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musik

Frank-Peter Zimmermann

 

Neudefinition von Tournee: Sakari Oramo leitet alle sieben Sibelius-Sinfonien in drei Städten
Eine Saison 
für die Violine
Die Migros-Kulturprozent-Classics setzen in ihren Konzertreihen in Zürich, Bern, Luzern und Genf weiterhin auf Internationalität und das Charisma grosser Künstlerpersönlichkeiten. Ein starker Fokus liegt in der Saison 20-21 auf grossen Geigern und Geigerinnen als Solisten, natürlich auf Beethoven, aber auch auf Sibelius.

Reinmar Wagner

«Wir setzen auch in dieser Saison ganz gezielt auf internationale Kooperationen»

Mischa Damev, Intendant Migros-Kulturprozent-Classics

Frank-Peter Zimmermann, Vilde Frang, Timothy Chooi, Isabelle Faust, Nikolaj Szeps-Znaider: Klingende Namen unter dem Geigenhimmel, und sie prägen die nächste Saison der Migros-Kulturprozent-Classics. Zimmermann, der ruhige, überlegte und überlegene Deutsche, spielt das Violinkonzert von Alban Berg, ein Leuchtturm in der Musik des 20. Jahrhunderts, in dem Alban Berg grosse Emotionen und Dramatik mit der Zwölftontechnik zu verbinden verstand. Vilde Frang, die Norwegerin, die «wild» zwar im Namen trägt, aber auch ganz weich und vor allem sehr nuancenreich und vielfältig Geige spielt, widmet sich dem Violinkonzert von Schumann. Hochinteressant ist dabei auch die Begleitung: Das französische Originalklang-Orchester Les Siècles unter seinem Chef François-Xavier Roth, das einen erfrischend neuen und klanglich aufregenden Blick auf die gross besetzten Meisterwerke der Romantik wirft, ist eine der spannendsten Klassik-Entdeckungen der letzten Jahre.

Weiter geht der Geigen-Reigen mit dem 26-jährigen Kanadier Timothy Chooi. Ein Shooting-Star: 2018 gewann er den renommierten Joseph Joachim-Wettbewerb in Hannover, im Jahr darauf erspielte er sich den zweiten Preis beim «Concours Reine Elisabeth» in Brüssel. Dabei hasst er Wettbewerbe: «Es ist eine der schwierigsten und unangenehmsten Situationen, in denen man Geige spielen kann. Du weisst, du wirst beurteilt und rangiert nach dem, was du gerade machst. Ein Konzertauftritt ist etwas völlig anderes: Da sind Zuhörer, die eine Meinung haben, die deine Interpretation lieben oder auch nicht. Auch das ist eine Bewertung, aber keine definitive. Bei einem Wettbewerb aber geht es nur darum, etwas zu gewinnen. So sehr du es auch versuchst, das kriegst du nicht aus deinem Kopf hinaus.» Gleich von zwei Seiten stellt sich der junge Geiger vor: Er spielt das A-Dur-Konzert von Mozart und die Romanze von Dvorák.

Das Violinkonzert von Beethoven darf in diesem Jahr natürlich nicht fehlen, und mit Isabelle Faust spielt es eine Geigerin, die sich mit diesem Werk intensiv auseinandergesetzt hat, und die auch von Claudio Abbado für seine einzige Aufnahme dieses Konzert ausgewählt wurde. Begleitet wird sie diesmal vom Deutschen Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Robin Ticciati, das ihrerseits mit der «Symphonie fantastique» von Berlioz ein weiteres Repertoire-Highlight beisteuert. Nikolaj Znaider schliesslich bringt mit dem Konzert von Brahms ein weiteres Pièce de Résistance des Geigen-Repertoires mit. Er wird begleitet vom Israel Philharmonic Orchestra unter der Leitung des erst 31-jährigen Lahav Shani, der eine kometenhafte Dirigentenkarriere gemacht hat.

Detektivspiel mit Beethoven

Nicht nur das Violinkonzert, auch andere grosse Werke des Jahres-Jubilars Beethoven figurieren im Programm der Kulturprozent-Classics. Zum Beispiel die dritte Sinfonie «Eroica», die Vladimir Jurowski mit dem Bayerischen Staatsorchester dirigiert. Das Besondere daran: Er wählte eine Version, die Gustav Mahler einrichtete, in der er hundert Jahre später mit dem Hinweis auf die Fortschritte in Spieltechnik und Instrumentenbau Details der Besetzung und der klanglichen Mischungen unter den Orchesterins­trumenten an die Vorstellungen seiner Zeit anpasste. In den formalen und harmonisch-melodischen Ablauf hat Mahler dagegen nicht eingegriffen, die klanglichen Retuschen zu hören ist also ein Detektivspiel für gute Kenner dieser Sinfonie.

Eine weitere Sinfonie Beethovens, die vierte, erklingt in der Tournee des Budapest Festival Orchesters unter Ivan Fischer. In diesem Programm ist ein weiterer junger Star zu erleben: Alexandre Kantorow, der 22-jährige Franzose, der letztes Jahr den Tschaikowsky-Wettbewerb gewann, spielt das zweite Klavierkonzert von Franz Liszt. In Luzern gastiert zudem Philippe Herreweghe mit seinen Ensembles Orches­tre des Champs-Elysées und Collegium Vocale Gent mit Beethovens grosser Messvertonung «Missa solemnis».

Ihr Applaus zählt

Neben Beethoven erhält ein weiterer grosser Komponist einen Schwerpunkt: Wer Sibelius mag, sollte sich die drei Tage vom 3.-5. Mai 2021 freihalten und Hotelzimmer in Genf, Bern und Zürich buchen. Es ist kein besonderer Anlass, kein Jubiläum, nur das Interesse eines finnischen Dirigenten am sinfonischen Werk seines Landsmanns: Sakari Oramo. Der ehemalige Geiger, der 2009 spektakulär zum Nachfolger von Simon Rattle in Birmingham gewählt wurde, hat an all seinen Wirkungsstationen das Werk von Jean Sibelius intensiv gepflegt. Aktuell ist er Chef beim Royal Stockholm Philharmonic Orchestra und beim BBC Symphony Orchestra in London. Mit seinem britischen Orchester gastiert er im Mai in der Schweiz und spielt alle sieben Sinfonien von Sibelius hintereinander in drei verschiedenen Städten und Konzertsälen.

Ein Jubiläum feiern dagegen kann dieses Jahr Franz Lehár: Der österreichische Operettenkomponist kam 1870 im heute slowakischen Komorn auf die Welt. Eines seiner berühmtesten Werke, «Das Land des Lächelns», wird – dem fernöstlichen Thema durchaus angepasst – vom Ensemble des Shanghai Opera House konzertant aufgeführt. Und sagen Sie nicht, das Publikum hätte keinen Einfluss auf die Programmgestaltung. Letzte Saison haben die Kulturprozent-Classics in ihren «Ouvertüre»-Konzerten, in denen sie jungen Talenten aus Schweizer Musikhochschulen einen Konzertauftritt vor grossem Publikum anbieten, jeweils die Lautstärke des Applauses gemessen. Ein Wettbewerb der besonderen Art: Das Talent, das die vehementesten Jubelstürme zu entfesseln vermochte, erhält einen Auftritt als Solist in der nächsten Saison. Die Gewinnerin war die Saxofonistin Valentine Michaud. Welches Stück sie zusammen mit dem European Union Youth Orchestra unter der Leitung von David Zinman spielen will, hat die sympathische Französin noch nicht festgelegt. ■

 

Alle Angaben unter 
www.migros-kulturprozent-classics.ch

Ausgabe: 09 - 2020