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Exotische Freuden im Morgenland: Noch geht‘s König Tolomeo gut.

 

Wie wirkt eine komplette Händel-Oper vor 50 Zuschauern? Zu erleben in St. Gallen
Grosse Oper vor kleinem Publikum
Nicht mit uns, sagt das Theater St. Gallen und zeigt dem Virus auf seine Weise die kalte Schulter: Man hält trotzig am vorgesehenen Spielplan fest – jedenfalls fast – und lässt sich auch von einem Mini-Auditorium von bloss 50 Zuschauern nicht davon abhalten, grosse Oper und ambitioniertes Musical zu zeigen.

Reinmar Wagner

Es klingt einfach mager. Das lässt sich nicht beschönigen. Aber es muss auch nicht beschönigt werden. Wenn bloss fünfzig Leute zugelassen sind in einer Vorstellung, dann klatschen halt auch nicht mehr als fünfzig. Die meisten stehen auf am Ende in unserer Vorstellung Ende November nach Händels «Giulio Cesare», es gibt Bravo-Rufe, die Sänger winken zurück von der Bühne. Aber es lässt sich nicht wegdiskutieren: Opernstimmung geht anders. Sowohl für das Publikum wie für die Sänger. Ob sich das Publikum zu Szenen-Applaus hinreissen lässt, hängt oft von einer einzigen Person ab, die sich traut, die Initialzündung zu geben. So geht auch manches wirklich bravouröse Barock-Feuerwerk unverdientermassen leer aus an diesem Abend.

Was soll man darüber klagen? Wir sind doch froh, dass überhaupt gespielt wird, und dass wir dazu gehören dürfen zu den 50 einsamen Nasen, die das Glück hatten, Einlass zu bekommen im hölzernen Provisorium «UM!BAU», der dem Theater St. Gallen für die zwei Jahre der Renovation des Haupthauses zur Verfügung steht. Für die Sänger ist die Situation ebenso befremdlich. Aber was weit mehr zählt: Sie können auftreten! Das jedenfalls sagt Jennifer Panara, die amerikanische Sopranistin im St. Galler Ensemble, die in Händels «Giulio Cesare» den Sesto singt. Und sie sagt es im Namen des ganzen Teams: «Ich habe noch nie eine solche Erfahrung gemacht in meiner Karriere. Wir alle fühlen uns erstmal einfach nur glücklich, dass wir diese Möglichkeit haben, überhaupt zu singen, und vor einem Live-Publikum zu singen. Das ist ein Glücksfall für uns alle. Ich weiss nicht, warum gerade wir das verdient haben.»

Diese Frage lässt sich beantworten: Werner Signer hat sein Haus nicht für die grossen regulären Produktionen geschlossen wie fast alle Kollegen, sondern hat zusammen mit seinem Operndirektor Peter Heilker mit einer gewissen Sturheit, so weit es irgendwie ging, am einmal festgelegten Spielplan festgehalten (siehe Interview). Während Tanz und Schauspiel in der Lokremise, einem ehemaligen Bahndepot, vor Rängen spielen und tanzen, die nicht ganz so leer aussehen, heisst das für Oper und Musical: Jeder zehnte Platz bloss ist besetzt. Man fühlt sich wie in einer Probe, oder, Jennifer Panara?

Science Fiction

Klar, sagt die Sopranistin, «es sind viel weniger als sonst. Und das Licht im Saal ist so hell, dass man alle sehen kann. Und sie sitzen da mit Masken, das ist fast wie in einem üblen Science Fiction-Film. Aber man spürt auch, dass hier diejenigen sitzen, die einfach unbedingt da sein wollen. Es ist eine riesige Begeisterung zu spüren, manche wollen unbedingt Händel hören, andere wollen einfach Oper sehen. Aber man spürt, dass jeder, der hier drin sitzt, dankbar ist, dass er da sitzen kann, und ganz intensiv bei der Sache ist. Und meiner Meinung nach passt Händels wunderschöne Musik und diese Inszenierung, die so märchenhaft ist, dieser Humor und diese Emotionen, die auf das Herz zielen, ganz genau in diese seltsame Zeit.»

Akustisch hervorragend

Aber drehen wir den Spiess doch um: Wie ist es denn für eine Sängerin, vor leeren Reihen zu singen? Normalerweise ergeben die Erwartungen eines Publikums eine immense Spannung, die auf der Bühne sicherlich zu spüren ist. Was passiert, wenn sie viel weniger stark wahrnehmbar ist? «Wir haben diese Frage im Ensemble diskutiert vor der ersten Vorstellung», sagt Jennifer Panara. «Und man kann sich nicht wirklich darauf vorbereiten, es war ein seltsames Gefühl. Aber nur in den ersten Minuten. Was geholfen hat: Akustisch ist dieses provisorische Theater, wenn es fast leer ist, sehr angenehm für uns Sänger, gerade für die Musik von Händel.»

Und wie steht es um die Energie? Bühnenkünstler laden sich quasi auf an den Erwartungen des Publikums. Behaupten sie jedenfalls. Muss unter diesen Umständen das Ensemble selbst für die nötige Energie sorgen? «Interessante Frage», findet Jennifer Panara. «Meine persönliche Empfindung ist tatsächlich: Man muss sich mehr auf sich selbst und auf die Kollegen abstützen. Aber nur kurz am Anfang. Ich bin in dieser Händel-Oper fast immer zusammen mit Cornelia auf der Bühne. Wir haben uns kurz in die Augen geschaut und ohne Worte waren wir ein Team. Man wird näher zusammengerückt durch diese Situation, keine Frage, auch mit dem Dirigenten und den Orchestermusikern.»

Auch die nächste Saisonpremiere nach «Giulio Cesare» ging in St. Gallen wie geplant über die Bühne: Barbara-David Brüesch inszenierte «The Black Rider», die «Freischütz»-Variante, die Robert Wilson 1989 zusammen mit Tom Waits und William S. Burroughs in Hamburg auf die Bühne brachte und damit einen Welthit landete. Eine ziemlich schräge, und abgründig-witzige Version ist in St. Gallen daraus geworden. Das St. Galler Tagblatt schrieb: «Die St. Galler Hausregisseurin Barbara-David Brüesch zeigt ein düster-kitschiges Varieté in brav-strenger Ästhetik, mit teils herrlich getakteten Slapstick-Nummern und einem stark aufspielenden und fast durchwegs sangesfreudigen Ensemble.»

Für die Wiederaufnahme des Musicals «Wüstenblume» fand man ebenfalls eine szensiche Lösung. Aber machtlos war man dann auch in St. Gallen bei der geplanten Produktion des Musicals «The Sound of Music» von Rodgers & Hammerstein, das im Dezember hätte Premiere feiern sollen. Es geht darin um die Geschichte der Trapp-Familie, und tragende Rollen hätten dabei der Damenchor und vor allem ein eigens zusammengestellter Kinderchor übernehmen sollen. Weil Chöre aber unter den geltenden Bedingungen nicht auftreten dürfen, musste die Produktion abgesagt werden: «Eine Adaption ohne Chöre hätte dem Musical das Fundament entzogen», schreibt das Theater dazu. Stattdessen arrangieren Ulrich Wiggers und Koen Schoots, das Leitungsteam des geplanten Musicals, nun eine Musical-Gala mit den vorgesehenen Darstellern und an den vorgesehenen Terminen. «Sie soll mehr sein als eine laute und bunte Revue mit Hits aus bekannten Musicals», heisst es. «Die Produktion mit dem Titel ‹Na, und?› will die Aktualität unserer schwierigen Zeit aufgreifen und durch die unmittelbare Emotionalität von rund dreissig Songs aus verschiedenen Musicals berühren, begeistern und Hoffnung vermitteln.» Premiere ist am 12.12.

Und ja, wie präsentiert es sich überhaupt, das neue provisorische Theater-Gebäude namens «UM!BAU», das gleich neben der Tonhalle in den Park gebaut wurde? Es zeigt viel Holz und nimmt in seiner Ausrichtung die auf die Spitze gestellte Winkel-Struktur des Haupthauses auf. Insgesamt atmet es stärker den Charme des Provisorischen als die vergleichsweise solid wirkenden Bauten, die das Genfer Grand Théâtre oder die Zürcher Tonhalle als Übergangs-Spielstätten errichteten. Man sieht an allen Ecken und Enden die Vorläufigkeit und Endlichkeit des Bauwerks, in den rohen Holzbalken, die die Konstruktion tragen und in den angepeppten Spanplatten dazwischen oder auch in den Toiletten, wo die technischen Installationen offen zutage liegen. Das entfaltet seinen eigenen Provisoriums-Charme. Dafür ist die Bar so imposant, wie – coronabedingt – dürftig: Ausser Wasser gibt‘s nichts, das dafür ist gratis ... ■

 

 

Keine Angst vor Kobra und Krokodil

Händels «Giulio Cesare» als gelungene Parodie auf koloniale Forschungsreisende

Es ist ein lustvolles Spiel mit der Vorlage, das der Regisseur Fabio Ceresa in seiner witzigen Adaption dieser Händel-Oper anstellt. Ein Spiel mit den barocken Emotionen, die in den Da-Capo-Arien ja jedes Mal so kontrastreich wie möglich ausgekostet werden, ein Spiel auch mit der ebenfalls sehr barocken Vorliebe für Kulissen, Kostüme und – ach so hanebüchenen – schicksalshaften Wendungen: Du kannst ruhig eine halbe Minute lang eine Pistole auf deinen Gegner richten und natürlich nicht schiessen, bis eine Witzfigur aus den Kulissen dir die Waffe abnimmt. Na ja, die Geschichte wäre ja sonst viel zu schnell zu Ende und – noch schlimmer für die Barockoper – deine emotionalen Gemütslagen könnten sich sich nicht noch einmal von himmelhoch jauchzend urplötzlich in zu Tode betrübt wenden.

Es ist vor allem auch ein virtuoses Spiel mit den Klischees: Cäsar hat bei Händel durchaus und durchs Band überaus hehre und heldenhafte Züge – ausser vielleicht, dass er Cleopatras Reizen nach einer Zehntelsekunde erliegt. Bei Ceresa aber ist er zwar ein durchwegs unerschrockener Zeitgenosse, der auch einem Krokodil oder einer Kobra liebevoll übers Köpfchen streichelt. Aber mit dem Heldischen hat er es dann doch nicht so ganz, es gerät ihm – natürlich vorzugsweise in Anwesenheit von Kleopatra – zur hohlen Pose, die den Heroen nicht immer ganz auf der Höhe der sich oft dramatisch zuspitzenden Situation zeigt. Vermutlich vernebeln ihm neben Kleopatra auch der koloniale Blick auf die exotischen Reize des Morgenlands ein wenig die Sinne, die Massimo Checcetto (Bühne) und Giuseppe Palella (Kostüme) hier nur allzu gerne in den üppigsten Farben schildern. Denn dieser Cäsar ist kein römischer Imperator, sondern ein britischer Reisender mit Tropenhelm und Überseekoffern, der wie ein neugieriges Kind in diese Märchen-Landschaft stolpert.

Man könnte darin ein wenig Kolonialismus-Kritik finden, aber dafür ist alles viel zu klischeehaft und witzig übertrieben gezeichnet. Ceresa macht das auf sympathische Weise unaufdringlich. Das Gag-Feuerwerk, das andere vielleicht in diesem Konzept abbrennen würden, reduziert sich bei ihm auf ein paar Dutzend nette Einfälle. Kern der Inszenierung aber bleibt – das vergessen manche Regisseure in der Barockoper –, dass die sängerischen Herausforderungen so gewaltig sind, dass nicht nach Belieben auch noch herumgerannt werden kann. Bei Ceresa dürfen die Darsteller für ihre virtuosen sängerischen Eskapaden auch einfach einmal in optimaler Distanz zum Dirigenten und zu den Orchestermusikern an der Rampe stehen und sich auf die Schwierigkeiten von Koloraturen, Sprüngen und vokalen Achterbahnfahrten konzentrieren.

Und gerade, was die vokalen Herausforderungen betrifft, fällt bei dieser St. Galler Produktion etwas auf, was selbst bei den absoluten Barockspezialisten nicht immer so deutlich wird: die Lust am Verzieren der Wiederholungen in der typischen Form der Da-Capo-Arien. Alle in dieser Besetzung, die nun ja gerade nicht aus absoluten Barockspezialisten besteht, zeigen eine unbändige Freude an dieser zutiefst barocken Improvisationstechnik und meistern diese Herausforderungen auch bravourös. Jeder kann da auf seine Stärken abstellen, Terry Wey in der Titelrolle etwa auf die wunderschön geschmeidigen Höhen seines Countertenors und auf die stupende Beweglichkeit seiner Koloraturen, während bei der Cornelia von Sonja Runje gerade die satte Mezzo-Tiefe, die sich ganz ohne Vibrato handfest Bahn brechen kann, für Gänsehaut sorgt.

Bei der Cleopatra von Tatjana Schneider hingegen hört man am stärksten auch, dass fachfremde Stimmen hier Händel singen: Da ist bei aller Koloratur-Geschmeidigkeit entschieden zu viel Vibrato in jeder Phrase. Wiederum hinreissend singt Luigi Schifano den tolpatschigen Tolomeo und Jennifer Panara überzeugt nicht nur mit vokalem Feuer in ihren glühenden Rache-Schwüren, sondern singt mit Cornelia innig-lyrisch auch die schönste Nummer des Abends, das Duett «Son nata a lagrimar».

Kein bisschen verstecken vor den Spezialisten-Ensembles muss sich auch das St. Galler Sinfonieorchester. Unter der Leitung des in diesem Repertoire sehr versierten argentinischen Dirigenten Rubén Dubrovsky spielt es erstaunlich vif in den barocken Ausdrucksbereichen und zeigt sich sattelfest in den manchmal herausfordernd schnellen Tempi. Es ist ein natürliches, unaufdringliches Händel-Klangbild, das Dubrovsky anstrebt, ebenso sind seine Tempi bei aller Agilität stets den Emotionen angepasst. Er hat viel Erfahrung mit Händels Musik, das ist zu spüren, und gleichzeitig braucht er nicht die Attitüde zu demonstrieren, es partout anders zu machen als die Kollegen.

Händel: «Giulio Cesare in Egitto». ML: Rubén Dubrovsky, R: Fabio Ceresa, mit Terry Wey, 
Tatjana Schneider, Luigi Schifano, Jennifer Panara, Sonja Runje u.a.

Ein Spielplan für 50 Zuschauer?

  Wir sprachen mit Werner Signer, dem Direktor des Theaters St. Gallen.   M&T: Herr Signer, Sie ziehen in St. Gallen Ihren Spielplan trotz der Beschränkung auf 50 Zuschauer durch. Eine Trotzreaktion? Werner Signer: Sicher auch. Es kann doch nicht sein, dass wir die Kunst nach Hause schicken und auf Kurzarbeit machen. W ... Weiter
Ausgabe: 01 - 2021