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Bild: SWR

Claus Peymann: «Sie glauben doch nicht, dass man Schauspielern wie Bernhard Minetti, Gert Voss oder Marianne Hoppe mit Gewalt kommen konnte!»

 

Wie die Begegnung mit Regisseur und Intendant Claus Peymann unverhofft in ein Gespräch mündete
«Es gibt immer auch Kämpfe»
Claus Peymanns unfreiwillig kurzer Auftritt in Chur hat für Wirbel gesorgt. Eigentlich hatte er über Brecht, das Theater und sich selber reden wollen. Im Interview mit M&T holt er genau das nach.

Carsten Michels und Valerio Meuli

Nach der Beschimpfung im Theater Chur am Sonntagabend hat sich Claus Peymann in sein Hotel zurückgezogen. Der Ärger des deutschen Theatermannes verflog allerdings schnell. Ohne Umstände sagte er zu, zum entgleisten Podiumsgespräch Stellung zu nehmen.

M&T: Herr Peymann, vor einer halben Stunde haben Sie das Theater Chur vorzeitig verlassen. Schön, dass Sie nun mit uns reden.

Claus Peymann: Ich hab’ ja jetzt Zeit. Was kann ich für Sie tun?

M&T: Uns verraten, wann Sie gemerkt haben, in welche Richtung das Podiumsgespräch läuft.

Claus Peymann: Das ging schon am Nachmittag los, an der bizarren Veranstaltung vorher.

M&T: Sie meinen die Diskussion über Brechts Radiotheorie?

Claus Peymann: Ja, ich sass im Publikum. Schon da hat Samuel Schwarz als verantwortlicher Leiter für das ganze Happening reichlich Unsinn verzapft. In einer Dauererregung, die kein Mensch verstanden hat. Ständig hat er die beiden Brechtforscher unterbrochen – «Intervention 1…», «Intervention 2…», was sollte denn dieser ganze Quatsch?

M&T: Hatten Sie mit Schwarz kein Vorgespräch?

Claus Peymann: Doch, am Mittag. Da lief er bereits hochtourig. Vielleicht war er überfordert wegen seiner «Lukullus»-Aufführung, keine Ahnung. Ich hab gemeint: «Wenn Sie sich jetzt schon so aufregen, wie sollen wir dann heute Abend miteinander reden?» Andauernd versicherte er, es würde keinen Skandal geben. Da hätte ich mal hellhörig werden sollen… (lacht) Im Podiumsgespräch selbst hatte ich dann das Gefühl, dass ich das Publikum schnell auf meiner Seite hatte...

M&T: Hatten Sie auch. Und zwar in dem Moment, als Sie sich zu Schwarz umgedreht und die Beine langgestreckt hatten...

Claus Peymann: Ja, wenn Schwarz falsch erzählt! Wenn er meine Zeit in Stuttgart nicht erwähnt. Stuttgart war eine meiner wichtigsten Stationen. Dort habe ich begriffen: Theater kann mehr, als sich die Nase rot anzumalen und Witze zu reissen. Das habe ich dann auch in Wien erlebt mit «Heldenplatz», aber auch schon 1966 mit der «Publikumsbeschimpfung». Ich gelte ja als Skandalregisseur. Aber das waren eigentlich nie Skandale. Als ich «Heldenplatz» uraufgeführt habe, war das ja nicht so, dass Thomas Bernhard und ich uns hingesetzt und gesagt haben: Machen wir einen Skandal! Es ging in diesem Fall darum, die Inszenierung Österreichs als erstes Opfer des Faschismus zu hinterfragen. Vergessen wurde damals, dass Hitler Österreicher war, dass die wichtigsten KZ-Wärter Österreicher waren, 300 000 Menschen beim Einmarsch Deutschlands auf dem Heldenplatz gestanden sind und «Heil Hitler» gerufen hatten. Dieses Vergessen war der eigentliche Skandal, nicht unsere Aufführung!

M&T: Sie haben Ihren Auftritt abgebrochen, als Schwarz nach der Gewalt fragte, die Sie auf Ihre Schauspieler ausgeübt hätten.

Claus Peymann: Eine idiotische Behauptung. Aber das ist ja momentan eine modische Attitüde. Ich war in meinem ganzen Leben nie gewalttätig. Sie glauben doch nicht, dass man Schauspielern wie Bernhard Minetti, Gert Voss oder Marianne Hoppe mit Gewalt kommen konnte! Theaterproben sind harte Arbeit, da gibt es manchmal gewaltige Auseinandersetzungen. Und ich habe wegen Minetti sicher genauso viel geweint wie er wegen mir. Wer ignoriert, dass künstlerische Berufe Schmerz auslösen können, dass Schmerz ein Teil des Lebens ist, der liegt falsch. Das Theater lässt sich nicht harmonisieren. Es gibt immer auch Kämpfe. Aber diese Kämpfe sind insofern auch Scheingefechte, weil sie nie die Substanz von Menschen verletzen oder bedrohen dürfen.

M&T: Das war vielleicht der Vorwurf: Dass es Regisseure gibt, die Schauspieler zerstören, um sie dann neu aufzubauen.

Claus Peymann: Es könnte sein, dass Fritz Kortner und Bertolt Brecht so ähnlich gewesen sind – wenn man den Erzählungen von Regieschülern Brechts und des grossen Regisseurs Fritz Kortner glauben kann.

M&T: Warum haben Sie die Einladung nach Chur angenommen?

Claus Peymann: Weil ich mich darüber gefreut habe. Diese kleine, unscheinbare, aber schöne Stadt ist für uns Theaterleute nach wie vor ein legendärer Ort. Als Brecht 1947 aus dem Exil zurückkam, fand er in Deutschland zunächst keine Heimat, aber hier in der Schweiz. Und seine erste Theaterarbeit nach dem Krieg realisierte er hier in den Bergen, wo sich die Füchse gute Nacht sagen. Das ist nach 70 Jahren ein grosser Moment für diese Stadt, und ich wollte sozusagen einen Kuss überbringen vom Berliner Ensemble, das ich fast zwanzig Jahre geleitet habe. Es ging darum, vor dem Ort eine Verbeugung zu machen. Ich fühlte mich irgendwie verbunden. Es sollte eine kleine sentimentale Reise in die Theatergeschichte werden. Also bin ich gerne nach Chur gekommen, wo Brecht sein Antigone-Modell entwickelte. Das ich übrigens für angreifbar halte.

M&T: Sie haben es selber inszeniert.

Claus Peymann: Stimmt, dreimal sogar. Und dreimal erfolglos, obwohl es immer Publikumserfolge waren. Mitte der Sechzigerjahre an der West-Berliner Schaubühne, da weiss ich noch, dass während einer öffentlichen Generalprobe die Helene Weigel mit ihrer ganzen Truppe aus Ost-Berlin in der ersten Reihe sass. Sie hat das Theater am Ende wutentbrannt verlassen (lacht). So schlecht waren wir damals gar nicht, denn die Inszenierung lief in der Schaubühne dann 50, 60, 70 Mal. Doch im Grunde muss jeder Regisseur an der «Antigone» scheitern.

M&T: Warum?

Claus Peymann: Ich verstehe Brechts Ansatz so kurz nach der Nazi-Barbarei vollkommen. Aber für problematisch halte ich die Idee, dass Antigone, im Gegensatz zur ihrer zögerlichen Schwester Ismene, die reine Widerstandskämpferin ist und Kreon widerspruchslos ein böser Mensch.

M&T: Ein Machtmensch, ein tyrannischer Patriarch: Vermutlich sollten Sie heute beim Churer Podiumsgespräch genau als solcher vorgeführt werden.

Claus Peymann: Unternehmen gescheitert, würde ich sagen. Die Aktion war doch läppisch. Schwarz war vollkommen übererregt. Vielleicht war es auch die Enttäuschung eines provinziell gebliebenen Regisseurs, der sich sein Mütchen kühlen wollte an – wie er mich selbst genannt hat – einer «Theaterlegende». Vielleicht wollte Schwarz auch den «Tell» geben, der den zugereisten «Gessler» aus Berlin erledigen wollte… (lacht)

M&T: Nehmen wir an, das Gespräch wäre anders gelaufen. Hätte die Frage nach den harten hierarchischen Strukturen im Theaterbetrieb nicht ihre Berechtigung gehabt?

Claus Peymann: Ja, sicher. Hierarchien gibt es überall, nebenbei gesagt, nicht nur im Theater. Ich bin in der antiautoritären Bewegung aufgewachsen. Und ich war – auch am Theater – ein Fürsprecher, den demokratischen Versuch zu unternehmen. Wir haben das ja damals an der Schaubühne gemacht, über Besetzungen abgestimmt und so weiter. Aber das ist vollständig schiefgegangen. Sie können künstlerische Entscheidungen nicht durch Mehrheiten fällen lassen. Wer das macht, wird irgendwann die Rechnung zahlen. Natürlich bin ich inzwischen fast der einzig übrig gebliebene von den sogenannten «Theater-Königen».

M&T: Also doch ein König!

Claus Peymann: Sag ich ja. Aber warum soll ich mir das vorwerfen lassen? Ich frage Sie: Wie kommt es, dass bei mir immer diese super Frauen herausgekommen sind? Karin Bergmann ist heute Intendantin des Burgtheaters, Christiane Schneider leitet den Theaterverlag bei Suhrkamp. Karin Henkel war mehrfach Regisseurin des Jahres, Katrin Brack mehrfach Bühnenbildnerin des Jahres – um nur einige zu nennen. Sie alle kommen komischerweise aus diesem «autoritären Betrieb». Zum Glück gibt es sie noch, die grossen Figuren im Theater! Ohne grosse Figuren ist das Theater gar nicht vorstellbar. Und zwar betrifft das die Spieler auf der Bühne und die Regisseure im Parkett. Das Theater würde ohne grosse Künstler untergehen. Wenn das im Theater der Zukunft nicht anerkannt wird, dann gute Nacht!

M&T: Die junge Generation am Theater will mit­entscheiden. Ist das in Ihren Augen ein Fehler?

Claus Peymann: Wenn es neue Konstruktionen gibt, dann bitte. Warum soll sich ein Fehler wie die «Mitbestimmung» in der Kunst, die wir damals ausprobiert haben, nicht nach 30, 40 Jahren wiederholen? Warum soll die neue Generation nicht auch ihre Erfahrungen machen? Vielleicht führt es zu was. Wie ich vorhin auf der Bühne gesagt habe: Ich hoffe, dass die Zeit heute neue Helden und neue Situationen schafft. Und ich hoffe, es werden sich die Künstler durchsetzen.

M&T: Für neue Helden war heute wohl nicht der Tag?

Claus Peymann: Nein, kein bisschen. ■

«Ich hoffe, dass die Zeit heute neue Helden 
und neue Situationen schafft»

«Wer ignoriert, dass künstlerische Berufe 
Schmerz auslösen können, dass Schmerz ein Teil des Lebens ist, der liegt falsch»

Ausgabe: 11 - 2018