt kaum noch wirklich grosse Namen. Die Sänger, die ein Haus einfach so füllen, lassen sich an einer Hand abzählen. Das war früher anders, auch das Publikumsverhalten hat sich geändert. Wenn es mir gelingt, Besetzungen zu engagieren, die in der Opernwelt sehr wohl einen guten Klang haben, muss ich nicht befürchten ohne den ganz grossen Namen weniger Publikum an das Haus zu locken. Ich habe immer Künstler gesucht – und das werde ich auch in Genf so halten –, von denen ich überzeugt bin, dass sie sich auf eine Produktion einlassen. Das ist die Voraussetzung, um jene Resultate zu erreichen, welche die Idee einer Produktion erfordert.

M&T: Von den Anfängen der Oper bei Monteverdi bis zum Jetzt einer Uraufführung von Christian Jost ist der Bogen Ihrer ersten Saison gespannt. Ganz bewusst? Wird das so bleiben?

Aviel Cahn: Das wird vielleicht nicht in jeder Saison so gelingen, ist jedoch grundsätzlich unser Anspruch. Der auch dem Kulturauftrag als eine subventionierte Institution entspricht. Natürlich muss man einerseits das Repertoire pflegen, bekannte Stücke dem Publikum auf eine neue Sichtweise zeigen. Andererseits jedoch ist es absolut nötig, sich mit dem Heute auseinandersetzen. Und das geht nur, wenn man wirklich neue Werke spielt.

M&T: Welche Bedeutung hat das heimische Orchester, das Orchestre de la Suisse Romande, für Ihre Programmierung?

Aviel Cahn: Eine wichtige! Ein Grund für mich nach Genf zu kommen war die Tatsache, dass Jonathan Nott hier beim Orchestre de la Suisse Romande Chef ist. Das Orchester spielt acht Produktionen an unserem Haus. Was sehr viel und auch gut ist – aber es kann nur interessant werden, wenn es eine gute Beziehung zwischen den beiden Institutionen gibt, wenn der künstlerische Chef des Orchesters auch wirklich an der Oper interessiert ist und mitarbeiten will. Das ist bei Jonathan Nott gegeben, und wir verstehen uns sehr gut. Daher freue ich mich und erwarte eine fruchtbare Zusammenarbeit mit tollen künstlerischen Erlebnissen. Diese Konstellation bedeutet eine Chance.

M&T: Der selbstbewusste Wille, einen eigenständigen Weg zu gehen, drückt sich auch in den von Ihnen engagierten szenischen Teams aus. Mutig oder tollkühn für Genf – das nicht Antwerpen oder Berlin ist?

Aviel Cahn: Ich steige vielleicht in Genf etwas weniger aggressiv ein als in Antwerpen, Tatjana Gürbaca war 2009 für Antwerpen schon sehr neu. Da setze ich hier auf etwas etabliertere Leute …

M&T: Eher auf den Konsens als auf den Schock?

Aviel Cahn: Nein, das schon nicht. Ich denke, jemand wie Luk Perceval in der Oper oder auch Adel Abdessemed, der einen wilden Ruf in der Kunstszene hat, und Kornél Mundruczo´ stehen nicht für einfache Lösungen. Das sind alles sehr avancierte Künstler, die für eigenständige Konzeptionen stehen. Ich glaube aber und hoffe es, dass sich so verstandenes Theater organisch in das einfügen wird, was auch intellektuell in dieser Stadt geschieht. ■

Ausgabe: 09 - 2019