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Bilder: Annette Boutellier / Musikfestival Bern

Impressionen vergangener Ausgaben des Musikfestivals Bern.

 

Musikfestival Bern zum Thema «Tektonik» – Vielschichtigkeit in Bewegung
«Eine grosse Sorge um den Zustand 
der Welt»
«Tektonik» heisst das Motto beim Musikfestival Bern, dem Festival der Freien Musikszene, das in bloss fünf Tagen, 
vom 2.-6. September, ein dicht gedrängtes Programm ganz verschiedener Assoziationen zu diesem Thema auftischt. 
Wir sprachen mit einem der vier Kuratoriums-Mitglieder, dem Publizisten und Dramaturgen Thomas Meyer.

Reinmar Wagner

«Oft ergibt eine Idee schnell eine weitere»

M&T: Das Musikfestival Bern wählte 2020 den Begriff «Tektonik» zum Motto. Darunter stellt man sich eine Musik vor, die sehr schwer, sehr langsam, sehr unerbittlich ist. Trifft das zu auf euer Programm?

Thomas Meyer: Wenn ich das Programm anschaue, dann würde ich sagen, es trifft nur auf ein paar wenige Stücke zu. Wir haben gefragt: Was steckt dahinter, wenn tektonische Verschiebungen auf der Erde passieren? Klar, das sind die Auslöser von Erdbeben, und darauf haben sich auch einige Eingaben fokussiert, die versuchen, diese seismischen Spannungen musikalisch umzusetzen. Wir fassen den Begriff aber weiter, durchaus auch metaphorisch, zum Beispiel auf Musik, die aus Schichten besteht, die sich übereinander lagern und verschieben.

M&T: Insgesamt aber doch eher dramatische Musik, weniger nachdenkliche oder kontemplative?

Thomas Meyer: Auch das würde ich nicht sagen. Unser Gastkomponist ist der Japaner Toshio Hosokawa. Er hat sich schon immer sehr stark mit der Natur beschäftigt, und unter dem Eindruck der Katastrophe von Fukushima hat er zum Beispiel in seinen Opern «Stilles Meer» und «Erdbeben. Träume» die Auswirkungen dieser Ereignisse thematisiert. Daraus kann durchaus eine sehr dramatische Musik entstehen. Aber seine Tonsprache ist manchmal auch sehr melancholisch und meditativ, eine Musik, die oft der Natur nachspürt und sehr tief geht. Auch diese Facetten kann man in unseren Programmen antreffen.

M&T: Also ist es vor allem die Mehrschichtigkeit, die im Thema «Tektonik» mitschwingt, die die Programm-Ideen des Musikfestivals Bern stark gewichten?

Thomas Meyer: Das finde ich schon. Schon im ersten Programm mit dem Orchesterstück «The unanswered question» von Charles Ives, gibt es Überlagerungen verschiedener musikalischer Ebenen, was bei Ives auch sehr witzig und sehr frech sein kann.

M&T: Am Ende des Festivals aber steht dann doch die Katastrophe, im Programm «Dies irae», in dem Patricia Kopatchinskaja eine Collage zum Stück von Galina Ustwolskaja zusammenstellt.

Thomas Meyer: Das stimmt natürlich, da finden sich starke Elemente von grossem Gewicht und Schwere, auch eine grosse Sorge um den Zustand der Welt, was wiederum auch bei Hosokawa zum Ausdruck kommt. Diese Fragen haben auch uns im Kuratorium sehr bewegt. Wohin bewegt sich diese Welt? Was wird uns als Nächstes erschüttern?

M&T: Diese Gedanken kommen nicht nur musikalisch zum Tragen: Es gibt auch eine diskursive Begegnung von Musik und Wissenschaft, zum Beispiel zum Klimawandel.

Thomas Meyer: «5vor12um6» heisst die Reihe, die aus der Beschäftigung mit diesen Fragen entstanden ist. Wir haben uns gesagt, dass wir nicht nur schöne – oder vielleicht auch nicht so schöne – Musik machen wollen, sondern uns auch damit beschäftigen wollen, wo die drängenden Fragen gerade auch einer jüngeren Generation liegen. Ungleichheit, Klimawandel und Lösungsansätze wollen wir zur Diskussion stellen. Zusammen mit Peter Messerli, dem Direktor und Professor für Nachhaltige Entwicklung an der Universität Bern, haben wir drei Veranstaltungen programmiert, in denen wir versuchen, einen Dialog zwischen jungen Komponisten und Wissenschaftlern zu finden.

M&T: Kein einfacher Dialog. Schon die Sprachen sind sehr verschieden.

Thomas Meyer: Es ist ein Impuls, den wir geben können, und wir sind selber sehr gespannt, was dabei herauskommen wird. Wir wissen noch nicht, was die Komponisten sich dazu überlegt haben, ob sie vielleicht eine Statistik vertonen oder möglicherweise auch provokante Posi­tionen einnehmen und die wissenschaftlichen Methoden in Frage stellen werden.

M&T: Eine besondere Rolle im Festival spielen die Veranstaltungsorte. Man sucht offensichtlich nach Plätzen, die bisher keine Verbindung zu klassischer oder neuer Musik haben.

Thomas Meyer: Als das Festival vor vier Jahren neu aufgestellt wurde als ein Festival für die freie Musikszene in Bern, war das eine wichtige Überlegung und eine klare Vorgabe dabei. Natürlich spielen etablierte Veranstaltungsorte wie das Münster, die Dampfzentrale oder die Reithalle eine wichtige Rolle, aber wir suchen zusammen mit den Musikern auch immer wieder neue Orte, die thematisch zu den Programmen passen und an denen die Umgebung einen weiteren Sinn ergibt. Zum Thema «Stein», das mit Geologie und Tektonik im weiteren Sinn auch verknüpft ist, sind wir zu Gast bei den Steinmetzen der Bernasconi AG, wo wir nicht nur Instrumente aus Stein zum klingen bringen, sondern auch das Bearbeiten von Stein selber ausprobieren können.

M&T: Kommen solche Ideen von den Musikern selber?

Thomas Meyer: Es gibt jeweils eine Projektausschreibung, und die Veranstalter können dazu ihre Eingaben machen. Dabei sind oft schon viele Einfälle auch von den Gruppen mit dabei. Den Blutturm unten an der Aare für ihre Installation «Tor(r)e» wählten die Künstler selber, auch für die Klang-Installation «Tong Tana», die auch mit Bruno Manser verknüpft ist, stand der Dählhölzi-Wald schon am Anfang der Idee. Aber manchmal sagen wir auch von uns aus, dass wir zu einem Projekt gerne noch etwas hinzu kombinieren wollen, weitere Aufträge oder Ideen geben möchten. Wir versuchen, die Programme sinnvoll zu ergänzen oder zu erweitern, und gerade auch in Zusammenarbeit mit unseren jeweiligen Gastkomponisten ein grösseres Paket zu schnüren.

M&T: Geht das zeitlich auf? Hosokawa ist immerhin ein sehr renommierter Name in der zeitgenössischen Musik. Wie spontan lassen sich solche Projekte realisieren?

Thomas Meyer: Wir traten vor etwas mehr als einem Jahr mit Hosokawa in Kontakt, er wollte sehr gerne kommen, und es hat sich tatsächlich ein Zeitfenster ergeben. Nur wissen wir leider seit ein paar Tagen, dass er wegen der Corona-Pandemie nicht wird nach Bern reisen können. Wir versuchen das mit den digitalen Möglichkeiten zu überbrücken.

M&T: Es sind nicht nur die regionalen Musiker, die das Programm prägen. Mit dem Arditti Quartett reist auch ein renommiertes Ensemble für zeitgenössische Musik nach Bern.

Thomas Meyer: Das Quartett war schon letztes Jahr am Festival, so haben wir diesen Kontakt fortgesetzt. Sie spielen diesmal sogar in drei Konzerten, im «Raben» von Hosokawa zur Eröffnung, in ihrem Programm mit neuen Quartetten von Hosokawa, Xenakis und James Clarke. Und in der Messe des Renaissance-Komponisten Antoine Brumel, in der es um ein Erdbeben geht, wollten sie auch unbedingt mitspielen. So haben wir Stücke von Hosokawa zwischen die Partien dieser Messe geschoben.

M&T: Der Rabe von Edgar Allan Poe eröffnet das Festival. Eine unheimliche, mystische Figur, was macht der im Festival?

Thomas Meyer: Der Rabe kommt nur im Stück von Hosokawa vor und treibt dort sein Unwesen. Sonst tritt er im Festival nicht in Erscheinung.

M&T: Wie muss man sich die Arbeit im Kuratorium vorstellen? Sie sind vier Persönlichkeiten mit recht unterschiedlichem Hintergrund. Wie schafft man es, unter diesen Umständen ein Programm mit einem einheitlichen Gesicht zu schaffen? Oder ist das gar nicht unbedingt erwünscht?

Thomas Meyer: Das Programm soll ein Gesicht haben, aber es soll auch vielgestaltig sein. Wir hätten vermieden, dass sich jedes Konzert mit Erdbeben befasst, was von der Musikgeschichte her ein sehr naheliegender Gedanke bei diesem Thema ist. Stattdessen haben wir Ideen aufgenommen, die sich dem Thema von ganz anderer Seite nähern, wie etwa diejenige des Ensembles Mothertongue
des St. Galler Komponisten Charles Uzor, der Wurzeln in Nigeria hat und seine eigene Sprachgeschichte deutsch-nigerianisch in einem Stück darstellt. Vielfalt ist also erwünscht, aber das Thema soll als roter Faden und als Anknüpfungspunkt schon spürbar bleiben. Wir im Kuratorium müssen uns dabei nicht so sehr aus verschiedenen Positionen zusammenraufen, sondern oft ergibt eine Idee schnell eine weitere.

 

M&T: Die Schwierigkeit wird dann wohl sein, dass längst nicht alles Platz hat. Das Festival dauert ja gerade einmal fünf Tage.

Thomas Meyer: Das kommt leider natürlich oft vor, dass wir schlicht nicht Platz finden oder dass wir aus ähnlichen Ideen das auswählen müssen, was uns am meisten überzeugt.

M&T: Vermittlung spielt eine wichtige Rolle beim Musikfestival Bern. Niederschwelligkeit wird angestrebt, auch die Sprache in den Ankündigungen ist bewusst einfach gehalten.

Thomas Meyer: In den letzten drei Jahren haben wir jeweils ein Festival-Radio ins Leben gerufen, um auf unsere Themen und Veranstaltungen aufmerksam zu machen und die Neugier zu wecken. Das gibt es dieses Jahr nicht mehr, aber unser Vermittlungs-Fachmann Tobias Räber hat viele Ideen und viel Engagement darauf verwendet, möglichst unterschiedliche Besuchergruppen mit den auf sie zugeschnittenen Instrumenten zu erreichen.

M&T: Worauf freuen Sie sich persönlich am meisten im Festivalprogramm?

Thomas Meyer: Vielleicht auf die Messe von Brumel im Münster. Ich habe es schon öfter erlebt, dass dieser Konzert-Ort einen unglaublichen Eindruck wecken kann. Sehr gespannt bin ich auch auf die Reihe «5vor12um6». Aber es gibt so viel zu hören und zu sehen, bis hin zu einer kleinen Filmreihe im Kino Rex – eigentlich ist es unfair, eine Veranstaltung zu stark hervorzuheben. ■

 

Toshio Hosokawa – Gastkomponist des Festivals

Fast unmerklich entsteht ein Ton in den Geigen, andere fallen ein, spielen denselben Ton, er gewinnt Körper und Volumen. Nur ein paar Glöckchen klingen dazu. Ganz lange bleibt es dieser eine Ton, bis nur schon ein neuer, bloss um einen Halbton verschoben, fast zu einem Ereignis wird. Mit einfachen Mitteln gestaltet der 1955 geborene Japaner Toshio Hosokawa seine Komposition «Woven Dreams», die 2010 in Luzern uraufgeführt wurde. Im Lauf des etwa viertelstündigen Stücks nehmen dann weitere Klangereignisse, manchmal sogar heftige und akzentuierte, Aufmerksamkeit für sich in Anspruch. Aber der Geist dieses Beginns, in dem das Werk auch wieder schliesst, bleibt die ganze Zeit über erhalten, noch unterstrichen durch eine langsam pulsierende Rhythmik, welche den meditativen Charakter unterstreicht. Es ist eine feine, mit minimalistischen Mitteln arbeitende Musik.

Diese Charakteristika findet man fast immer im Werk von Toshio Hosokawa. Seine Musiksprache ist untrennbar verbunden mit der traditionellen japanischen Kultur. In tiefer Verbundenheit mit den ästhetischen und spirituellen Wurzeln der japanischen Künste wie der Kalligraphie und der japanischen Hofmusik, dem Gagaku, verleiht er der Vorstellung einer aus der Vergänglichkeit erwachsenden Schönheit Ausdruck: «Wir hören die einzelnen Töne und nehmen zugleich mit Wertschätzung den Prozess wahr, wie sie geboren werden und vergehen, sozusagen eine tönend in sich belebte Landschaft des Werdens.»

1955 in Hiroshima geboren, kam Hosokawa 1976 nach Deutschland, wo er bei Isang Yun und Klaus Huber Komposition studierte. Während seine Kompositionen sich zunächst an der westlichen Avantgarde orientierten, erschloss er sich nach und nach eine neue musikalische Welt zwischen Ost und West, mit der er spätestens ab dem Erfolg seines 2001 uraufgeführten Oratoriums «Voiceless Voice» in Hiroshima die grossen Konzertsäle eroberte.

Toshio Hosokawa schrieb in den letzten Jahren zahlreiche Orchesterwerke, und viele seiner Musiktheaterwerke gehören inzwischen zum Repertoire grosser Opernhäuser. Auf seine 1998 bei der Münchener Biennale mit grossem Lob aufgenommene erste Oper «Vision of Lear» folgte 2004 mit «Hanjo» ein Werk, das, inszeniert von der Choreographin Anna Teresa de Keersmaeker, als Ko-Auftrag des Brüsseler Opernhauses und des Festivals von Aix-en-Provence entstand und inzwischen auch in Bern zu sehen war. Die ebenso wie «Hanjo» auf einem Stoff des japanischen Nô-Theaters beruhende Oper «Matsukaze» war erstmals 2011 in der Inszenierung der Choreographin Sasha Waltz am Opernhaus Brüssel zu erleben und wurde vielfach wiederaufgeführt. In den letzten Jahren hat Toshio Hosokawa in schneller Folge drei weitere Opern vorgelegt: «Stilles Meer» kam 2016 an der Hamburgischen Staatsoper heraus, das einaktige Melodram «Futari Shizuka» wurde 2017 in Paris uraufgeführt, und 2018 folgte «Erdbeben. Träume» an der Oper Stuttgart, basierend auf einem Libretto des Büchner-Preisträgers Marcel Bayer.

Toshio Hosokawa schreibt immer wieder Werke, die sich auf Naturthemen beziehen, wie das Hornkonzert «Moment of Blossoming» für Stefan Dohr und die Berliner Philharmoniker (2011). Seit 2003 komponiert er zudem in loser Folge «Voyages» für Soloinstrument und Ensemble. In einigen Werken dieser Reihe kombiniert er japanische und westliche Instrumente, so in «Voyages Xnozarashi» für Shakuhachi und Ensemble. Auch andere traditionelle japanische Instrumente wie Shô oder Koto setzte er in seinem ca. 130 Werke umfassenden Oeuvre mehrfach ein. (rw)

Einige Höhepunkte aus dem Festival-Programm

  • Toshio Hosokawas Monodrama «The Raven» mit Christina Daletska, dem Arditti Quartett (Bild) und weiteren Musikern eröffnet das Festival auf unheimliche Weise. Charles Ives’ visionäre Klänge («The unanswered Question», «Three Places in New England») mit der Basel Sinfonietta ... Weiter
Ausgabe: 09 - 2020