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musik

Bild: Wiener Symphoniker/Jean-François Leclercq

Präzise Detailarbeit für komplexe Partituren: Philippe Jordan und die Wiener Symphoniker mit Werken von Richard Strauss.

 

Philippe Jordan und die Wiener Symphoniker mit Werken von Richard Strauss in Zürich und Genf
Feine Töne
Philippe Jordan ist ein grosser Differenzierer. Klischees, Schwarz-Weiss-Malen liegen ihm fern. In mehreren Konzerten im Rahmen der Migros-Kulturprozent-Classics mit seinem Orchester, den Wiener Symphonikern, lässt sich das nun überprüfen.

Benjamin Herzog

Er ist nicht aufzuhalten, und man fragt sich, wohin diese Karriere überhaupt noch weiter führen mag. Der Schweizer Dirigent Philippe Jordan wurde letzten Sommer zum Musikdirektor der Wiener Staatsoper berufen. Bald schon, im Jahr 2020, soll er sein Amt angehen. Gleichzeitig dirigiert Jordan auch in Paris. Seit der Spielzeit 2009/10 ist er dort Musikchef der Nationaloper. Dieser Vertrag läuft bis zum Jahr 2021. Paris, Wien und viele Stationen «dazwischen» – Philippe Jordan gehört zweifellos zu den gefragten Dirigenten unserer Zeit.

Letzten Sommer war er mit dem Orchester der Pariser Oper am Lucerne Festival zu hören. Die Kritik lobte an seinem Konzert mit Hector Berlioz’ Symphonie Fantastique die akribische Detailarbeit und musikalische Suggestionskraft. Nuanciert forme Jordan den Klang des Pariser Orchesters und spüre so immer wieder Feinheiten der Partitur auf. Der Kritiker der NZZ hörte bei Jordan «präzise herausgearbeitete Details, die nicht Selbstzweck sind, sondern die er schlüssig in die Gesamtdramaturgie seiner Interpretation einbindet» und befand zum Schluss: «Dies ist musikalisches Erzählen vom Feinsten.»

Künftig wird sich Jordan allerdings mehr mit seinen Wiener Kollegen abgeben. Was sind für ihn denn die Unterschiede der beiden Orchester? Im Interview mit M&T meinte Philippe Jordan: «Als Dirigent nehme ich die Unterschiede als unglaublich spannend wahr. In Paris bekommen Sie Transparenz, Leichtigkeit, Geschmeidigkeit, einen durchsichtig leuchtenden Klang. Es sind die Farben des Impressionismus. Genau das drückt die französische Musik ja auch aus. In Wien dagegen haben Sie einen süsslichen Klang, die Musiker spielen viel Portamenti, benutzen Vibrato, und stets ist ein gewisses Rubato im Spiel. Da ist Paris viel klarer im Zusammenspiel. Auch haben Sie in Paris die viel exaktere Intonation. Das ist in Wien viel schwieriger zu erreichen. Ebenso die klangliche Gleichheit, oder etwa, dass die Musiker wirklich zusammen anfangen. Dafür haben Sie in Wien eine unglaubliche Musikalität.» Und das müsse man auch zulassen können. Gefragt, ober er neben diesen interessanten Unterschieden auch Gemeinsamkeiten der beiden Orchester feststelle, meinte Jordan: «Beide Orchester haben ein Interesse an einem transparenten, feinen Klang. Sie spielen beide auch nicht muskulös, sondern eher unprätentiös, aber mit viel Lust am Musizieren.»

Die Lust am Musizieren – die ist auch hörbar auf Tonträgern. Mit den Wiener Symphonikern erarbeitet Philippe Jordan zurzeit einen Zyklus mit Beet-
hovens Sinfonien für das hauseigene Label. Unerhört plastisch ist der Klang dieses Orchesters. Und wer sich als Hörer etwa in die langsame Einleitung zur Vierten hinein begibt, dem kann Angst und Bange werden. Die Musik schleicht sich da von einer harmonischen Wendung zur nächsten, ohne dass sie sich an den wechselnden Vorzeichen zu reiben scheint. Unbekümmert? Nein, im Gegenteil. Hier wird Spannung aufgebaut zum Allegro-Teil. Und der? Kommt nach dieser Abwesenheit jeglichen Lichts – man möchte mit Beethovens Florestan rufen: «Gott! Welch Dunkel hier!» – wie ein Frühlingshauch. Wohl muss die Musik erst mit Forteakzenten aufknospen, aufplatzen. Nie jedoch gehen Jordan und die Symphoniker ins Gewollte, Gepresste hinein. Das ist Beethoven à jour. Und es ist zugleich mit einer Nonchalance gespielt, die nur ein Wiener Orchester «seinem» Beethoven entgegenbringen kann.

Gewiss, es gibt Originelleres, als den x-ten Beethoven-Zyklus aufzunehmen. Zumal Jordan dasselbe bereits in Paris getan hat. Aber ein Ausweis für hochstehende Orchesterkultur sind diese neun Sinfonien allemal. Auf seiner Tournee durch die Schweiz bringt Jordan mit den Wiener Symphonikern allerdings «Don Quichotte» von Richard Strauss mit. Sie werden den Humor dieser «phantastischen Variationen», wie Strauss seinen Zyklus nennt, mit Charme zur Geltung bringen. Überdies ist Strauss ebenso wie Beethoven ein «Orchester-Komponist», dessen bisweilen üppige Partituren aufzufächern für jeden Dirigenten eine anspruchsvolle Tätigkeit darstellt. Das zweite Werk auf der Tour, Strauss’ «Heldenleben», trägt mit Klangfarben und seinem oft als egomanisch verschrieenen Strauss’schen Klangpathos vielleicht noch dicker auf als der dürre Ritter von der traurigen Gestalt. Man darf gespannt sein, wie Jordan, der präzise Detailarbeiter, dieses komplexe Stimmengeflecht entwirren wird.

Wien, Paris – Philippe Jordan hat immer wieder betont, dass die beiden Städte mit ihren unterschiedlichen Musikkulturen für ihn keine sich ausschliessenden Konkurrenten sein werden. «Wenn ich in Wien eine tolle Erfahrung gemacht habe, bringe ich das nach Paris mit», sagte er im M&T-Interview, «und umgekehrt.» Als Traum bezeichnete er, einmal «beide Orchester zusammen zu dirigieren. Oder, dass es wenigstens einen kulturellen Austausch gibt. Dass zum Beispiel ein Musiker aus Paris ein halbes Jahr in Wien spielt. Das wäre für beide Orchester eine tolle Erfahrung. Ich fürchte allerdings, dass diese Idee aus organisatorischen Gründen Utopie bleiben muss.» Immerhin gastieren die Wiener mit Jordan vor ihren Aufenthalten in der Schweiz mit demselben Programm in der Pariser Philharmonie. Sie geben zumindest für Jordan gewissermassen ein Heimspiel.

Es ist vielleicht symptomatisch, dass eine Figur wie der in Zürich geborene Philippe Jordan dergestalt vermittelnd zwischen musikalischen Kulturen wirkt. Das Schwarz-Weiss-Malen jedenfalls ist seine Sache nicht. Das hört, wer Jordans grosser Leidenschaft im Publikum schon einmal begegnen konnte, in der Musik Richard Wagners. Mit dem «Ring des Nibelungen» trat Jordan in Paris an, Wagners «Parsifal» und die «Meistersinger» dirigierte er in Bayreuth, und es ist anzunehmen, dass Jordan mit Wagner ab 2020 auch in der Wiener Staatsoper am Pult stehen wird. Es sei ein Missverständnis, Wagner auf einen Nationalkomponisten reduzieren zu wollen. «Das Germanische in Wagner ist ja ein absolutes Klischee. Wagner ist universal. Er war der erste grosse Europäer, zusammen mit Liszt und Berlioz», sagt Jordan.

Besonders im Fall der «Meistersinger», die Jordan im vergangenen Sommer als Neuproduktion in Bayreuth dirigiert hatte, solle man Wagners Werk nicht als Ausdruck eines Nationalismus missverstehen. «Wenn Hans Sachs über die Kunst sagt, sie müsse ‹deutsch und echt› sein, da geht es ihm nicht um Nationalismus, sondern um Identität und Authentizität. Das sind Werte, die man aufrechterhalten soll, die nicht verloren gehen dürfen.» Aus diesen Worten spricht der Differenzierer, der feine Denker, der Jordan ist. Für ihn sei es unmöglich, «solche Aussagen im Fortissimo zu machen». Vielmehr gehe es bei dieser Oper um Herzensangelegenheiten. Die Ouvertüre etwa sei «keine Behauptung, sondern vielmehr eine Einladung zu einer der besten deutschen Komödien, die je geschrieben worden sind». Humor, wenn man so möchte, gewiss jedoch eine differenzierte Sicht, sei es nun auf die Kunst oder die Politik, das sind Eigenschaften, mit denen die Welt zurzeit nicht gerade üppig ausgestattet ist. Da kann eine Künstlerpersönlichkeit wie Philippe Jordan nur Gutes tun. ■

Migros-Kulturprozent-Classics

Wiener Symphoniker Gautier Capuçon, Violoncello Philippe Jordan, Leitung Richard Strauss: Don Quixote, 
Ein Heldenleben Zürich, Tonhalle Maag, 9. Juni 2018, 
19.30 Uhr Genf, Victoria Hall, 10. Juni 2018, 
18.00 Uhr Vorkonzert in Zü ... Weiter
Ausgabe: 05 - 2018