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Vor 150 Jahren starb in Paris der Komponist Gioachino Rossini
Gioachino Rossini – Ikone seiner Zeit
Gioachino Rossini erlebte eine beispielhafte Erfolgskarriere, wurde zum europäischen Opernstar seiner Zeit schlechthin: Der sogenannte «Schwan von Pesaro» löste wahre Euphoriewellen aus, viele seiner Werke wurden zu Repertoirerennern auf allen Bühnen der Welt, allen voran der bei seiner Uraufführung noch durchgefallene «Barbiere di Siviglia». Rossini zog sich jedoch mit 38, nach der ersten Aufführung seines «Guillaume Tell» in Paris, von der Opernbühne zurück und lebte noch einmal so lange, komponierte nur mehr sporadisch, vornehmlich geistliche Musik, wie sein «Stabat Mater». Am 13. November dieses Jahres vor 150 Jahren starb der italienische Komponist in Passy bei Paris. Aus diesem Anlass unterhielt sich M&T mit verschiedenen Interpretinnen und Interpreten seiner Musik, was ihnen Rossini heute bedeuten kann.

«Rossini ist ein wichtiger Lehrer meiner Gesangstechnik»

«Wer Rossini für Puccini liegen lässt, kann nicht mehr zurück»
Cecilia Bartoli

Rossini hat mich mein Leben lang begleitet: Mein Debut gab ich 1987 an der Oper in Rom als Rosina. Seither kehre ich immer wieder gerne zu ihm zurück. Rossinis Kompositionen sind für uns Sänger besonders dankbar zu singen. Seine Musik ist einfach beglückend! Ich bin stolz, dass wir ihm als Hommage zu seinem 150. Todestag in Salzburg die «Italiana in Algeri» widmen konnten. Rossini ist nicht nur einer meiner absoluten Lieblingskomponisten, sondern auch ein wichtiger Lehrer meiner Gesangstechnik. Schon am Anfang meiner Karriere war in seiner Musik alles drin, was zu meiner Stimme passte, und ich habe seither immer auf meine Stimme und meinen Körper gehört. Leider lassen sich viele Sänger verleiten zu Partien, die nicht zu ihrer Stimme passen, und das ist fatal. Denn wer Rossini für Puccini liegen lässt, der kann nicht mehr zurück. Das ist eine Einweg-Entscheidung. Die Stimme verliert dann ihre Leichtigkeit und ihre Beweglichkeit.

Aufgezeichnet von Reinmar Wagner

 

 

«Seine Seria-Opern sind besser!»

«Rossini bezieht viele Elemente aus der Vergangenheit ein – und bleibt trotzdem visionär»
Fabio Biondi

Rossini wird für einen Buffo-Komponisten gehalten. Doch seine Seria-Opern sind besser! Auch die Annahme, Rossini habe nicht gut instrumentieren können, halte ich für ein Vorurteil. Rossini, Bellini und Donizetti komponierten für das Instrumentarium ihrer Zeit. Wenn man die Musik ‚historisch’ aufführt, klingt auch die Orchestration sehr gut. Ich finde, es ist eine Frage des musikalischen Respekts, Komponisten jene Instrumente und Spielweisen zurückzugeben, für die sie tatsächlich geschrieben haben.

Man könnte auf den Gedanken kommen, Rossini sei eine Art Vivaldi des 19. Jahrhunderts gewesen. Aber bei Rossini fühlt man Ironie, eine gewisse Leichtigkeit. Er hatte Humor, sogar in den Chorwerken. Von Vivaldi dagegen muss gesagt werden, dass er wenig Humor besass. Ein seltsamer, eher befremdlicher Charakter. Auch die Virtuosität der beiden scheint ähnlich, ist aber in Wirklichkeit sehr unterschiedlich. Bei Rossini hat sie etwas Weltläufiges, Universales. Vivaldi dagegen komponierte für sich und die ihn umgebende Clique. Er machte ‘Privatmusik’.

Während Vivaldi bei der Behandlung der Solo-Geige bahnbrechend gewirkt hat, beabsichtigten die Belcanto-Komponisten keine musikalische Revolu-
tion, haben aber im Innern der Musik enorm viele Details verändert. Diese Details gehen meist unter. Es muss beim Orchester, auch bei Rossini, immer darum gehen, dass das Orchester nicht nur begleitet, sondern einen echten Dialog mit dem Sänger aufbaut.

Als Rossini seine sakralen Chorwerke schrieb, hatte er mit der Oper abgeschlossen. Er hatte alles erreicht, und das führt dazu, dass seine musikalische Sprache recht eigenständig ist. Die «Petite Messe Solennelle» ist daher weniger dramatisch. Rossini scheint geradezu zu sagen: «Tut mir Leid, aber mein Gott ist ein anderer. Mir geht’s um Ewigkeit, Respekt und Liebe!» Diese allgemeinere Haltung halte ich für faszinierend – und auch für wahr. Rossini bezieht viele Elemente aus der Vergangenheit ein – und bleibt trotzdem visionär. Eine sehr reizvolle Melange.

Aufgezeichnet von Kai Luehrs-Kaiser

 

 

«Halten Sie mich für verrückt!»

«Humor und Tragik sind für Rossini zwei Seiten derselben Sexualität»
Jean-Christophe Spinosi

Um den Witz Rossinis in seinen Buffa-
Opern herauszukitzeln, habe ich eine eigene Methodik entwickelt. Meine persönliche Theorie besagt, dass Rossinis Texte von einer ständigen, anzüglichen Doppeldeutigkeit leben. Und dass seine Musik, obwohl sie nicht deskriptiv angelegt ist, in einem gewissen Punkt hiervon abweicht: nämlich darin, dass alle Musik Rossinis eine Metapher des Sexuellen darstellt.

Rossini umspielt den sexuellen Akt musikalisch. Deswegen gibt es in ihr ein ständiges, langsames Crescendo – und einen gewissen Vorwärtsdrang. Als Bild des Vorspiels. Im Finale der «Italiana» ereignen sich schliesslich sogar multiple Orgasmen. Rossini, wie wir wissen, war bereits in frühester Jugend sexuell aktiv. Später wohl nicht mehr. Es mag sein, dass die Musik für ihn ein Surrogat des Sexuellen darstellte. Ein Werk wie die Ouvertüre zu «La gazza ladra» besteht geradezu aus einer Folge erotischer Kitzelanfälle.

Nun mögen Sie mich gern für verrückt erklären. Tatsächlich würde ich so weit gehen, zu behaupten, dass es sich in den Seria-Opern Rossinis nicht grundsätzlich anders verhält. Wenn Otello den Fehltritt seiner Ehefrau entdeckt, verwendet Rossini dasselbe musikalische Motiv wie im «Katzen-Duett». Seria-Opern thematisieren Sexualität mit tragischem Ausgang. Dieser unterscheidet sich von gelungener Erotik wie der Scheidungsprozess von der Hochzeitsnacht. Humor und Tragik sind für Rossini zwei Seiten derselben Sexualität.

Noch einmal: Halten Sie mich für verrückt! Genau diese Theorie aber lege ich bei Rossini-Aufführungen gern meinen Musikern und Sängern vor. Auch Cecilia Bartoli, die in diesem Sommer daher zum vierten Mal mit mir zusammenarbeitete. Die Musiker sind begeistert. Und bringen sofort eine Zweideutigkeit in ihr Spiel, die Lachen herausfordert und erzeugt. Natürlich helfen auch unsere historischen oder semi-historischen Instrumente, da sie dafür sorgen, dass die Pointen der Sänger nie vom Orchester zugedeckt wer-
den. Um die Tollheit einer Rossini-Partitur wachzurufen, muss ich keine technischen Tricks anwenden. Die Musiker, denen ich meine Theorie erzähle, finden den Witz selber.

Aufgezeichnet von Kai Luehrs-Kaiser

 

 

«Ein fataler Irrtum!»

«Rossini muss spucken, fauchen und knistern»
Enrique Mazzola

Nicht zufällig bezeichnete man Rossini als «Il Tedeschino», den kleinen Deutschen. Er ist kein ‚echter’ Belcanto-Komponist. Sondern er kommt aus der klassischen Welt, von Mozart und Beethoven her. Und von der komischen Oper à la Paisiello und Cimarosa. Die zentralen Meister des Belcanto hingegen, Bellini und Donizetti, bezogen sich zwar auf Rossini, stehen aber der Romantik viel näher.

Der technische Unterschied besteht im Timing und im Tempo. Bei Rossini geht es um leggerezza, also um Leichtigkeit und Geschwindigkeit. Es muss immer heissen: «Avanti!!» Man muss das Tempo anziehen, um die Sache nicht erlahmen zu lassen. Das ist im Belcanto völlig anders. Dort kann man sich ein Rallentando, ein Nachlassen des Tempos am Ende, sehr wohl erlauben. Denn es kommt auf schwebende, ‚stehende’ Stimmungen an. Nicht so bei Rossini. Auch ein anderes Grundmittel des Belcanto – die minimalen Tempoänderungen während der Arien – wäre bei Rossini eine Sünde. Man kann sich nun schon denken, warum der Beruf des Dirigenten erst nach Rossini in Schwung kommt. Der Dirigent muss die Tempoänderungen koordinieren, die bei Rossini noch völlig dem Sänger überlassen waren.

Wesentlich sind bei Rossini die Ensembles, von denen man sagen muss, dass sie in vielen Aufführungen nie «zusammen» sind. Das liegt daran, dass man glaubt, Rossini-Opern ohne viel Proben absolvieren zu können. Ein fataler Irrtum! Guter Rossini muss «knusprig» klingen. Die Staccati müssen präzise sein. Rossini muss spucken, fauchen und knistern. Er ist ein Sprühregen – kein Schnürlregen!

Zwischen den Buffa- und Seria-
Opern Rossinis gibt es für mich keinen grossen Unterschied. Rossini war unglücklich, als Seria-Komponist nicht wirklich akzepziert zu werden. Umso geringer fallen die Unterschiede aus, die er sich gestattet. Wenn der Chor in «Mosè in Egitto» glücklich wirkt, klingt er beinahe nach einer Buffa.

Hier wie dort gilt: Niemals von den Stimmen ablenken! Im Grunde bleibt Rossini immer im Banne der Neapolitaner. Er hörte auf zu komponieren, weil er mit dem romantischen Stil, der in Mode gekommen war, nicht mehr klarkam.

Aufgezeichnet von Kai Luehrs-Kaiser

 

 

«Alles klingt irgendwie gleich»

«Die Koloraturen bei Rossini sind ein hochgradiges Show-Element»
Magdalena Kožená

Für mich ist Rossini irgendwie nicht geeignet. Als ich anfing, sagte man mir: «Du wirst eine Rossini-Sängerin.» Die «Italienerin in Algier» war gleich meine zweite Rolle. Auch «La Cenerentola» habe ich gemacht. Das war es. Rossini ist ein Komponist, der für mich mehr Spass bereitet, wenn ich ihn singe, als wenn ich ihm zuhöre. Es muss wohl daran liegen, dass ich kein Belcanto-Fan bin. Wenn es jemand super schön macht, würde ich zugeben, dass ich es als anregend und sogar packend empfinde. Die Emotion läuft ganz über die Schönheit des gesungenen Tons. Das ist schon interessant. Das bedeutet aber auch, dass das Ganze für mich recht an der Oberfläche bleibt.

Mir fehlt, mit anderen Worten, der Text und die «tiefere» Bedeutung, die von ihm ausgehen könnte. Dieses Verhältnis von Text und Musik finde ich sogar bei Händel weit ausgeglichener. Es sind realere Gefühle, die man dort hört. Auch in den Koloraturen, denke ich, geht es grundsätzlich darum, Gefühle auszudrücken. Doch das funktioniert wiederum fast ohne Text. Die Koloraturen bei Rossini sind ein hochgradiges Show-Element. Ich sehe nicht, was darunter läge.

Mir selber geht es vor allem darum, Natürlichkeit zu erzielen. Ich hasse es, wenn Sänger irgendwie künstlich klingen. Für mich dreht es sich um Einfachheit und Frische. Und natürlich darum, möglichst viel vom Text herüberzubringen. Sängerinnen, die in dem beschriebenen Sinne Vorbilder an Natürlichkeit für mich wären, sind etwa Frederica von Stade und Janet Baker. Was immer ich auch singe, ich schaue immer, wie hat es Janet Baker gemacht.

Aus all dem folgt im Grunde nur eines: Ich selber bin für Rossini nicht die Richtige. Für mich klingt alles bei ihm irgendwie gleich. Die echte Befriedigung entsteht bei mir daraus, den Menschen auch mal etwas vorzustellen, was sie noch nicht kennen. Ich mag die Abwechslung im Leben. Und auch das Publikum ist neugierig. Es würde mich zu Tode langweilen, wenn ich ständig Rossini singen müsste.

Aufgezeichnet von Kai Luehrs-Kaiser

Ausgabe: 11 - 2018