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oper

Bild: Dirk Bleicker

Simone Kermes: «Natürlich gehört beides zum Leben: das Überborden wie die Mässigung.»

 

Simone Kermes schwärmt für barocke Feste, träumt von Sinnlichkeit und Wollust und sieht gleichzeitig die Notwendigkeit des Masshaltens
«… ganz bewusst mein Weg»
Simone Kermes weiss, was sie will. Immer wieder setzt sie schrille Noten mit ihren extravaganten Auftritten und Roben. 
Und geht auch künstlerisch leidenschaftlich wie mutig ihren eigenen Weg. Auch mit ihrem neuen Programm «Inferno e Paradiso», das den Bogen von Bach bis Lady Gaga spannt und das sie mit ihrem Instrumentalensemble «Amici Veneziani» gleichzeitig 
als CD realisiert hat. Zum Gespräch trafen wir die Sopranistin in Berlin.
Bild: Sandra Ludewig

Andrea Meuli

«Ein solcher Traumort für alle Sinne schwebt mir vor»

M&T: Simone Kermes, Sie singen nicht nur, Sie sind auch Ihr eigener Veranstalter. Zum Beispiel für die Konzerte Ihrer aktuellen Tournee.

Simone Kermes: Nicht alles! In Berlin in der Philharmonie und in München mache ich es selber. Ohne Agentur, wegen meinem Orchester: Ich habe vor zwei, drei Jahren eine GmbH gegründet, damit ich meine Musiker anstellen kann – mit Verträgen, Steuern und dem ganzen Zeug. Das war mir schon wichtig.

M&T: Da beginnt die Geschichte ja an einem ganz anderen, nicht erwarteten Ort: Sie haben ein eigenes Orchester gegründet?

Simone Kermes: Ja. Mit Musikern, mit denen ich schon lange zusammenarbeite. Was mir ganz wichtig ist, um überhaupt Musik zu machen. Früher war mir das nicht so bewusst. Da dachte ich, du kannst doch mit allen – aber das funktioniert nicht. Das gilt auch für Dirigenten – die Konstellation, wie das alles geht. So kam ich an den Punkt, an dem ich mir sagte: Jetzt machst du deins, suchst dir die Leute, die wirklich mit dir sind und zu dir passen. Das geschieht natürlich aus langjährigen menschlichen Erfahrungen. An erster Stelle steht ja immer der Mensch, auch in der Musik. Natürlich bin ich jetzt etwas verwöhnt und suche mir jene Dinge aus, die mir wirklich am Herzen liegen. Ich will meine Zeit nicht mehr für überflüssige Dinge opfern. Denn die Zeit drängt und drängt …

M&T: «Amici Veneziani» – der Name Ihres Ensembles klingt ja wie Rondo Veneziano oder eine Kaffeemarke …

Simone Kermes: (laut lachend) ... es klingt doch einfach schön! Und man kann sich den Namen gut merken. Ich liebe Venedig. Und einige der Musiker kommen auch aus Venedig, nicht alle – aber italienisch ist das ganze Ensemble!

M&T: So verfügen Sie nun über Ihr privates Orchester ...

Simone Kermes: Ja, das ist meine Band, das ist meine Familie! Der Händel war unsere erste gemeinsame Aufnahme, davor haben wir mit anderen Programmen schon gemeinsam Konzerte gespielt. Das wird mit dem Programm der neuen CD auch wieder so sein. Nur ist es da etwas komplizierter mit der Besetzung, mit den Bläsern, dass ich das so zusammenbekomme, dass das alles mit den Terminen passt. Denn ich möchte, dass immer die Gleichen spielen. Wie oft sehe ich das in vielen Ensembles, dass da immer andere Leute sitzen. Erstens heisst das, dass man mit den Proben ständig wieder von vorne beginnen muss. Auch der Klang ist nicht der gleiche, es kann so nicht etwas Gemeinsames entstehen. Für mich war das der Punkt, dafür wollte ich kämpfen. Daher bin ich auch ganz aufgeregt, weil ich für die Sache, für die Qualität des ganzen Projekts kämpfe. Was natürlich mit viel Arbeit verbunden ist, die sich andere nicht machen. Ich bin jedoch dazu gekommen, weil ich gemerkt habe, dass du so einen ganz anderen Erfolg hast, du fühlst dich wohl. Wenn ich mit meinen Leuten musiziere, spüre ich auch, dass ich meine Energie nicht verliere. Im Gegenteil – ich bekomme Inspiration, sie geben mir so viel zurück. Wenn ich zu andern, auch grossen Orchestern komme – die können auch sehr gut sein, das hat damit nichts zu tun –, was ich da an Kraft und Energie verliere, die ich eigentlich für die Musik und das Publikum aufwenden möchte – das geht alles verloren!

M&T: Ist das nicht übertrieben?

Simone Kermes: Nein, es ist nicht übertrieben. Ganz im Ernst. Die Orchester mögen mich ja, oft sind es die Dirigenten, die diesen Fluss stören.

M&T: Lässt sich das denn vergleichen, ob Sie mit den Berliner Philharmonikern oder dem Gewandhausorchester Leipzig Mahler singen oder mit einem kleineren Orchester barocke Werke aufführen?

Simone Kermes: ... oder Mozart, Rossini oder Bernstein? Ich finde das gar nicht so unterschiedlich. Ich habe auch schon Konzerte ohne Dirigent hingekriegt, etwa ein Silvesterkonzert mit der grossen Truppe der Dresdener Philharmonie, mit dem Konzertmeister. Wir haben diese grossen Dinger gespielt – und es funktionierte. Was so herauskommt, ist fantastisch – und alle sind glücklich.

M&T: Wenn ich Sie so schwärmen höre, scheint der Dirigent für Sie ein störendes Element …

Simone Kermes: Ja. Es gibt welche, die akzeptieren die Solisten. Oder sie akzeptieren, dass sie eigentlich dafür da sind, zu begleiten – oder dass man die Sache gemeinsam macht. Es muss gemeinsam sein, damit energetisch etwas geschieht, damit der Funke springt! Immer. Wo jeder seine Inspiration und natürlich auch sein Können reingibt. Das bedingt, dass man den Musikern nicht den Eindruck gibt, sie nicht zu akzeptieren oder sie gar als blöd hinstellt. Das ist doch die Sache, Das kann ich nicht mehr – ich akzeptiere meine Musiker, die wissen doch selber, wie man gewisse Werke spielt. Und es ist grossartig für sie, interpretatorisch frei zu sein, etwas gemeinsam zu kreieren. So kommt etwas ganz anderes heraus als wenn alles von einem Dirigenten bis ins Letzte kontrolliert wird und die Musiker sich gleichsam als eingeschnürte Sklaven vorkommen müssen. Das zerstört den Moment. Kann man so die Menschen wirklich treffen, wirklich berühren?

M&T: Also kann Sie auch der ganz normale Operntrieb kaum mehr reizen …

Simone Kermes: Ganz ehrlich, es ist schwierig geworden, dass ich meine Zeit für solche Dinge opfere. Ich muss davon ausgehen, dass ich wirklich herausgefordert werde, dass ich eine Aufgabe bekomme und etwas machen kann, was ich zuvor noch nie gemacht habe. Und wo ich mir auch sicher bin mit den Menschen, die mich sechs Wochen umgeben. Es muss menschlich passen.

M&T: Sie haben jedoch ganz traditionell in einem Ensemble begonnen.

Simone Kermes: Ja, doch heute gibt es das so ja kaum mehr. Dabei macht das ja eigentlich das Theater aus: wo man sich kennt, wo man zusammen brennt, wo man sich kritisiert. Heute hingegen werden Ensembles von Produktion zu Produktion zusammengestellt mit Leuten, die möglicherweise gar nicht zusammenpassen, die sich gegenseitig neidisch sind und vielleicht sogar hassen. Jeder will den grössten Erfolg und deshalb sein Ding durchsetzen – das ist ja furchtbar. Und für mich nicht Theater, nicht Oper – das brauche ich nicht mehr und möchte es eigentlich auch nicht mehr. Obwohl ich Theater und die Oper liebe! (lachend) Vielleicht will ich lieber Theater spielen und gehe an die Volksbühne …

M&T: Wie auch auch immer, ein Zentrum Ihres singenden Tuns ist der Barock. Was macht diese Epoche für unsere Zeit interessant? Ist es die Masslosigkeit, ihre Extravaganz?

Simone Kermes: Ich finde Barock nicht masslos. Natürlich gab es all den Prunk und ein bisschen viel Schnörkel, vor allem in der Architektur sowie der bildenden Kunst. In der Musik hingegen finde ich es genau richtig, wie es sein muss – es hat Geschmack! Und ich sehe ganz viele Parallelen des Barock zu unserer Zeit. Daher wollte ich mit diesem Album beweisen, dass die Popmusik sich natürlich viel aus der Barockmusik geklaut hat. Dass jedoch sehr ähnliche Harmonien verwendet werden und man kann diese Stücke wirklich wieder dorthin bringen kann.

M&T: Den umgekehrten Weg haben schon viele eingeschlagen, zum Beispiel Jacques Loussier in seinen Bach-Bearbeitungen.

Simone Kermes: … ja, das waren viele. Ob Sting oder Rockgruppen wie Emerson Lake & Palmer, Jethro Tull, Led Zeppelin oder Deep Purple: Die kennen alle die barocke Musik. Sie haben das studiert, waren davon begeistert und haben einiges melodisch, rhythmisch und harmonisch in ihre eigene Musik eingebaut. Das hat mich schon immer begeistert.

M&T: Wären Sie lieber Popsängerin geworden?

Simone Kermes: … Natürlich war es immer mein Wunsch … (lacht) jetzt bin ich ja zum Punk zurückgekehrt, nachdem ich einst, als ich mich da und dort bewarb, mit einer Punkfrisur und was weiss ich rumgelaufen bin … nein, es ist genau richtig, so wie es jetzt ist: Die Oper, die klassische Musik sind schon mein Metier. Aber natürlich, diesen Ausflug zu machen, mit meiner Erfahrung aus dem Barock in die heutige Zeit zu schlittern – das bin schon ich, das passt viel eher zu mir als die klassische Opernsängerin … Auf der einen Seite kann ich so Stücke, die mich ein Leben lang begleitet haben, von denen ich ein Leben lang geträumt habe, nun endlich mal selber singen. Etwa den Led-Zeppelin-Song «Stairway to Heaven», der für mich immer sowas von Barock war. Jetzt hatte ich den Punkt: Es passte die Story, es passte vom Text in dieses Programm! Aber wenn du dich an einen solchen Kultsong herantraust, musst du es anders machen, das musst du sein! Wenn dir das gelingt, das zu deinem Song zu machen, ist es grossartig. Das ist noch stärker, als wenn ich zum Beispiel eine Arie von Händel singe, die es schon so lange gibt und die nicht so ganz für mich geschrieben wurde. Es ist eine ganz andere Voraussetzung.

M&T: Der Song von Led Zeppelin wurde auch nicht für Sie geschrieben …

Simone Kermes: Nein – in dieser Variante jedoch ist er ganz auf mich abgestimmt. Natürlich haben wir uns die Frage gestellt: Was kann man daraus machen, wie sollte es klingen, was könnte für mich passen, ohne dass es eine billige Crossover-Version wird? Und von Anfang an war uns klar, dass es eine Passacaglia sein muss.

M&T: Ihr neues Programm hat einen spektakulären Titel bekommen: «Inferno e Paradiso». War das Ihre Idee?

Simone Kermes: Ja, alles: Die Idee des Albums ist meine, ich habe den Titel vorgeschlagen, die einzelnen Stücke ausgesucht, ich habe das Booklet geschrieben, das Fotoshooting ist meine Idee … Es war schon eine Wahnsinnsarbeit. Auch die Stücke zu finden, die musikalisch und thematisch gut sind und erst noch passen. Geleitet hat mich dabei vor allem die Kunst der Kastraten. Es sind einige Arien dabei für Caffarelli. Das ist so meine Stimme, der hat eine Tessitura, die mir liegt – sehr hoch und sehr tief. Ich glaube, der war noch besser als Farinelli, mit über drei Oktaven Stimmumfang
und mit unglaublich virtuosen Höhen – das kommt meiner Stimme entgegen. Ich fühle das, wenn ich singe.

M&T: Heisst das, in den schwindelerregenden Höhen fühlen Sie sich am wohlsten?

Simone Kermes: Ich bin doch Sopran! Ich habe auch Königin der Nacht gesungen …! – Doch ganz ehrlich gesagt, wohl fühle ich mich dazwischen. Ohne gute Mittellage geht nichts. Ich liebe wohl Koloraturen, ich komme bis zum hohen G – aber es geht auch ganz tief!

M&T: Zwischen der venezianischen und der neapolitanischen Schule gab es stilistische Gegensätze. Durchgesetzt haben sich die Neapolitaner …

Simone Kermes: Ja, es waren ganz verschiedene Gesangsschulen. Ich mag schon die neapolitanische Schule, die hat sich tatsächlich auch durchgesetzt, die anderen waren dann schon etwas altmodisch. Sogar Vivaldi ist aus der Mode gefallen, sobald Porpora, Vinci und die ganzen Neapolitaner aufkamen. Selbst Broschi, der Bruder von Farinelli, war vielleicht kein grosser Komponist, schrieb aber sehr virtuos und für den Effekt – ein eigentlicher Popkünstler in der Zeit. Noch heutzutage gehen seine Nummern im Konzert ab, die Leute toben, wenn man sie singt. Das sind Stücke, in denen du als Sänger so richtig Zirkus machen kannst. Das muss nicht den ganzen Abend sein – denn die letztlich wahrhaften und tiefen Stücke sind schon die langsamen. Die liegen mir auch besonders am Herzen.

M&T: Die virtuosen Stücke befriedigten wohl damals wie heute das Bedürfnis nach spektakulärem Kitzel, nach Entertainment, wie man heute sagt. Sie regen in Ihrem neuen Programm ja auch Träume von der grossen barocken Orgie an …

Simone Kermes: Ja, ich träume doch auch von jenem ganzheitlichen Genuss, wie er im Barock gelebt wurde. Wie die Leute schön gekleidet im Garten flanierten, wie sie Essen, Trinken, Schauen, Riechen, Hören zelebrierten – (lachend) ab achtzehn vielleicht auch mit irgendwelchen Liegepositionen. Ein solcher Traumort für alle Sinne schwebt mir vor – wie im alten Griechenland …

M&T: Ganz der Zeit entfliehen …

Simone Kermes: … die Zeit ist das Wichtigste, was wir besitzen! Ich muss meine Zeit richtig einteilen, die mir noch bleibt. Dabei bin ich jemand, der ganz am Boden ist und auch immer am Boden bleiben wird. Gerade als Sänger ist es wirklich wichtig, dass man das Richtige zur richtigen Zeit tut, dass man wohl auswählt, vor allem aber reinen Herzens und mit dem Kopf dabei ist und aufpasst, dass man es schafft, sein wirklich Eigenes, Authentisches machen zu können. Je unabhängiger wir sind, desto authentischer können wir sein. Seit ich das erkannt habe – sagen wir im Lauf der letzten fünf Jahre – ist das ganz bewusst mein Weg. Und ich bin dabei auch viel erfolgreicher.

M&T: Ist das so?

Simone Kermes: Ja, auch das Publikum fühlt, dass ich meinen eigenen, authentischen Weg gehe.

M&T: Waren Sie nicht auch mal gefährdet, in eine Schublade gesteckt zu werden?

Simone Kermes: … Ich bin doch jetzt noch in der Schublade!

M&T: ... die ein bisschen durchgeknallte Barocknudel ...

Simone Kermes: … genau! Da bin ich doch noch immer drin. (lachend) Genau darum musste die Lady Gaga auf dieser neuen CD unbedingt sein! Und «Poker Face» vertritt erst noch die Wollust … das passt doch perfekt!

M&T: Vertritt jedoch nur die eine Seite Ihres Programms, das zwischen Inferno und Paradies hin und her wechselt.

Simone Kermes: Dieses Programm und diese CD habe ich drei Jahre mit mir herumgetragen, das Thema war in meinem Kopf. Und es passt genau in diese Zeit. Dabei konnte ich alles verwirklichen, was ich mir erträumt hatte. Natürlich gehört beides zum Leben: das Überborden wie die Mässigung. Im Leben kommt man allerdings nur weiter, wenn man das Mass behält. Wir in unserer Zeit und überhaupt …

M&T: … das klingt nun aber sehr asketisch aus Ihrem Mund …

Simone Kermes: … natürlich muss Überborden auch mal sein – nur schon, um zu wissen, wie dieses Gefühl ist, um die Ekstase zu erleben. Das bedeutet letztlich ja auch wieder einen Ansporn, ansonsten bleibt alles flach und gleich. Aber es darf nicht über längere Zeit zu viel sein. Das ist die Philosophie dieser ganzen Sache für mich. Wenn wir uns daran halten, wird auch die Welt erhalten bleiben. Wenn nicht, läuft alles aus dem Ruder und werden die Menschen sich selbst, durch sich selbst, vernichten. ■

Inferno e Paradiso – die CD

Simone Kermes Amici Veneziani Werke von Vinci, Bononcini, Hasse, Sting, Albinoni, Jürgens, Vivaldi, Page/Plant, Lady Gaga/Redone, J.S. Bach, Caldara, Broschi, Hasse, Händel Sony Classical (Februar 2020) Das Recital enthält Werke von Bach bis Lady Gaga. Themati ... Weiter
Ausgabe: 03 - 2020