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Bilder: Theater Basel/Sandra Then

Simon Stone: «Die jüngste Generation geht nicht aus Tradition oder Zwang ins Theater, sondern weil sie etwas Neues erfahren will

 

Simon Stone über falsche Opferrollen, Intimität auf der Bühne und darüber, weshalb er keine eigenen Stücke schreibt
«Geschichte ist Wiederholung»
Seine Produktionen sind spektakulär, sie überwältigen – und regen intensive Diskussionen an, im Publikum wie bei der Kritik. Keine Frage, Simon Stone ist ein Theaterliebling der Stunde: Alle wollen ihn, alle bedrängen ihn – und alle laden ihn ein. 
Auch das Berliner Theatertreffen, wo im kommenden Mai sein «Hotel Strindberg» gezeigt wird. M&T traf Simon Stone vor der 
Basler Premiere von «Hotel Strindberg» zum Gespräch.

Valerio Meuli

«Wie würden Akteure aus älteren Dramentexten heute sprechen?»

«Man kann ein König des Kinos werden und immer noch ein 
Loser sein»

M&T: Herr Stone, empfinden Sie klassische Dramentexte in ihrer ursprünglichen Form als Korsett?

Simon Stone: Nein, überhaupt nicht. Es gibt zwei verschiedene Dinge, um einen klassischen Dramentext interessant zu gestalten. Zum einen kann eine Inszenierung – ohne den Text zu verändern – eine starke Spannung schaffen. Aufgebaut wird diese Spannung durch den harten Kontrast zwischen der Sprache jener Epoche, in welcher der Text geschrieben wurde, und unserer heutigen Zeit. Daran erkennen die Zuschauer, wie die Welt sich geändert hat. Das ist die erste Art, mit klassischen Texten umzugehen, indem unterschiedliche Zeiten einander gegenübergestellt werden.

M&T: Und die zweite Methode?

Simon Stone: Was mich interessiert, ist etwas anderes. Ich versuche zu fragen, was wäre, wenn das in unserer Zeit passieren würde. Wie würden Akteure aus älteren Dramentexten heute sprechen? Was wären die heutigen Rahmenbedingungen für diese Handlungen? Ich versuche, die Figuren in eine Zeitmaschine zu setzen und in die Gegenwart zu befördern. Die alten Texte sind also für mich keine Einschränkung, sondern eine Möglichkeit, moderne Geschichten zu erzählen.

M&T: Auch aufgrund von archetypischen Situa­tionen?

Simon Stone: Ja. Es gibt so unglaublich viele Stoffe, die sich auf die momentane politische, gesellschaftliche Situation in Europa anwenden liessen. Diese Stoffe variieren aber auch mit der Zeit. Es gibt Geschichten, von denen wir vor zehn Jahren gedacht haben, sie würden nie mehr relevant werden. Und heute sind sie es auf einmal wieder.

M&T: Was ist an Strindberg relevant?

Simon Stone: Wir haben mit der Probearbeit an «Hotel Strindberg» begonnen, als zeitgleich die Debatte um sexuelle Belästigung und Unterdrückung, die Metoo-Debatte, losgetreten wurde.

M&T: Veränderte diese Debatte die Proben?

Simon Stone: Natürlich! Die Angst vor Frauen, auch der Hass auf Frauen, die in Strindbergs Leben allgegenwärtig waren, sind in der Debatte präsent. Strindberg sah stets eine Notwendigkeit darin, die Frauen zu kontrollieren, zu unterdrücken. Er hatte Angst davor, selbst unterdrückt zu werden. Angst davor, seine Würde zu verlieren. Und diese Idee steht in einem interessanten Verhältnis zu #Metoo.

M&T: Inwiefern?

Simon Stone: #Metoo birgt die Gefahr in sich, die Dinge sehr vereinfacht darzustellen. Die Idee, dass Männer Monster sind, greift zu kurz. Klar können Männer Monster sein. Aber diese Monster sind auch deswegen Monster, weil sie schwächer sind. Sie befinden sich in Machtpositionen und es wird nicht aufgezeigt, dass sie diese Positionen aus Rache gegenüber den Frauen ausnutzen. Aus Rache, weil man früher ein junger Loser war, der bei Frauen nicht gut ankam. Harvey Weinstein war ein völliger Loser! Aber darüber wird zu selten gesprochen, man spricht nur vom Hollywood-König, der Frauen sexuell ausbeutet. Man kann aber ein König des Kinos werden und immer noch ein Loser sein. Es gibt sehr viele solcher Fälle, in denen weisse Männer aus der Mittelschicht sich selber eine Opferrolle zuschreiben, die sie eigentlich gar nicht innehaben. Und um diese Thematik geht es in «Hotel Strindberg»: Um Männer, die sich unberechtigt eine Opferrolle zuschreiben.

M&T: Läuft man nicht Gefahr, die wirklichen Opfer dieser Dynamik, nämlich die Frauen, zu vergessen, wenn man sich so auf die Männerrolle konzentriert?

Simon Stone: Klar, es ist sehr wichtig, über die eigentlichen Opfer zu reden. Was wir ja auch tun. Aber ich bin dennoch der Meinung, dass es sehr wichtig ist, diese selbst zugeschriebene Opferrolle einiger Männer zu thematisieren. Auch das gehört in unsere Zeit.

M&T: Wie steht Strindberg zu dieser Thematik? Wie sind seine Texte daraufhin zu lesen?

Simon Stone: Gewissermassen war es damals offener. Die Frau von Strindberg war gleichzeitig noch mit einem anderen Mann zusammen. Sie besass in diesem Beziehungsgefüge die sexuelle Macht, auch weil sie eine reiche, adlige Frau war. Diese Welt lässt sich sehr gut auf das Mi­lieu des heutigen Mittelstands übertragen. Dort finden gerade ähnliche Kämpfe innerhalb von Paarbeziehungen statt.

M&T: In Ihren Inszenierungen arbeiten Sie viel mit Gleichzeitigkeit. Auch in «Hotel Strindberg» gibt es verschiedene Szenen, die zur selben Zeit ablaufen. Ist das die Umsetzung jener vielschichtigen Kämpfe, die Sie beschrieben haben?

Simon Stone: Das Bühnenbild ist für mich eher das Bild einer Psychose als das Abbild einer Gesellschaft. Mehrere Geschichten Strindbergs spielen sich zur selben Zeit ab. Bis zum Ende des Stücks schält sich heraus, dass das gesamte Bühnenbild mit seinen verschiedenen Szenen ein einziges Bild des Wahnsinns wiedergibt. Es zeigt Strindberg als zersplitterten Menschen, der in seinem letzten Lebensabschnitt ja wirklich verrückt wurde. Ein wichtiges Werk bei der Entwicklung unseres Stücks war das «Plädoyer eines Irren», in dem Strindberg versucht, seinen Wahnsinn zu rechtfertigen, sich selbst zu verteidigen. Es ist eine Sicht auf die Welt, die von Misogynie und Paranoia geprägt wird.

M&T: Hat das Bild die Sprache als DNA des Thea­ters abgelöst?

Simon Stone: Nein, ich glaube nicht. Dank SMS und Whatsapp schreibt heute jeder Mensch mehr Dialoge als früher. Ich denke, dass das Bild in der Zeitspanne zwischen 1950 und 1990 wichtiger war als die Sprache. Wenn man Filme aus den 80ern und 90ern anschaut, merkt man, wie bildbesessen man damals war. Die erfolgreichen Filme der Gegenwart enthalten viel mehr Inhalt, mehr Philosophie, mehr Drama. Deshalb denke ich, dass wir diese bildverrückte Zeit hinter uns gelassen haben.

M&T: Eine Bühnenkonstante in Ihren Inszenierungen ist das Haus …

Simon Stone: … das hat damit zu tun, was ich mit meinem Theater erreichen will. Wenn man kleinere Theaterräume betrachtet, merkt man, dass die Zuschauer meist sehr nahe an der Bühne, an den Schauspielern dran sind. Die Situation kann sehr intim sein. Diese Intimität will ich nicht verlieren, wenn ich auf einer grossen Bühne inszeniere. Dadurch, dass ich Häuser mit verschiedenen Zimmern auf die Bühne stelle, versuche ich, sie zu erhalten. Die Zuschauer sollen sich auch ein bisschen als Voyeure fühlen. Sie sollen das Gefühl haben, dass sie eigentlich gerade nicht hinschauen dürften bei dem, was auf der Bühne passiert.

M&T: Der Zuschauer ist also ein ungebetener Voyeur?

Simon Stone: Eine Metapher dazu: Würde man in der australischen Wüste einer giftigen Schlange begegnen, bekäme man Todesangst. Sieht man dieselbe Schlange in einem Zoo, wagt man sich bis unmittelbar an die Scheibe heran – die Angst ist weg. Diesen Effekt kann man im Theater ebenfalls herstellen, mit Glasscheiben oder eben mit Hauskons­truktionen.

M&T: Soll der Zuschauer Angst haben?

Simon Stone: Er soll viel weiter mit seinen Gefühlen nach vorne gehen, soll sie zulassen. Man traut sich wegen der Glasscheibe näher hinzuschauen. Es ist eine paradoxe Situation. Man denkt, dass die Schauspieler sowieso abgetrennt vom Publikum agieren, und merkt erst später oder nach der Aufführung, dass man sich gerade deshalb darauf eingelassen hat.

M&T: Oft überschneiden sich in Ihren Inszenierungen die Szenen. Eine absichtliche Überforderung der Zuschauer?

Simon Stone: Die Autoren Strindberg, Ibsen und Tschechow, die ich alle drei schon inszeniert habe, waren Pioniere in einem bis in ihre Zeit hinein unbekannten Realismus. Heute erkennen wir nicht mehr, wie radikal es damals wirkte, wenn Menschen auf einmal über banale Dinge schrieben. Über Dinge, die nichts mit Königen und Prinzen zu tun hatten. Dass auf einmal wichtig wird, was in ganz gewöhnlichen Haushalten geschieht. Das war ein radikaler Bruch. Und mit meiner Arbeit will ich weiter in diese Richtung gehen.

M&T: Was bedeutet das?

Simon Stone: In den realistischen Dramen von Ibsen, Tschechow und Strindberg gibt es komische Momente. Da muss man sich stets überlegen, wie man die Schauspieler auf die Bühne bringt und sie wieder runternimmt. Häuser als Bühnenbild bieten die Möglichkeit, das alles wegzulassen, dass Menschen aus einem Zimmer gehen. Jeder bleibt einfach auf der Bühne. Das hat nichts damit zu tun, die Zuschauer dazu zu zwingen, das Geschehen aufmerksamer zu verfolgen. Es soll eher eine Was-wäre-wenn-Situation geschaffen werden. Wenn in Tschechows «Drei Schwestern» eine Party stattfindet und wir den Realismus ernst nehmen, dann betrachten wir diese Party. Und das sich auf der Bühne drehende Haus ermöglicht uns, zu sehen, was rundhe­rum geschieht.

M&T: Also gibt die Technik, das sich drehende Haus zum Beispiel, die Dramaturgie vor?

Simon Stone: Es ist eine ganz offenbare Anerkennung, dass es Dramaturgie gibt. Ja, das Haus, die Bewegungen sind Teil der Dramaturgie. Es gibt einen Regisseur, der dem Zuschauer sagt, wohin er schauen soll. Aber: Die Schauspieler machen keine Dramaturgie. Das ist entgegen der Tradition. Normalerweise kommen die Schauspieler auf die Bühne und sprechen. In meinen Inszenierungen weiss das Publikum nie genau, wer wann sprechen wird, alle Schauspieler befinden sich ja fortlaufend auf der Bühne.

M&T: Spiegelt diese variable, durch die Technik gesteuerte Form des Realismus die Zapping-Mentalität unserer heutigen Zeit wider? Ist es Multitasking-Theater?

Simon Stone: Vielleicht. Wir sind sicherlich viel schneller darin geworden, Geschichten aufzunehmen. Früher baute man öfter Wiederholungen ein in die Stücke. Ich würde behaupten, dass die Menschen heute fokussierter im Theater sitzen. Man geht nur noch ins Theater, wenn man ein Stück auch wirklich anschauen will. Den gesellschaftlichen Zwang, ins Theater zu gehen, gibt es beinahe nicht mehr. Die Leute verhalten sich also im Gegensatz zur Zapping-Mentalität, sind konzentriert im Theater. Vor allem die jüngste Generation geht nicht aus Tradition oder Zwang ins Theater, sondern weil sie etwas Neues erfahren will.

M&T: Dann hat das Theater heute eine andere Dringlichkeit als früher?

Simon Stone: Ja. Das Theater ist ein Gegengift gegen die Schnelligkeit in unserem Leben. Ich merke, dass in meinen Stücken sehr viele junge Menschen sitzen. Das Theater ist für sie interessant geworden, denn man kennt das andere alles schon, das Schnelle, das Hektische. Und dann geht man ins Theater rein und merkt: Das ist echt was komplett anderes, da herrschen andere «Götter»!

M&T: Sie haben sich für «Hotel Strindberg» das Gesamtwerk eines Autors vorgenommen, das in das Stück einfliessen soll. Sie halten sich nicht an ein einzelnes Drama Strindbergs. Besteht die Gefahr, nur an der Oberfläche zu kratzen, gar nicht wirklich auf Strindbergs Ideen und Gedanken eingehen zu können?

Simon Stone: Wenn man Theater macht, hat man nie eine Verantwortung, etwas Spezifisches zu machen. Wer im deutschsprachigen Raum ein Stück von Shakespeare besuchen möchte, kann dies innerhalb von zwei Stunden tun, wenn er sich im Internet umsieht und vielleicht einen Flug bucht. Die Theatergeschichte geht ihren eigenen Weg, es werden immer einzelne Stücke gespielt werden. In «Hotel Strindberg» verwenden wir Geschichten und Auszüge aus Stücken Strindbergs, die heute grösstenteils nicht mehr relevant sind. Das sind Texte, die heute nicht mehr gespielt werden, nicht mehr gut sind, vielleicht nie richtig gut waren. Aber es gibt in diesen Stücken ein paar Szenen und Konzepte, die wirklich gut sind. Strindbergs Stücke erzählen eigentlich immer dieselben Ge-
schichten. Dadurch, dass wir Teile aus verschiedenen Werken nehmen und sie übereinanderschichten, entsteht Tiefe.

M&T: Sie halten also wenig davon, Texte möglichst getreu zu übernehmen?

Simon Stone: Wenn ich etwas Neues schreibe, denke ich nie darüber nach, was das Alte war. Ich denke darüber nach, was die Zuschauer bei mir zu sehen bekommen, und was das bedeutet. Und manchmal schreibe ich dann Stücke, die nichts mehr mit ihrem Ursprung zu tun haben. Meine Theaterabende sind nicht Repräsentationen eines Stückes von jemand anderem, es sind Reaktionen auf diese Stücke. Und manchmal kann eine Reaktion auch bedeuten, den Urstoff total zu ignorieren. Die bestehenden Stücke sehe ich als Quellen an.

M&T: Hält Sie diese Möglichkeit der Reaktion auf bereits geschriebene Stücke davon ab, komplett eigene zu schreiben?

Simon Stone: Ich kenne diese Motivation momentan irgendwie nicht. Vielleicht bräuchte ich einen Psychologen, um zu analysieren, warum das so ist. Vielleicht muss ich es irgendwann mal probieren, schon nur aus Neugier. Ich bin der Meinung, dass es nicht möglich ist, etwas komplett Neues zu schreiben. Auch Leute, die eigene Stücke schreiben, verwenden Quellen, seien es nur Zeitungsartikel. Und auch neue Stücke enthalten Figuren und Mechanismen, die es schon einmal gegeben hat. Geschichte ist Wiederholung. Deswegen will ich vielleicht mit Stoffen arbeiten, die schon einmal auf der Bühne gespielt wurden, die schon einmal stattgefunden haben.

M&T: Sie verwenden nicht zeitgenössische Stoffe, stellen sie aber zeitgenössisch dar.

Simon Stone: Auch Stoffe müssen sich anpassen! Müssen wirken, als ob sie im Jetzt stattfinden. Das geschieht im richtigen Leben auch. Die Rechtspopulisten von heute beharren darauf, dass ihr Rassismus ein anderer sei als jener, der in den 1930ern aufgekommen ist. Oder, dass es überhaupt kein Rassismus mehr sei. Das ist ein Schutzmechanismus. Das zeige ich mit meinen Stoffen und ihrer Umsetzung: Die Sprache hat sich ein wenig geändert, die Kleidung hat sich ein wenig verändert, der Stoff hat sich ein wenig verändert. Aber wenn sich alles nur ein bisschen verändert hat, hat sich dann wirklich etwas verändert? Nein, der Inhalt kann stets der gleiche sein! Wenn nun ein junger Mensch kommt und erfährt, dass der Urstoff eines Stückes zweitausend Jahre alt ist und merkt, dass die Grundprobleme immer noch dieselben sind, kann er denken: Wow, vielleicht bin ich doch nicht so einsam!

M&T: Antike Stoffe als Hilfe für heute junge Menschen?

Simon Stone: Ja, sie können eine Befreiung aus der Einsamkeit bedeuten. Ein Erkennen, dass jemand vor so vielen Jahren schon die gleichen Gedanken hatte. Man entwickelt ein solidarisches Gefühl zu Menschen, die in der Vergangenheit lebten. Als ich mit vierzehn Jahren ein Gedicht von Rimbaud über das Masturbieren gelesen hatte, konnte ich erst nicht glauben, dass jemand vor hundert Jahren bereits masturbierte. Natürlich hat man das gemacht!

M&T: Das sind Momente im Theater, in denen Tragik und Komik sich gegenseitig durchdringen.

Simon Stone: Es kommt immer auf die Sichtweise an. Blickt man von aussen auf eine Tragödie, kann einem alles als schlimm vorkommen. Wenn man jedoch in seinem Leben selbst in einer Tragödie steckt, kann es durchaus Momente geben, in denen man nichts anderes mehr kann als lachen. Weil alles so verrückt geworden ist, was gerade geschieht. Wie Komik und Tragik einander ergänzen, hängt vom Kontext ab. Komödie und Tragödie haben gemeinsam, dass sie interessant sind. Es gibt noch eine dritte Variante: die des Banalen.

M&T: Auch Banales kann interessant sein …

Simon Stone: … ja, durchaus. Aber man muss einen Kontext finden, in dem das Banale wichtig wird, als wichtig erkannt wird. Auch wenn eine Handlung banal ist, muss sie Spannung aufbauen können, muss sie kontextualisiert werden. Dabei sind die Schauspieler unglaublich wichtig. Es geht darum, was in einer Seele steckt.

M&T: In «Hotel Strindberg» werden Geschlech­terrollen thematisiert. Sie haben vorher darüber gesprochen, wie Theater Solidarität fördern kann. Wollen Sie mit Ihren Inszenierungen politische Aussagen tätigen?

Simon Stone: Die politische Aussage, die ich in meinen Arbeiten hervorbringen will, ist die, dass das Leben immer komplizierter ist, als man es sich vorstellen kann. Überall gibt es Hass für die besten Menschen und Empathie für die schlimmsten. Und umgekehrt. Die Zustände können sich immer ändern. Und komplexe Zustände verlangen immer ein genaues Hinschauen. Hätten Sie gefragt, ob ich eine leicht zu verstehende politische Aussage in meine Stücke packen möchte, wäre meine Antwort: nein! Aber ich will sehr wohl Fragen stellen: Fragen zu aktuellen Themen, welche die Welt beschäftigen, die die Zuschauer nach dem Theaterbesuch beschäftigen. Kein Theater kann stattfinden, ohne wichtige Fragen aufzuwerfen. ■

Ausgabe: 03 - 2019