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musik

Bild: Migros-Kulturprozent-Classics/Alexander Shapunov

Beliebte Gäste der Migros Kulturprozent- Classics: Valery Gergiev und das Mariinsky Orchestra auf Schweiz-Tournee, diesmal mit e

 

Valery Gergiev dirigiert das Mariinsky Orchestra in Werken von Igor Strawinski
Ein Feuerwerk an Farbenfantasie

Marco Frei

Mit «seinem» Orchester des Mariinsky-Theaters in Sankt Petersburg bereist Valery Gergiev im April im Rahmen der Migros-Kulturprozent-Classics die Schweiz. Auf dem Programm steht ein reines Porträt des Komponisten Igor Strawinski. Neben den Suiten zu den Balletten «Petruschka» und «Der Feuervogel» kommt auch das «Capric­cio»-Konzert für Klavier und Orchester zu Gehör, mit Denis Matsuev als Solist. Doch welchen Zugang hat Gergiev zu Strawinski?

Er liebt seine Heimat, auch musikalisch. Das russische Repertoire liegt Valery Gergiev bekanntlich besonders am Herzen. Es ist fraglos «die» Spezialität des russischen Dirigenten. Ob Tschaikowsky, Rachmaninow, Prokofjew oder Schostakowitsch, in dieser Musik fühlt er sich ganz besonders wohl und heimisch. Und Igor Strawinski? Der gehört genauso dazu, auch wenn das gemeinhin nicht umfassend abgespeichert ist. Gergiev zählt zweifellos zu den Strawinski-Experten, was er sowohl mit dem Mariinsky-Orchester in Petersburg als auch mit den Münchner Philharmonikern immer wieder verlebendigt.

Was gerne vergessen wird: Gergiev hat sogar eine Strawinski-Wiederentdeckung realisiert, nämlich den frühen «Chant funèbre» op. 5. Ein Rückblick, Frühjahr 2015: Für Renovierungsarbeiten des Rimski-Korsakow-Konservatoriums in Sankt Petersburg werden die Lagerbestände ausgeräumt – auch ein Hinterzimmer, das schon eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr betreten worden war. Eine Archivarin findet dort 58 Orchesterstimmen eines unbekannten Werks, nämlich den «Chant funèbre».

Mit dem Werk gedachte Strawinski seinem Lehrmeister Nikolaj Rimski-Korsakow. Es ist wenig später nach dessen Tod im Juni 1908 entstanden. Damals war Strawinski 26 Jahre alt. Die Uraufführung des «Chant funèbre» fand im Januar 1909 statt, im Rahmen einer Gedenkveranstaltung für Rimski-Korsakow. Danach ging Strawinski ins Ausland, um infolge der Revolution von 1917 nicht mehr nach Russland zurückzukehren. Die Partitur des «Chant funèbre» ging verloren, und das Werk galt als verschollen.

Zeitlebens aber bleibt Strawinski selbst überzeugt: «Die Orchesterstimmen sollten sich noch in irgendeiner der Sankt Petersburger Orchesterbibliotheken vorfinden.» Er sollte recht behalten, wie sich im Frühjahr 2015 schluss­endlich zeigte. Die schweizerische Erstaufführung erlebte «Chant funèbre» im Rahmen des Lucerne Festival 2017: unter Riccardo Chailly, der auch die Ersteinspielung realisierte. Die allererste Aufführung des Werks nach fast 107 Jahren dirigierte indessen Gergiev: im Dezember 2016 in Sankt Petersburg, mit dem Mariinsky-Orchester. Seither hat das 12-minütige Orchesterstück die Musikwelt erobert.

Gergiev schwärmte auf Anhieb für das Werk, und Strawinski selbst hat stets betont, dass der «Chant funèbre» sein «bestes Werk vor dem Feuervogel» sei: also bedeutender als die Sinfonie in Es-Dur, das «Scherzo fantastique» oder das Orchesterstück «Feu d’artifice».

Soweit Gergievs verdienstvolles Engagement für Strawinski, aber: Wie klingt sein Strawinsy? Gergiev liebt es grundsätzlich lebendig und zupackend, energiegeladen, aber: Gerade bei Strawinski ist ihm genauso ein farblich stets genauestens aufeinander abgestimmtes, hellhöriges Musizieren wichtig. Damit gelingt es Gergiev immer wieder von Neuem, den kühnen Farbenphantast Strawinski freizulegen. Gergievs Strawinski erzeugt ohne Zweifel einen Rausch: anschnallen und lauschen!

Das Schweizer Strawinski-Gastspiel hat Valery Gergiev mit dem Orchester des Mariinsky-Theaters auch auf Ton- und Bildträgern aufgenommen. Auf dem hauseigenen Mariinsky-Label liegen zwei passende CDs vor. Mit seinem Zögling Denis Matsuev, ein von ihm massgeblich geförderter Pianist, hat Gergiev das «Capriccio»-Konzert eingespielt, gekoppelt mit Klavierkonzerten von Sergej Rachmaninow und Rodion Schtschedrin. Für Gergievs erste Aufnahme von «Petruschka» wurde hingegen dieses berühmte Werk mit einem anderen Ballett gekoppelt, das gemeinhin weniger bekannt ist: «Jeu de Cartes».

 

Migros-Kulturprozent-Classics

Mariinsky Orchestra Valery Gergiev (Leitung) Denis Matsuev (Klavier) Igor Strawinski: Suite aus dem Ballett «Petruschka» «Capriccio», Konzert für Klavier und Orchester «Der Feuervogel», Suite aus der Ballett­musik (1911) ... Weiter
Ausgabe: 03 - 2020