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oper

Mischa Christen

 

Wie die Sopranistin Regula Mühlemann Corona und der damit verbundenen Lethargie zu trotzen sucht
Gelassener werden
Im vergangenen Sommer hätte Regula Mühlemann in einer Neuproduktion von Mozarts «Zauberflöte» an den Salzburger Festspielen debütieren sollen. Doch die Produktion wurde abgesagt, und ihre erste Pamina fand ein gutes halbes Jahr später am Theater Basel statt. Vor fünfzehn Zuschauern. Darüber und ganz allgemein über ihre Erfahrungen in dieser ebenso besonderen wie schwierigen Zeit sprachen wir mit der Schweizer Sopranistin.
Theater Basel / Ingo Höhn

Andrea Meuli

M&T: Regula Mühlemann, alle kennen Sie als lebensfrohen, optimistischen Menschen. Wie ist Ihre Gemütslage jetzt, Mitte April 2021?

Regula Mühlemann: Ich darf sagen, es geht mir sehr gut. Aber natürlich erlebte auch ich Höhen und Tiefen in diesem Coronajahr. Wenn ich bisher in meinem Leben etwas unbedingt wollte, mich dafür sehr engagierte und andere Menschen mit zu motivieren versuchte, dann habe ich das eigentlich fast immer geschafft. Auf einmal hatte ich nun überhaupt keinen Einfluss mehr darauf. Dieser Ohnmacht war ich das erste Mal so ausgesetzt, und das hat mir zugesetzt. Im November fühlte ich mich an einem Tiefpunkt. Damals wurde mir aber auch bewusst, dass ich getan hatte, was ich tun konnte. Das liess mich gelassener werden. Der ganze Kampf zuvor, mit andern mitzuleiden und mich auch für sie einzusetzen – das hat mich schwer mitgenommen. Es ging ja nicht nur um mich, ich befand mich im Vergleich ja immer noch in einer recht privilegierten Lage. Das alles hat mich sehr viel Energie gekostet, deshalb erlebte ich die ganze Pandemie damals eigentlich am schlimmsten. Ich musste akzeptieren, dass man selber machtlos ist. Seither geht es mir viel besser. Klar, gewisse Dinge, hinter denen ich keinen Sinn erkenne und bei denen ich denke, sie stehen in keinem Verhältnis, nerven mich nach wie vor.

M&T: Wie intensiv muss man daran arbeiten, um sich und seine Stimme als Sängerin oder Sänger ohne Auftritte und konkrete Herausforderungen fit zu halten?

Regula Mühlemann: Während der ersten drei, vier Monate habe ich keinen Ton gesungen, da liess ich mich gehen. Dann habe ich wieder langsam zu arbeiten begonnen, auch um mich auf die Blonde an der Wiener Staatsoper im September vorzubereiten. Da war ich gefordert, mich körperlich und stimmlich wieder auf die Höhe zu bringen. Danach hatte ich sehr viel Glück, denn bis Dezember lief eigentlich alles, wie in meinem Terminkalender vorgesehen. Zum Beispiel die Proben für die «Zauberflöte» in Basel, die im neuen Jahr dann zumindest noch Premiere hatte – vor fünfzehn Leuten... Aber zuvor hatten wir fünf Wochen geprobt, ich konnte zusammen mit Künstlerkolleginnen und -kollegen eine Produktion erarbeiten. Und in den zwei Monaten während der «Entführung» in Wien fand alles statt, mit Publikum.

M&T: Wie war das denn? Eine Probenarbeit unter Corona-Vorzeichen und unter dem Damoklesschwert, dass alles von einem Augenblick zum andern sich in Luft auflösen und vorbei sein könnte?

Regula Mühlemann: Wir hatten ein gutes Konzept für alle an der Produktion Beteiligten. Einbis zweimal in der Woche wurden wir getestet. Vor allem als wir auf der Bühne probten und mit dem Orchester in Kontakt kamen. Wir probten auch mit Maske, was ziemlich unangenehm war.

M&T: Geht das überhaupt? Singen wohl kaum?

Regula Mühlemann: Nein, das ist tatsächlich schwierig und unangenehm. Vor allem jedoch waren wir dankbar, dass wir arbeiten durften. Dennoch war es unglaublich befreiend, wenn wir die Maske jeweils wieder abstreifen konnten – (lacht) das Gefühl war wie bei einem Höhentraining... Aber wir sind sicher durch die ganze Produktion gekommen, und es gab keinen einzigen Fall einer Infektion. In diesen vier, fünf Monaten arbeitete ich sehr intensiv und fühlte mich stimmlich wohl besser unterwegs als je zuvor. Während der Zeit in Wien konnte ich wegen der geltenden Quarantäneregeln ja nie nach Hause und war damit auch privat isoliert. Diese Zeit habe ich jedoch genutzt.

M&T: Dann kam der nächste Bruch, statt eines sanften Wiederanfangs gingen erneut alle Lichter aus...

Regula Mühlemann: Von Januar bis jetzt hatte ich etwas Kleines pro Monat. So fand für mich das Konzert der Mozartwoche in Salzburg noch als Stream statt, und jetzt an Ostern war noch eine Johannespassion in Leipzig. In diesen Wochen habe ich gemerkt, dass es mir nur schon gut tut, wenigstens einmal im Monat irgendwo zu singen. Selbst wenn es ein Konzert ist, das ich mir halt selber irgendwie organisiere – eine Herausforderung und eine Deadline zu haben, ist mir für mein Arbeiten enorm wichtig. Das habe ich in dieser Zeit mehr denn je erkannt. Es mag andere Menschen geben, die sich auch ohne äusseren Anlass selber motivieren können. Ich habe für mich gemerkt, dass ich einen fordernden Prozess brauche. Die grössten Fortschritte macht man ja meist nicht dann, wenn es locker flockig und leicht läuft, sondern wenn man wirklich gefordert ist, wenn man etwas erkämpfen und sich durch Schwierigkeiten beharrlich durchkämpfen muss. Das alles ins Blaue hinaus, ohne konkretes Ziel durchzuziehen – das schaffe ich nicht, (lachend) dafür bin ich wohl zu wenig sadistisch veranlagt... Ich brauche ein konkretes Ziel, dann kann ich mich ganz akribisch in eine Aufgabe hineinbohren und bin voller Motivation.

M&T: Fällt es Ihnen schwerer, sich zu motivieren, wenn Sie ohne ein Publikum als Gegenüber singen müssen?

Regula Mühlemann: Extrem viel schwieriger! Die verschiedenen Streamings waren schon gut und hilfreich, weil sie uns ermöglichten, mit andern zusammen zu musizieren, auf ein Ziel hinzuarbeiten, auch sich neue Werke zu erschliessen. Das ist die eine Seite, und Streamings müssen auch keine blutleere Sache sein. Aber wenn die ganze Interaktion mit dem Publikum fehlt, ist das schon sehr traurig.

M&T: Ihr Pamina-Debüt war ja ganz anders als geplant und als Sie es sich vorgestellt hatten.

Regula Mühlemann: (Lacht) Das kann man allerdings so sagen... Nachdem Salzburg im letzten Sommer nicht stattgefunden hat, war das eigentliche Debüt am Theater Basel vor fünfzehn Nasen. Die Aufführungen danach in Wien fielen auch aus – alle meine «Zauberflöten» gehen den Bach runter...

M&T: ...als wie surreal erlebt man das als Sängerin oder Sänger auf der Bühne, in einem praktisch leeren Raum zu singen und zu spielen?

Regula Mühlemann: Das war so etwas wie der Tiefpunkt in meinem Sängerinnenleben in Sachen Corona. Ich reiste in einem voll besetzten Zug nach Basel, ging durch die Strassen voller Menschen ins Theater. Und dort drin durften am Abend fünfzehn Menschen in einem 900-plätzigen Saal sitzen. Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Wir haben uns gefreut, die Produktion trotz allem auf die Bühne zu bringen – und wir halten sie jetzt bereit, wenn ab Mai doch noch gespielt werden kann. Aber damals hatte ich den Eindruck, es würde etwas falsch laufen, Es könne doch nicht sein, dass trotz so gut ausgearbeiteten Hygienekonzepten die Vorstellung unter solchen Bedingungen stattfinden musste. Mutig fand ich, dass Benedikt von Peter, der neue Intendant von Basel, das dennoch durchgezogen hat – wahrscheinlich um zu zeigen, wie absurd es war. Aber es hat tatsächlich wehgetan.

M&T: Wie belastend erleben Sie es, ständig flexibel und standby sein zu müssen, Dinge einzustudieren, ohne zu wissen, wann und ob sie überhaupt aufgeführt werden können?

Regula Mühlemann: Es bedrückt schon. Aber es ist einfach zu einer Normalität geworden, mit der man zurechtkommen muss – auch wenn es einen am Anfang noch richtig aus dem Gleichgewicht geworfen hatte. Man hatte etwas einstudiert, und im letztem Moment wurde das Ganze doch noch abgesagt. Oder man rechnete damit, dass eine Produktion eh nicht stattfindet und musste sich dann kurzfristig auf eine gefilmte oder gestreamte Version einstellen, was nochmals ganz andere Anforderungen stellt. Erst recht, wenn das Fernsehen keine atmosphärischen Einstellungen aus dem Publikum zeigen kann und die Kamera fast ausschliesslich auf die Protagonisten fokussiert ist. Da fühlt man sich noch mehr als in einer ganz normalen Aufführung gefordert, alles auf den Punkt zu bringen. Am Anfang hat mich das bedrückt und auch gestresst. Inzwischen gehe ich es pragmatischer an, lerne meine Literatur und rechne gleichzeitig fast damit, dass etwas abgesagt werden könnte. Lässt sich ein Konzert oder eine Vorstellung doch noch realisieren, freue ich mich umso mehr – aber sich auf die Vorbereitung zu fokussieren, ist in dieser Unsicherheit schwieriger. Und es erfordert auch zusätzliche Flexibilität, kurzfristig Vollgas zu geben, wenn wir etwas doch aufführen können. Ohne die Gewissheit eines Auftritts ist es nicht einfach, die gleiche Motivation und Genauigkeit hinzubekommen. Aber das ist Teil jenes Prozesses geworden, dass wir flexibel sein müssen. Das gilt ja auch für das ganze Reisen, was da überhaupt und unter welchen Bedingungen möglich ist. Das hat sich – mit allen Tests und Arbeitserlaubnis-Anforderungen – zu einem wahren Albtraum entwickelt.

M&T: Wie kann man sich bei all diesen bürokratischen Hürden und Hindernissen eine optimistische Haltung bewahren?

Regula Mühlemann: Man freut sich ungemein, wenn etwas doch stattfindet! So habe ich mich wahnsinnig darüber gefreut, in der «Johannespassion» in Leipzig mit den Thomanern doch noch singen zu können. Ich konnte das sehr geniessen, die Auseinandersetzung mit dem Werk, der Austausch mit den Musikern – ich war glücklich dabei! Da überwiegt dann auch Dankbarkeit, Teil einer solchen Aufführung zu sein, gegenüber allen Hindernissen.

M&T: Sie gehören nicht gerade zu jenen Künstlerinnen und Künstlern, vor denen sich nun unvermittelt der existenzielle Abgrund aufgetan hat. Haben Sie Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen, die in Hoffnungslosigkeit und Depression gefallen sind?

Regula Mühlemann: Ich bin tatsächlich privilegiert dadurch, dass mein Terminkalender nie ganz leer war. Es gab zwar eine Zeit, da kam überhaupt keine einzige neue Anfrage herein – das war eine Situation, die ich in meiner Karriere so bisher nicht kannte, dass einfach gar nichts geschieht, auch nicht in die Zukunft gerichtet. Dass nichts stattfand, war das eine, aber dieses Wegfallen an neuen Aufgaben und Perspektiven – das habe ich schon als bedrückend erlebt. Und das trifft viele meiner Kolleginnen und Kollegen sehr hart: dass sie erstens gar nichts mehr haben – kein einziges Highlight in zwei, drei Monaten – und dazu die Unsicherheit, wenn auch die Fernziele fehlen. Die Veranstalter können derzeit auch nicht planen. Das ist für alle sehr zermürbend.

M&T: Vor allem für Junge, die sich am Anfang einer Karriere dieser völlig neuen, unerwarteten Situation ausgesetzt sehen.

Regula Mühlemann: Die trifft es tatsächlich am härtesten. Ich habe viel Kontakt mit Leuten aus Luzern, die hier – auch bei meiner Lehrerin Barbara Locher – studiert haben. Für die tut es mir wahnsinnig leid, denn die trifft diese ganze Pandemie in einem Moment nach ihrer Ausbildung, da man sehr viel investieren will und auch müsste, um eine Karriere in Gang zu bringen. Man müsste herumreisen, vorsingen und Erfahrungen auf allen Ebenen sammeln. Und sie hätten die Energie und Lust dazu – doch es geht einfach nicht. Das trifft tatsächlich diejenigen am härtesten, die zwischen Ausbildung und Berufsleben stehen, denen die Investition in ihren Beruf verbaut ist.

M&T: Für die verschiedenen Festivals und Opernhäuser präsentiert sich die jetzige Lage als äusserst schwierig. Planen ist eine grosse Herausforderung. Wie labil präsentiert sich Ihr Terminkalender?

Regula Mühlemann: Da gibt es eine neue Entwicklung: Seit zwei, drei Monaten wollen alle ihre Programme für meine Liederabende! Entsprechend sieht mein Kalender für den Sommer sehr voll aus. Aber wir wissen alle, wie fragil das Ganze ist. Mein Kalender wäre auch jetzt voller schöner Aufgaben – doch von Monat zu Monat lösche ich alle meine grossen und kleinen Projekte. (Lacht) Das mache ich jeweils sofort, weil ich gar nicht mehr daran erinnert werden will, was an Schönem da gewesen wäre... Ich hoffe nun schon sehr, dass die geplanten Dinge im Sommer, Herbst und danach nicht auch noch verloren gehen.

M&T: Was fehlt Ihnen zurzeit am meisten?

Regula Mühlemann: Die ganzen Energien, die im gemeinsamen Musizieren frei werden, auch die – durchwegs positiven – Reibungen aus einer tiefen Auseinandersetzung mit den Werken und auf dem Probenweg zu einer gemeinsamen Aufführung. Und natürlich das Glücksgefühl, wenn alles zusammenfindet. Und schliesslich der Kreislauf an Energien, die auch wieder vom Publikum mit seinen Reaktionen zurückkommen. Das alles fehlt mir wahnsinnig.

Ausgabe: 05 - 2021