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Igor Levit: «Wo ich früher im Runtergehen aus dem Oberkörper heraus spielte, kommt der Ton jetzt aus der Hüfte.»

 

Schubertiade I: Igor Levit – von Strukturbewusstsein, Reserven und Kantabilität des Spiels
«Es hat alles 
verändert!»
Der russisch-deutsche Pianist Igor Levit wird bereits mit 25 Jahren als «Jahrhundertpianist» gehandelt. An der Schubertiade 
tritt er dieses Jahr gleich mit mehreren Programmen in Hohenems und Schwarzenberg auf. Im Herbst beginnt er dabei einen Aufführungszyklus sämtlicher Beethoven-Sonaten

Kai Luehrs-Kaiser

Hochtrabender Kerl! – Aus «natürlicher Unbescheidenheit», so Igor Levit ehrlich, habe er für sein CD-Debüt bei Sony die vier letzten Beethoven-Sonaten ausgewählt. Das bedeutet: Hammerklavier-Sonate abwärts! Es ist tatsächlich ein Hammer. Und nur durch jene Mischung aus Unbedenklichkeit und Erzählwut, Kraftmeierei und Übersensibilität zu erklären, die diesen Künstler interessant macht. Und hoch gelobt. Die Doppel-CD erscheint im Herbst. Einen Namen gemacht hat sich Igor Levit längst.

Hochtrabender Kerl! – Aus «natürlicher Unbescheidenheit», so Igor Levit ehrlich, habe er für sein CD-Debüt bei Sony die vier letzten Beethoven-Sonaten ausgewählt. Das bedeutet: Hammerklavier-Sonate abwärts! Es ist tatsächlich ein Hammer. Und nur durch jene Mischung aus Unbedenklichkeit und Erzählwut, Kraftmeierei und Übersensibilität zu erklären, die diesen Künstler interessant macht. Und hoch gelobt. Die Doppel-CD erscheint im Herbst. Einen Namen gemacht hat sich Igor Levit längst.

Er verdankt dies dem isländischen Vulkan Eyjafjallajökull. Als dieser im März 2010 ausbrach und den Flugverkehr auf internationalen Routen vielfach blockierte, befand sich Levit in China. Er kam nicht raus. Und andere kamen nicht rein. Da auf diese Weise ein empfindlicher Unterdruck im Konzertsystem des chinesischen Ortes Jinan im chinesischen Shandong entstand, sagte sich Levit: «Wenn ich schon da bin, kann ich auch weitere Konzerte geben.» Er sortierte die Noten und gab insgesamt neun Konzerte. Auf einen Schlag.

Nun war Levit damals in China nicht allein. Und hier beginnt der lehrreiche Teil der Geschichte. Aus Deutschland hatte ihn eine einflussreiche und fulminant schreibende Journalistin verfolgt, die gleichfalls verkehrstechnisch fest sass. Und nicht weg konnte. Sie besuchte nun ein Konzert Levits nach dem andern. Vom Klassik-Festival in Bad Kissingen kannte sie ihn ohnehin. In China bestätigte sich ihr positiver Eindruck. Und zwar derart, dass sie zurück in Deutschland eine Lobeshymne verfasste, in dem die seither häufig zitierten Worte standen: «Dieser junge Mann hat nicht nur das Zeug, einer der grossen Pianisten dieses Jahrhunderts zu werden. Er ist es schon.»

Derlei Taxierung, von wichtigen Journalisten (wie in diesem Fall von Eleonore Büning) hingetuscht, sind heute leicht in der Lage, Karrieren zu begründen oder mindestens zu befestigen. Kritiker-Kollegen strömten, um das neue Wunder zu schauen. Veranstalter wie der Münsteraner Klassik-Fex Till Schoneberg verwendeten den Artikel in Konzertankündigungen und beschleunigten so den Karrierebeginn eines Musikers, der noch immer nicht über eine einzige Aufnahme verfügte. Eine mächtige Konzertagentur griff sich ihn. Eine wichtige PR-Agentin nahm ihn sich zur Brust. And here we are.

Der Jungspund mit der Harold Lloyd-Brille, lachlustig und unbeschwert, ist heute 25 Jahre alt. Und wirkt älter und reifer als diese Altersangabe verheisst. Seine Herkunft aus dem lieblichen Nischni Nowgorod (ehemals Gorki), dort wo sich Oka und Wolga gute Nacht sagen, weist ihn als echten Russen aus. Teile der Familie liess man dort nicht zurück, als man 1995 Russland in Richtung Deutschland verliess. Auch für Australien besass man bereits ein Visum. Die Ausbildung von Igor und seiner gleichfalls Klavier spielenden Schwester aber sprach für: Hannover. Die Grossmutter war Deutschlehrerin gewesen. Viele jüdische Familien emigrierten damals, zur Zeit der Kohl-Regierung, in deutsche Bundesländer.

Levits Grossmutter war sogar schon ein Jahr früher eingereist und hatte Talentbeweise ihres Enkels an den bekannten, kürzlich verstorbenen Klavierlehrer und Pianisten Vladimir Krainev gegeben. Der sprach eine Einladung aus. «Ich hatte das Gefühl, keinen einzigen russischsprachigen Freund zu haben», so Levit rückblickend. Es folgte ein nicht untypisches Emigrantenleben in Deutschland. Zu Hause in der Familie sprach man Russisch. Aber man schrieb auf Deutsch.

Im Alter von drei Jahren hatte der kleine Igor ersten Klavierunterricht bei seiner Mutter Elena Levit erhalten, einer Opern-Korrepetitorin. Deren Lehrerin Berta Marantz hatte bei Heinrich Neuhaus, dem Lehrer von Swjatoslaw Richter und Emil Gilels, gelernt. Und sie hatte Neuhaus in ihrer Wohnung vor der Polizei versteckt, als Neuhaus 1941 der Kollaboration mit den Deutschen während des Krieges verdächtigt wurde.

Biografisch und hinsichtlich der Pianisten-Schule, aus der Levit indirekt hervorgegangen ist, verschlingen sich deutsche und russische Einflüsse derart, dass Levit selber kaum mehr klar sieht. «Die diplomatische Antwort, ob es etwas Russisches in meinem Spiel gibt, lautet: Vielleicht», so Levit. «Die ehrliche Antwort lautet: Ich weiss es nicht.» – «Vor drei Jahren hätte ich gesagt: Ich bin deutsch», so Levit weiter. Bedenkt man die kulturellen Einflüsse innerhalb der russischen Schule (die vor allem Einflüsse der deutschen Philosophie von Kant, Hegel und Schopenhauer waren), so stellt sich das Ganze vielleicht als ein Scheinproblem heraus. Die Generation der Richters, Gilels’ und Krainevs war dagegen noch in Russland erzogen worden. Wenn auch mit vielfach deutschem Kulturgut.

Das Spiel Igor Levits spricht von Strukturbewusstsein, von Reserven und von einer Kantabilität des Spiels, bei dem man auf nichts weniger verfallen würde als auf den Gedanken von Sentimentalität – oder Romantik. Kein Rubato-Schinder. Kein Gefühls-Bademeister. Sondern ein auf Willenskraft und Langstreckenkünste geeichter Pianist. Der denn auch ausgerechnet Beethovens ausdauernde Diabelli-Variationen zu seinem Erkennungsstück wählte.

«Ich fing Beethoven von hinten an», meint Levit. Als er 15 war, gab ihm sein Hannoveraner Lehrer Karl-Heinz Kämmerling den späten Beethoven in die Hand. «Auch die Missa Solemnis war wichtig.» Der Kontakt zu Lajos Rovatkay (dem Lehrer von Andreas Staier) gewann an Einfluss. «Mein Spiritus Rector!», so Levit, der offenbar unter Hannoveraner Klavierprofessoren die grosse Runde gedreht hat. Mit Matti Raekallio ist er bis heute in Kontakt. Ebenso mit Bernd Goetzke. Das Examen machte er mit Werken von Frescobaldi. Und absolvierte ausserdem Stunden bei Hans Leygraf in Salzburg. «War nur zu teuer von Hannover aus.»

Unnötig zu sagen, dass die Solistenkarriere Levits bereits im frühen Alter von vier Jahren begonnen hatte. «Gespielt und gesungen und habe ich Beetovens Bagatelle in c-Moll.» Das Debüt mit Orchester folgte im Alter von sechs mit einem Händel-Klavierkonzert in seiner Heimatstadt Gorki. «Wer das auf YouTube stellt, kriegt’s mit mir tun!», lacht er.

Die Harold Lloyd-Brille trägt er bei Auftritten nicht. «Meine alte Brille ist mir beim Tripel-Konzert von Beethoven mal auf die Tastatur gefallen.» Das habe sogar einen Ton gemacht. Seitdem tritt er «blind» bzw. leicht sichtbeschränkt auf. «Für Kontaktlinsen bin ich zu eitel», so Levit, der zugibt, dass er die Noten auch ohne Brille lesen kann – und das Publikum nicht unbedingt scharf sehen muss.

Noch etwas: «Ich habe 32 Kilo abgenommen», so Levit. In eineinhalb Jahren. Dank Schwimmen, Fahrrad, Fitness, Inline-Skating. Sogar Tischtennis. Sogar Boxen! Aber das liess er doch lieber, als ihm die Berufsrisiken als Pianist eingehender vor Augen geführt wurden. «Es hat alles verändert!», so Levit über den Gewichtsverlust. «Im Sitz. Im Gefühl. Im Bewusstsein für den Anschlag.» Denn der Anschlag, so Levit,  hänge vom Sitz ab.

«Wo ich früher im Runtergehen aus dem Oberkörper heraus spielte, kommt der Ton jetzt aus der Hüfte.» Der Rücken: ist entspannt. Auch im Nacken spüre er keine Kraftanstrengung. So liefert die Radikal-Diät des Igor Levit nebenbei eine Erklärung dafür, warum es in der Geschichte des Klaviers so relativ wenig übergewichtige Pianisten gab. – Denn wen hätte es da gegeben? Lazar Berman gewiss. (Eine Ausnahme.) Und Yefim Bronfman inzwischen. Im Übrigen hielten sich Gewichtsprobleme bei Klaviervirtuosen zumeist im Rahmen von kleineren Bäuchlein, die man geschickt im Frack zu verbergen wusste. Das Rätsel um den Bauch des Pianisten ist gelöst! Und Levit spielt Beethoven drahtig, energetisch und schlank.■

Igor Levit

• 26. April 2013, 20.00 Uhr, Hohenems. Klavierabend. Werke von Schubert. • 2. September 2013, 16.00 Uhr, 
 Schwarzenberg. Kammerkonzert mit Sol Gabetta (Violoncello). Werke von Beethoven, Brahms und Chopin/Franchomme. • 8. Oktober 2013, 20.00 uhr, Hohenems. ... Weiter

Schubertiade.

Die Schubertiade hat sich als eine der ersten Adressen für Kammermusik etabliert. Und dies – mit den verschiedenen Konzertzyklen und Festivalwochen in Hohenems und Schwarzenberg – gleich mehrfach sowie über das ganze Jahr verteilt. M&T begleitet das traditionsreiche Vorarlberger Festival mit kammermusikalischem Welt-fo ... Weiter
Ausgabe: 03 - 2013