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Bilder: Michele Crosera / Bru Zane

Liederabend im ehemaligen Ballsaal der Familie Zane.

 

Die Fondazione Palazzetto Bru Zane erforscht und fördert vernachlässigte französische Komponisten
Französische Romantik 
im venezianischen Lustschlösschen
Das Treppenhaus mit barocken Malereien von Sebastiano Ricci.

Reinmar Wagner

Mitten in Venedig, in der Nähe der Basilica dei Frari, mit der herrschaftlichen Seite gegen den Kanal, wie es sich hier gehört, steht ein eher kleiner Palazzo, der sich als eine kulturelle Perle der Lagunenstadt erweist. Restaurierte barocke Pracht, kombiniert mit geschmackvoll-schlichter Moderne empfängt die Besucher des Palazzetto Bru Zane. Im Garten ranken sich blühende Glyzinien an den Mauern hoch, das Treppenhaus ist üppig ausgeschmückt durch neckische Putten und Reliefs, im ersten Stock öffnet sich der Raum zu einem Ballsaal, der vom Barockmaler Sebastiano Ricci stilvoll ausgemalt wurde. Hier feierten die Zanes, eine von Venedigs wichtigen Patrizier-Familien, ab 1695 ihre Feste, gaben sich dem Vergnügen des Tanzens und des Spiels hin.

Heute gibt es in diesem zauberhaften Rahmen klassische Konzerte für 75 Zuhörer – hundert, wenn man die Galerie dazu nimmt. Aber nicht etwa die Werke von Vivaldi, Albinoni oder Gabrieli werden hier gespielt. Sondern zum Beispiel unbekannte Klaviertrios von Félicien David, René Lenormand oder Cécile Chaminade mit dem Trio Chausson. Nicht der venezianische Barock wird hier gespielt und gefördert, sondern die französische Romantik. Und das kam so: Nicole Bru, Ärztin, Pharma-Unternehmerin und eine der reichsten Frauen Frankreichs, liebt nicht nur Venedig, sondern ist als Mäzenin und Förderin von wissenschaftlichen und sozialen Projekten bekannt. Ein kultureller Zweig fehlte ihren Stiftungen aber noch, und so kam beides zusammen: Ein schmucker Palazzo, der 2006 aus dem Besitz des Erzherzogs Dominic von Habsburg-Lothringen für acht Millionen Euro erworben werden konnte, und die Gründung einer Stiftung für die Erforschung und Förderung einer der bis dahin stiefmütterlich behandelten Epochen der Musikgeschichte: die französische Romantik zwischen der Revolution und dem Ersten Weltkrieg.

2009 waren die Renovationsarbeiten abgeschlossen, das Haus konnte als Sitz der Stiftung «Palazzetto Bru Zane» eingeweiht werden. Jedes Jahr gibt es zwei Themen-Festivals, das nächste ist der Kammermusik von George Onslow und seinen Zeitgenossen gewidmet. Auch dazwischen finden einzelne Kammermusik-Konzerte und Liederabende im Haus der Stiftung statt. Für grössere Besetzungen weicht man in die umliegenden Säle aus, zum Beispiel in den prächtigen, repräsentativen Raum der Scuola San Giovanni Evangelista, mit monumentalen Wand- und Deckengemälden und einer gigantischen Statue des Evangelisten an der Stirnwand des hohen Raums.

Hier präsentierten zum Beispiel Solisten vom «Cercle de l’Harmonie» unter Julien Chauvin die Opéra comique «Le Saphir» von Félicien David, ein charmantes, munteres Stück zwischen ernster Oper, Operette und Vaudeville, in dem die engagiert und souverän singenden Solisten ihre komödiantische Ader nach Herzenslust ausleben konnten. Als Partitur ist «Le Saphir» verloren, erhalten ist nur der Klavierauszug. Daraus fabrizierten die Wissenschaftler vom Palazzetto eine Fassung für neun Instrumente. Kein Stilbruch, denn genau in solchen Arrangements waren damals die Opern erst populär geworden. Kaum jemand konnte sich den Eintritt in die Opernhäuser selbst leisten, aber schon einen Tag nach den Premieren spielten solche Kapellen die Hits von Gounod oder Verdi in den Strassen der Stadt, und sie verbreiteten sich mit Windeseile.

Aber die Stiftung tut weit mehr, als Einheimische und Touristen mit französischem Humor zu unterhalten. Neben den Konzerten in Venedig beteiligt sie sich an zahlreichen Aufführungen weltweit. So sind zum Beispiel die Ensembles des George Onslow-Festivals, das im April und Mai die Kammermusik des französischen Komponisten in Venedig ins Zentrum stellt, davor und danach in vielen Städten Deutschlands, Frankreichs, Österreichs und der Niederlande zu Gast. Darüber hinaus pflegt die Stiftung eine eigene Publikationen-Reihe mit Büchern und CDs, unterstützt weitere CD-Projekte, ediert unveröffentlichte oder schlecht zugängliche Werke, und unterstützt auch Musiker und Sänger, die sich in die Eigenheiten der französischen Romantik vertiefen wollen.

Künstlerischer Leiter ist Alexandre Dratwicki, ein quirliger französischer Musikwissenschaftler von begnadeter Eloquenz, dessen Zwillingsbruder interessanterweise in Versailles das «Centre de la Musique baroque» leitet, womit sich nicht nur die künstlerischen Epochen verwandtschaftlich die Hand reichen, sondern auch vielfältige Kooperationen zwischen Venedig und Paris ermöglicht werden. Man sieht sich als Netzwerk, man will anregen, unterstützen, aber die Mittel klug verteilen und immer gerne Andere mitmotivieren, sich ebenso einzubringen.

Die Zahlen sprechen für sich: In der Saison 2014/15 veranstaltet Palazetto Bru Zane selber 61 Konzerte und ist bei 103 weiteren als Partner dabei. Seit 2009 wurden 26 CD-Produktionen in den eigenen Reihen veröffentlicht, 84 weitere gefördert und 28 Bücher veröffentlicht. Die Generaldirektorin Florence Alibert kann jedes Jahr über 3,5 Millionen Euro aus dem Kapital der Stiftung verfügen: «Damit kann man viel erreichen, aber wir wollen auch eigene Mittel generieren, aus Tourneen, CDs und Publikationen. Für unsere Forschungen stehen wir in Kontakt mit Bibliotheken und Universitäten, aber auch mit vielen Familien der Komponisten, wo viel Material in privaten Archiven liegt. Wir katalogisieren und publizieren, wir veranstalten Symposien, arrangieren Begegnungen zwischen Musikern, Forschern und Künstlern, wofür sich der Palazzetto sehr gut eignet. Wir bieten Schülerveranstaltungen und kostenlose Führungen an. Wir tun alles, um diesen Ort möglichst zu beleben und offen zu halten.»

Kommende Veranstaltungen

• Festival George Onslow, 
11.4.–21.5.2015 Venedig, Palazzetto Bru Zane Kammermusik von Onslow und Zeitgenossen, u.a. mit Emmanuelle Bertrand, Quatuor Diotima, Quatuor Ardeo, Trio Van Baerle. • Festival Palazzetto Bru Zane in Paris, 29.5.–5.6.2015 Théâtre des B ... Weiter

Die jüngsten CD-Publikationen des PBZ

• Victorien Joncières: «Dimitri». Philippe Talbot, Gabrielle Philiponet, Nora Gubisch, Andrew Foster-Williams, Flemish Radio Choir, Brussels Philharmonic, Hervé Niquet (Leitung). Eine Oper aus dem Jahr 1876, beruhend auf Schillers Fragment «Demetrius». Eine Intrigengeschichte am Zarenhof, ... Weiter
Ausgabe: 01/02 - 2015