Syndicate content


oper

Bild: Mischa Christen

 

Regula Mühlemann über das Wagnis Juliette, über Machtspiele am Theater und über ihren Weg zum Lied
«Es fühlt sich richtig gut an!»
Ihre ersten Erfahrungen auf einer Opernbühne machte Regula Mühlemann bereits am Luzerner Theater. Nun kehrt sie als international gefragte Sopranistin an das Theater ihrer Heimatstadt zurück. In einer Neuproduktion von Gounods «Roméo et Juliette». Im Gespräch erzählt sie über ihre Erfahrungen mit dieser neuen Partie und mit welchen Frauenfiguren auf der Bühne sie sich als Frau von heute identifizieren kann – oder eben nicht.
Tragischer Liebestod: Regula Mühlemann als Juliette.

Andrea Meuli

«Jetzt merke ich plötzlich, was es bedeutet, 
eine Tragödie zu spielen»

«Ich mag Frauen, die 
ihr Leben und ihr Schicksal selber bestimmen»

M&T: In Luzern am Theater haben Sie einst begonnen, nun kehren Sie zurück. Doch die Vorzeichen sind ganz andere...

Regula Mühlemann: Mit der Juliette begehe ich sicher eine neue Stufe. Bis dahin hatte ich als romantische Hauptrolle einzig Gretel in Turin gesungen. Das ist schon etwas anderes, und deshalb bin ich froh, diese Rolle zuerst an einem kleineren Haus zu singen. Im Voraus konnte ich nicht wissen, was mich alles erwartete – da ist es natürlich schön, eine solche Partie in einem Umfeld zu erarbeiten, wo man sich zu Hause fühlt.

M&T: Ist die Belastung, der Druck weniger gross, mit einer Rolle an einer Bühne abseits der grossen Zentren zu debütieren?

Regula Mühlemann: Das sicher. Auch die überschaubare Grösse dieses Hauses nimmt einem Druck weg und eröffnet gleichzeitig eine Chance...

M&T: Welche?

Regula Mühlemann: Man merkt von der ersten szenischen Probe an, wie man hier sehr vieles allein schon mimisch ausdrücken kann. Man sieht alles in diesem Haus, das Publikum ist sehr nahe am Bühnengeschehen dran. Und ich muss mich nicht darum sorgen, mit meiner Stimme durchzukommen. So gesehen wäre der Stress an einem grossen Haus sicher grösser gewesen.

M&T: Sie können also unbeschwerter auftreten…

Regula Mühlemann: … und vor allem eine Partie gesund aufbauen! Ich denke, ich habe mit dieser Rolle stimmlich einen Prozess durchlaufen, der mich extrem weitergebracht hat. Begonnen hatte das schon im Vorfeld, als ich Riccardo Muti Fiordiligi vorsingen konnte. Dabei wusste ich, dass diese Rolle für mich zu früh kommen würde, dennoch wollte ich sie mal spüren, wie sie sich für mich anfühlt. Und Muti reagierte genau so, wie ich es mir erhofft hatte: Er lobte meine Stimme und meine Technik – wollte mich aber noch nicht in dieses Projekt hineinschicken. Meine Vorbereitung und die Arbeit an dieser wunderbaren Mozartrolle bin ich im Bewusstsein angegangen, dass Juliette ansteht. Und jetzt, kurz vor der Premiere, spüre ich sie in meinem Körper. Es fühlt sich richtig gut an!

M&T: Heisst das, dass Juliette ein Schritt in eine neue Richtung ist?

Regula Mühlemann: Ich denke, es ist eine Grenzpartie für mich. Nicht nur wegen der Grösse des Orchesters, wegen der Linienführung oder der Sprache – immerhin ist es meine erste französische Partie – und gut Französisch zu sprechen, hilft einem nicht besonders, in dieser Sprache zu singen. Das allein bedeutete für mich eine riesige Herausforderung. Kommt hinzu, dass Juliette da und dort auch recht dramatische Stellen zu meistern hat, nicht nur in ihrer Gift-Arie. Vorher war mir auch kaum bewusst, dass die Herausforderungen nicht nur in der Musik liegen, hatte ich doch bis dahin ausschliesslich komödiantische Rollen verkörpert. Jetzt merke ich plötzlich, was es bedeutet, eine Tragödie zu spielen. Was es vor allem auch psychisch und körperlich von einem abverlangt – ohne dass man die Kontrolle verliert. Das ist ein sehr lehrreicher Prozess für mich, von dem ich bestimmt für mein ganzes Leben als Sängerin profitieren kann.

M&T: Juliette ist ja auch eine recht lange Partie…

Regula Mühlemann: … ja, sehr lang sogar! Oft wird ihre Gift-Arie weggelassen. Dieses Stück scheint mir jedoch essenziell, um die Figur vertiefter zu zeigen. Diese Arie, in der sie ihr Schicksal in die Hände nimmt, in der sich ihr Leben entscheidet, macht die Figur so viel reifer. Juliette durchläuft darin den Prozess vom Teenager zu jener Frau, die bewusst den Entscheid trifft, sich das Leben zu nehmen für diesen Mann, für die Idee, welche die beiden verbindet. So agiert sie und reagiert nicht bloss. Das ist doch gewaltig!

M&T: War Juliette ein Wunsch von Ihnen?

Regula Mühlemann: Benedikt von Peter und ich haben zusammen geschaut, was in Luzern machbar wäre. Und ich habe an vier, fünf Rollen gedacht, die mich interessierten. So sind wir darauf gekommen.

M&T: Im Juni singen Sie Susanna am Opernhaus Zürich. Auch eine Wunschpartie?

Regula Mühlemann: Ich liebe diese Rolle, gesungen habe ich sie bisher einmal in Genf. In näherer Zukunft kommen noch Pamina, Blondchen und Adele hinzu. Ich merke, dass diese Rollen jetzt genau richtig sind für mich. Su­sanna gehört da zweifellos dazu! Lange hatte ich mich auf meine erste Susanna gefreut. Und als ich sie dann das erste Mal gesungen habe, merkte ich: Das ist genau mein Ding – von der Figur, von ihrer Anlage her. Da bin ich stimmlich und von der Figur her hundertprozentig daheim! Mozart wird meiner Stimme nie gefährlich, (lachend) Susanna kann man sehr lange spielen, bevor einem diese Rolle verleidet! Deshalb freue ich mich sehr, in dieser Partie in Zürich und später auch noch an anderen Häusern aufzutreten.

M&T: Juliette treibt Sie eher an Grenzen…

Regula Mühlemann: Ja, die markiert jenes Limit, über das ich momentan nicht hinausgehen will und sollte. Sie verlangt mir genau das ab, was ich kann. Es ist ja auch gut, die Herausforderungen auszudehnen – ich habe bemerkt, wie ich an dieser Aufgabe gewachsen bin.

M&T: Was muss eine Rolle erfüllen, damit sie Sie fesseln kann?

Regula Mühlemann: Ich mag Frauen, die ihr Leben und ihr Schicksal selber bestimmen, die wissen, was sie wollen. Juliettes Schicksal ist zwar alles andere als selbstbestimmt, aber sie trifft mutige Entscheidungen. Ich habe eine Anfrage für Zdenka in «Arabella» bekommen – sicher eine tolle Rolle zum Singen – und eine grössere als das Echo in «Ariadne», was im Frühjahr an der Scala kommt… Keine Frage, Strauss mag ich und möchte unbedingt mehr von ihm singen. Aber ich muss gestehen, die ganze Oper ist mir von ihrem ideellen Gehalt her zu wenig heutig, das darin vertretene Frauenbild entspricht mir nicht…!

M&T: Klar, Arabella richtet an Mandryka die Worte: «Du sollst mein Gebieter sein»…

Regula Mühlemann: (lachend) …da stehen mir fast die Haare zu Berg! Sicher gibt es Opern, die mich mit einer zeitgemässeren Aussage mehr reizen. Auch wenn die Musik manchmal so bezwingend schön ist und es mir erleichtert, mich trotzdem in eine Partie einzufühlen – auch wenn sie mir als Frau von heute überhaupt nicht passt. Mozarts Frauenfiguren hingegen machen einfach Spass – zumindest in meinem Fach sind es jene Figuren, welche meistens die Fäden in der Hand halten und sich kaum auf das Opfer reduzieren lassen.

M&T: Wenn wir schon beim Thema «Frau als Opfer» sind: Im Zug der ganzen #MeToo-Debatte beginnt man nun, die Rolle der Frau auf und hinter der Bühne oder dem Podium zu überdenken: Wie weit kann, darf Kunst gehen? Sind Sie auch schon in Situationen geraten, in denen Sie sich bedrängt gefühlt haben?

Regula Mühlemann: Nicht wirklich. Ich spüre solche unangenehmen Situationen nahen und weiche ihnen daher aus. Meine Intuition schlägt Alarm und schützt mich so gleichsam vor jenen aufdringlichen Personen. Womit ich keineswegs ausdrücken möchte, dass andere Frauen selber schuld seien. Ganz im Gegenteil! Doch ist man einmal so weit drin, dass man jemanden abweisen muss, dann wird es schwierig. So weit ist es bei mir nie gekommen. Nie bin ich in eine Situation geraten, in der ich mich bedroht gefühlt hätte. Doch seien wir ehrlich: Diese Belästigungen kommen nicht nur im Musikbetrieb, in der Oper vor – es kann sie in jedem Betrieb mit krassen Hierarchien geben. Alle diese erzwungenen Annäherungen sind nichts anderes als ein Ausdruck von Machtspielen. Ich finde es äusserst wichtig und gut, dass das nun alles zur Sprache kommt, dass man darüber redet und die Probleme nicht mehr verschweigt und unter den Tisch kehrt.

M&T: Warum war das so lange möglich ohne Gegenwind, ohne dass eine Diskussion aufgebrochen wäre? Und das in einer aufgeklärten Zeit mit selbstbewussten und emanzipierten Frauen?

Regula Mühlemann: Das habe ich mich auch gefragt. Letztlich brauchte es einfach Frauen, die den Mut aufbrachten, das Ganze öffentlich zu machen. Aber ich kenne Kolleginnen, bei denen sich solche Konstellationen nach und nach zuspitzten. Und gerieten sie irgendwann in eine Situation, in der sie gezwungen waren, eine aufdringliche Person abzulehnen, mussten sie danach mit dem ganzen Frust und Hass zurechtkommen, die sich gegen sie richteten. Sei es, indem sie das im Konzert zu spüren bekamen oder nicht mehr angefragt wurden. Ich finde es wichtig, dass das Thema aufgekommen ist. Denn viele, die sich bis dahin fast mit etwas wie einer Carte blanche ausgestattet sahen, müssen nun erkennen, dass hingeschaut wird, dass es eine Öffentlichkeit für diese Probleme gibt. Das ist gut so, und ich bin überzeugt, dass keiner, der sich korrekt verhält, etwas befürchten muss. Dass das keine Verunsicherung auslösen muss. Und jene, die behaupten bereits wegen eines falschen Blicks angegriffen und blossgestellt zu werden, sind in Wirklichkeit halt vorwiegend auch jene, die sich ein übergriffiges Verhalten leisten.

M&T: Hilft einem die Agentur in solchen Situationen – oder wird man als Frau allein gelassen?

Regula Mühlemann: Meine beiden Agenturen wissen Bescheid über solche Dinge. Und ich glaube auch, dass ich beschützt würde. In unserer Situation sind es vor allem Regisseure und Dirigenten, die für solche Übergriffe in Frage kommen. Und die Motivation für beide Berufe kann sein, weil man es liebt, Theater oder Musik zu machen. Oder dann eben, weil es einem wichtig ist, Macht über andere auszuüben. Das heisst, es gibt Leute, die eine solche Position aus einem falschen Grund anstreben. Um etwas künstlerisch Hochstehendes zu schaffen, braucht es dieses unnatürliche Machtgefälle jedoch gar nicht. Sehr wohl kann das auf einer Ebene funktionieren, auf der allen Beteiligten vermittelt wird, wie wichtig jeder Einzelne für das Gelingen einer Produktion ist. Das kann doch eine riesige Motivation auslösen!

M&T: Macht lässt manche noch machtgieriger werden. Davor kuschen sehr viele…

Regula Mühlemann: … im Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen merke ich immer wieder, dass viele zwar wahnsinnig frustriert sind, sich aber dennoch niemand aufzubegehren traut – weil alle um ihren Job fürchten.

M&T: Das ist wohl genau der Mechanismus, weshalb solche Systeme so lange unwidersprochen funktionieren konnten.

Regula Mühlemann: Absolut. Je länger man an einem Haus fest engagiert ist, desto grösser wird wohl die Angst, diesen Job zu verlieren. In meiner Situation als Freelancerin brauche ich weniger Mut. Ich bin unabhängiger und glaube inzwischen an das, was ich kann und dass ich meine Engagements bekommen werde. Das gibt mir jenes Selbstbewusstsein, auch hinzustehen und etwas zu sagen. Seit ich das so halte – (lachend) ich habe den Eindruck, das begann so, als ich dreissig wurde –, begegnet man mir mit mehr Respekt. Meine klare Haltung hat mir also nicht geschadet, wie ich das ursprünglich befürchtet hatte. Im Gegenteil – ich wurde für voller genommen!

M&T: Kommen wir zurück zu den musikalischen Aufgaben, die anstehen: Sie haben in den nächsten Monaten Konzert-Verpflichtungen mit interessanten Dirigenten wie Manfred Honeck oder Valery Gergiev. Wie sieht es mit Liedprogrammen aus?

Regula Mühlemann: Ich finde Lied das absolut schwierigste Repertoire und wollte mir dafür mehr Zeit geben, alles in Ruhe wachsen lassen. So steht im Sommer 2020 der erste Auftritt in Hohenems bei der Schubertiade an. Das Lied verlangt so viel mehr an Reife als Oper und Konzert, stimmlich steht man gleichsam nackt da und ist konditionell sowie mental fast mehr gefordert als in der Oper. Man steht eine Stunde oder länger da vorne, ohne Pause – das hat mir immer grössten Respekt abverlangt. Doch jetzt fühle ich mich dafür bereit! So ist meine nächste CD ebenfalls einem Programm mit Liedern gewidmet.

M&T: Wie geht es in der Oper weiter?

Regula Mühlemann: (lachend) ...gut! Aber ich darf einiges noch nicht erzählen. Da steht 2020/21 ein sehr wichtiges Haus auf dem Plan, mit Mozart vor allem, aber auch mit der «Fledermaus»-Adele. Es warten schöne Aufgaben auf mich. Aber genauso wichtig wie die Oper sind mir meine Konzertaufgaben. Nicht zuletzt auch für das Privatleben.

M&T: Inwiefern macht das einen Unterschied aus?

Regula Mühlemann: Weil man nicht sechs Wochen in einen Probenprozess eingebunden ist – mit ganz wenigen freien Tagen, in einer fernen Stadt. Für alle Beziehungen – nicht nur für die Partnerschaft, sondern auch für Freunde und die Familie – fehlt mir da ein Daheim, das ganz normale Zusammenleben. Das kann man einige Male im Jahr zurückstecken und die Zeit in der Ferne auch geniessen. Einige Wochen in London oder Neapel zu leben, ist wunderbar. Das bereichert mein Leben. Aber dabei merke ich, dass ich zwischen diesen Zeitinseln ebenso viel Zeit zu Hause brauche, auch um wieder zu regenerieren. Momentan jedoch macht mir dieses Leben mit all seinen Reisen Spass. Und ich geniesse es! ■

 

Regula Mühlemann singt derzeit die 
Juliette am Luzerner Theater. 
Vorstellungen bis 6. Januar 2019

Informationen und Karten: 
www.luzernertheater.ch

Die Besprechung der Neu-Produktion von Gounods «Roméo et Juliette» am Luzerner Theater finden Sie hier

Ausgabe: 01 - 2019