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musik

Bilder: Frang: Marco Borggreve / Roth: Julien Mignot

Vilde Frang und François-Xavier Roth spielen das Violinkonzert von Schumann.

 

François-Xavier Roth und Vilde Frang bei den Migros-Kulturprozent-Classics
Feuer und Wasser
Mit seinem Orchester «Les Siècles» ist François-Xavier Roth in neue Bereiche der Originalklang-Welt vorgestossen. Nicht weniger Präsenz entfaltet er mit traditionell aufgestellten Klangkörpern, etwa wenn er mit seinem Gürzenich-Orchester Mahler interpretiert. Im Januar kommt er erneut in die Schweiz, diesmal wieder mit seinem eigenen Originalklang-Orchester «Les Siècles» und spielt zusammen mit der norwegischen Geigerin Vilde Frang unter anderem das Violinkonzert von Schumann.
Vilde Frang und François-Xavier Roth spielen das Violinkonzert von Schumann.

Reinmar Wagner

François-Xavier Roth: 
«Wir verdanken das, 
was wir sind, der Kultur»

Gut, man könnte streiten über meinen Titel. «Feuer» für François-Xavier Roth, das passt auf jeden Fall, denn seine Interpretationen des romantischen Standard-Repertoires für Orchester von Berlioz bis Mahler und selbst bei Ravel oder Debussy verdient diese Affiche mit der ungezähmten, aufgerauten Klanglichkeit, mit der Roth seine «Siècle»-Musiker anspornt auf jeden Fall. Aber Wasser für Vilde Frang? Okay, Norwegen, wo die Geigerin herkommt, liegt am Meer, aber die kühle Nordländerin passt als Klischee schon nicht mehr so richtig zur stets überlegten und klanglich vielseitigen Musikerin aus Oslo. Ebensowenig wie ihr Vorname, der mit dem deutschen Wort «wild» verwandt ist. Damit würden wir dann doch eher eine Künstlerin wie Patricia Kopatchinskaja assoziieren.

Was also kann man erwarten, wenn diese 34-jährige Solistin, die heute zu den besten und begehrtesten ihres Fachs zählt, auf einen der letzten Revoluzzer der Orchesterlandschaft trifft? Kennen tun sie sich schon, haben 2019 zum Beispiel zusammen das Violinkonzert von Strawinsky aufgeführt. Jetzt also Schumann, jenes lange vernachlässigte Werk unter den grossen Violinkonzerten, das sich nicht so einfach erschliesst wie Mendelssohn oder Tschaikowsky. Interessant wird sein, wie sich die Klangfarben der historischen Instrumente ausnehmen, denn – das hat schon Harnoncourt gezeigt – der lange hartnäckig kolportierte Vorwurf, dass Schumann ein schlechter Orchestrierer gewesen sei, beruht auch darauf, dass seine Musik auf hochgetriebenen Stahlsaiten im Karajan-Sound tatsächlich an Wirkung verliert.

Vilde Frang hat sich behutsam diesem Konzert genähert, über Kammermusik von Schumann zum Beispiel. Sie ist keine, die in stundenlangen Konzept-Sitzungen die Details einer Interpretation festlegt: «Ich rede nicht so gerne über die Musik. Am meisten profitiert man meiner Meinung nach, wenn man zusammen spielt. Je weniger man spricht, desto mehr Raum hat die Musik. Es geht weniger um Diskussion und Dialog, als um Intuition und Inspiration. Wenn die Chemie stimmt, und alle gut drauf sind, wenn alle flexibel sind, dann geht das am besten. Ein Werk verändert sich für mich ständig. Es ist wirklich fast so, dass ich es jedes Mal wie zum ersten Mal spiele. Die Gefühle sind sehr variabel, und ich denke, dass ich mich auch auf diese Flexibilität einlassen kann und will. Es ist sehr gefährlich, wenn man denkt, man beherrsche etwas. Wenn man das zulässt, hört man auf zu wachsen, sich zu entwickeln. Ich versuche jedes Mal, mich quasi auf null zu stellen.»

Zu hören war diese Offenheit auch im Sommer 2019, als sie in Gstaad mit Lahav Shani das Violinkonzert von Max Bruch mit sehr viel Feingefühl und einer breiten Palette an immer wieder auch fahlen, dunklen und versonnenen Klangfarben spielte. Eine Vielschichtigkeit, die sich auch in den agogischen Details und in den Möglichkeiten der verschiedenen Vibrato-Intensitäten fortsetzte. Und im Finale kam auch das ungarische Temperament keineswegs zu kurz, Vilde Frang verschenkte die Virtuosen-Attitüde dieses Themas keineswegs.

Mit 15 kam sie zu Anne-Sophie Mutter und hat so richtig angefangen zu arbeiten. «Gemüse essen» hat sie das genannt. Danach kamen Lehrer wie Kolja Blacher und Ana Chumachenko, musikalisch also ganz verschiedene Welten: «Tatsächlich, das ist wie Nord und Süd. Ich habe von allen ein bisschen etwas genommen. Ich denke immer noch, dass das ein Glücksfall war: Bei keinem meiner Lehrer habe ich 100 Prozent studiert. Und keiner hat versucht, aus mir eine Kopie von sich zu machen. Ich habe eine wundervolle Flexibilität dadurch.»

Transparenz

François-Xavier Roth hat gerade Schumann auf CD eingespielt, die Sinfonien Nr. 1 und 4, allerdings mit dem Kölner Gürzenich-Orchester (siehe M&T 11-12/2020). Aber auch mit diesem traditionellen Klangkörper erreichte der Franzose eine überaus hohe Transparenz, umso mehr darf man das auch von seiner Interpretation mit «Les Siècles» erwarten. Der Name des Orchesters meint vor allem, dass man sich bemüht, jeder Epoche der Musikgeschichte die entsprechende Klanglichkeit angedeihen zu lassen, was ganz zentral auch bedeutet, dass man das dazu passende Instrumentarium besorgt und auch musikalisch-technisch zu beherrschen lernt. Darin haben es die französischen Musiker seit der Gründung des Orchesters 2003 zu einer stupenden Meisterschaft gebracht, sodass sie für praktisch jedes Jahrzehnt und jede geografische Gegend Europas, in der grosse Sinfonik geschaffen und uraufgeführt wurde, die historischen Gegebenheiten nachstellen können. Entsprechend vielseitig und oft aufregend ungewohnt und ungezähmt klingen ihre Konzerte und Einspielungen. Der Effekt ist vergleichbar mit der Revolution in der Barockmusik, die uns vor fünfzig Jahren vor Ohren brachte, wie vollkommen anders Rameau, Monteverdi oder Bach zu ihren Zeiten geklungen haben müssen.

Aber es geht Roth nicht einfach um die Attitüde, anders zu sein. Im Grunde ist er vor allem ein neugieriger Musiker, der sich nicht gerne auf ein bestimmtes Repertoire oder einen bestimmten Stil festlegen lassen will: «Man kann als Dirigent entweder sehr fokussiert oder sehr breit gelagert sein. Ich bin für ein reines Spezialistentum nicht geschaffen. Ich arbeite mit Orchestern und kleinen Ensembles, mache Oper, wechsle zwischen historischen und modernen Instrumenten. Ich brauche diesen Kontrapunkt, bei allem Respekt vor denen, die sich beispielsweise nur der Alten Musik widmen. Ich dirigiere Uraufführungen von Helmut Lachenmann oder Jörg Widmann, danach spiele ich Haydn oder Bruckner. Dabei bleibe ich die gleiche Person, und ich glaube, die Erfahrungen mit der Neuen Musik helfen mir zu verstehen, was ein Bruckner, Haydn oder Bach wollte. Als ich mein Orchester «Les Siècles» gegründet habe und beispielsweise Strawinsky mit Instrumenten aus seiner Zeit aufgeführt habe, haben sich Leute gedacht, dazu brauche es doch keine alten Instrumente, schliesslich sei es keine Alte Musik. Für mich war es aber wichtig zu zeigen, wie die damalige Ästhetik beschaffen war.»

Solche Erkenntnisse sind aber nicht einfach Selbstzweck für Roth, im Gegenteil. Er hat eine ausgeprägte missionarische Ader, versteht seine Position als Künstler in der Gesellschaft ausgesprochen politisch und sieht – als Kind der Generation Mitterrand, wie er gerne sagt – die Verantwortung der Kultur für die Gesellschaft als absolut unverzichtbar und essenziell: «Ich probiere immer zu zeigen, wie wichtig Musik in unserem Leben ist. Es gibt viele Länder und Regionen, auch in Europa, aber zum Glück nicht hier in der Schweiz, wo man erleben muss, wie die Musik und die Kultur überhaupt bedroht sind. Ein Traum wäre für mich also, dass unsere Gesellschaft Musik und Kultur nicht nur als Nettigkeit in unserem Leben nimmt, als Kontrapunkt gewissermassen zum Alltag, sondern als etwas, das den Leuten wirklich helfen kann, besser zusammenzuleben. Menschen sind Menschen, weil es Intelligenz und Kultur gibt. Wir verdanken das, was wir sind, der Kultur. Es wäre ein grosser Traum, dass ich selbst eine Zeit erleben kann, wo alles, was wir heute machen, Frucht trägt.» ■

Migros-Kulturprozent-Classics

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Ausgabe: 01 - 2021