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Szene

Bild: Wilfried Hösl / Bayerische Staatsoper München

Schier unerschöpflicher Farben- und Ausdrucksreichtum: Marlis Petersen als Salome.

 

Münchner Opernfestspiele: Marlis Petersen debütiert als «Salome» von Richard Strauss
Hochdramatischer Lyrismus

Marco Frei

Sie hat eine besondere Vorliebe für abgründige Frauen-Gestalten. Mit ihrer «Lulu» von Alban Berg hat sie bereits vor vier Jahren an der Bayerischen Staatsoper Furore gemacht, und jetzt am selben Haus die neue «Salome» von Richard Strauss. Das Ergebnis dieses Rollendebüts ist eine veritable Sensation – allein gesanglich. Anstatt diese monströse Partie im Überdruck herauszupressen, wagte Marlis Petersen an der Premiere zum Auftakt der Münchner Opernfestspiele das krasse Gegenteil. Mit unerhörter Differenzierung entschlackte sie die Salome.

Das Ergebnis war ein schier unerschöpflicher Farben- und Ausdrucksreichtum. Bis in das stillste Piano hinein waren die Worte nicht nur perfekt verständlich, sondern wurden geradezu kunstvoll durchdrungen – mit stupender Diktion. Die Salome von Petersen war alles zusammen: dramatisch und lyrisch, sinnlich und abgründig, erotisch und abstossend, stark und gebrochen. Eine hochspannende Charakterstudie ist da gelungen. Dabei profitierte Petersen auch vom Bayerischen Staatsorchester, das sich unter Kirill Petrenko von seiner allerbesten Seite präsentierte. Mit seiner Leitung hat Petrenko dem besonderen Salome-Profil von Petersen den Nährboden bereitet.

Auch Petrenko verzichtete auf jedweden Überdruck. Die Musik glühte und brannte. In jedem noch so kleinen Detail war die geniale Instrumentierung von Strauss durchhörbar. Selbst in den hochdramatischen Entladungen mussten die Stimmen nie gegen das Orchester anschreien. Umso befreiter wirkte musikalisch diese «Salome», überdies glänzend besetzt. Ob Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Herodes und Michaela Schuster als Herodias, Wolfgang Koch als Prophet Jochanaan sowie Pavol Breslik als Narraboth oder Rachael Wilson als Page der Herodias: Bis in die kleinste Rolle hinein agierten Sängerdarsteller im besten Sinn.

Und doch war es Petersen, die mit ihren Gestaltungen alles überragte. Wie diese Frau spielt und tanzt, böse grinst oder heissglühend schwärmt, das war ein bleibendes Ereignis. Von Petersens Gestaltungskraft profitierte die Inszenierung von Krzysztof Warlikowski enorm. Seine «Salome» spielt sich in einer Bibliothek ab, in der sich eine jüdische Gemeinschaft zusammenfindet (Bühne und Ausstattung: Małgorzata Szcze¸s´niak). Bevor die eigentliche «Salome» losgeht, lauschen die Charaktere dem ersten Lied aus den «Kindertoten-Liedern» von Gustav Mahler. Erst im weiteren Verlauf der Inszenierung erschliesst sich das Warum – in Gestalt eines jungen Mädchens, das wiederholt auftaucht.

Es spiegelt nicht so sehr – wie so oft – die Salome als Kind wider, sondern repräsentiert die von den Nazis verfolgte und ermordete Anne Frank. Der Stoff wird also zeithistorisch mit dem Holocaust verbunden, umso sinnstiftender die «Kindertotenlieder». Sie verweisen einerseits auf den frühen Tod der Anne Frank. Andererseits war auch Mahler als konvertierter Jude zeitlebens Opfer antisemitischer Kampagnen. Überdies war er angetan von der «Salome»-Partitur von Strauss. Mit dem Prolog vor dem eigentlichen Beginn der Oper entwirft Warlikowski ein Theater im Theater, zumal auch die Kostüme die Zeit der 1930er/40er-Jahre atmen.

Doch genau hierin liegt zugleich die Brisanz dieser Inszenierung. Wenn nämlich Jochanaan von Jesus kündet und den ungläubigen Juden Unheil prophezeit, so ist hier faktisch der Holocaust die «Strafe Gottes». Nun ist Warlikowski gewiss kein Antisemit. Als gebürtiger Pole ist er noch dazu in einer anderen Position als ein deutscher Regisseur. Seine Inszenierung spielt ganz bewusst mit den Klischees, die von Antisemiten stets bedient wurden und bis heute werden. Genau das ist zugleich die erschütternde Aktualität dieser Regie. Wenn Salome schlussendlich tanzt, gesellt sich bei Warlikowski die stumme Rolle des Todes hinzu – eine starke Szene.

Dazu zeigt das Video von Kamil Polak in Comic-Animation die Fresken der Synagoge im ukrainischen Chodorow, die 1941 unter Nazi-Besatzung zerstört wurde. Am Ende begeht das Theater im Theater kollektiven Selbstmord. Salome wird wohl der anrückenden Gestapo geopfert. Dafür gab es einige Buh-Rufe, umso grösser der Jubel für die Solisten und Petrenko. Bei Petersen dröhnte fast schon eine Jubelwalze durch das Nationaltheater. Diese Frau ist fürwahr ein Wunder!

 

 

Richard Strauss: «Salome». Bayerische Staatsoper, Premiere: 27. Juni 2019. ML: Kirill Petrenko, R: Krzysztof Warlikowski, mit Marlis Petersen, Wolfgang Koch, Pavol Breslik u.a.

Ausgabe: 09 - 2019