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Bilder: Theater Basel / Sandra Then

Abgesang auf ein Radiostudio – Thom Luz inszeniert ein Requiem auf das Studio auf dem Basler Bruderholz.

 

Halbe Klaviere in der Zwischennutzung – Thom Luz erweckt das verlassene Radiostudio Basel noch einmal zum Leben
Durchgetaktete Melancholie
Ende des Jahres wird das Radiostudio auf dem Basler Bruderholz abgerissen. Siebzig Jahre lang wurde von hier aus Information in den Äther übertragen, wurden legendäre Hörspiele produziert. Nun ist es aus mit der Geschichte, Radio wird anderswo gemacht, und der Bau muss zwei Wohnblöcken weichen. Thom Luz und das Theater Basel widmen dem Studio einen Abschiedsspaziergang – und dem Publikum die Möglichkeit, an diesem «Radio Requiem» teilzunehmen.

Valerio Meuli

«Klar, darf es auch 
melancholisch sein»

Hans Zickendraht ist Physiker, Radiophysiker, kennt sich mit Radiowellen aus. Und: Er kennt jeden Tonträger, den die Menschheit je hervorgebracht hat: von der Schellackplatte bis zu «MP3 und dem ganzen Scheiss». Ja, Zickendraht ist der Mann, wenn es um Musik und Technik in Kombination geht – sein Interviewer bestätigt: «Ohne Zickendraht gäbe es das Radio nicht.» Zickendraht (Martin Hug) ist Nostalgiker, krampfhafter Vertreter der Früher-war-alles-besser-Mentalität. Krampfhaft, weil ihm klar ist: Seine Zeit ist vorbei, sein Fachwissen beeindruckt zwar noch – wird jedoch nicht mehr richtig ernst genommen, der Interviewer (Steffen Höld) täuscht Interesse nur noch vor. Also: vorbei mit Zickendraht, vorbei mit dem Radio als Medium, vorbei mit der SRF-Radiostation auf dem Basler Bruderholz.

Während Zickendraht gespielt ist (früher lebte er jedoch wirklich) und es auch heute noch erfolgreiche Radioproduktionen (trotz «MP3 und all dem Scheiss») gibt, wird das Radiostudio bald tatsächlich niedergerissen. Ein verwinkeltes Haus, mit einem urwaldähnlichen Innenhof, mit nostalgischen DRS3-Schildern an den Wänden – und: mit einem Hörspielstudio, in dem über Jahrzehnte aufwendig produziert wurde. Ein Ort mit Geschichte. Diesen Ort darf nun das Theater Basel zwischennutzen und ein Stück darin aufführen – bevor an dieser schönen Lage Wohnungen gebaut werden.

Auf die Frage, ob «Radio Requiem» auf die Problematik sogenannter Zwischennutzungen sowie auf die Wohnungsfrage eingeht, die sich momentan nicht nur in deutschen, sondern auch in Schweizer Städten aufdrängt, antwortet Luz beim Probenbesuch vor der Premiere, dass ihn dieser realpolitische Aspekt in der Produktion nicht interessiere. Das Stück gehe allein auf den Umstand ein, dass das Studio geschlossen wird, dass da eine Welt verloren gehe: «Klar, darf es auch melancholisch sein.»

Ein Schleier von Melancholie schwebt dann auch bei der Premiere durch das ganze Gebäude, sogar der verwachsene Innenhof, der ansonsten lebt und wuchert, wird mit Nebelmaschinen bearbeitet. Man kennt diese Ästhetik der Schleier, des nebulös Verträumten bereits aus anderen Produktionen Luz‘.

Die Besucherinnen und Besucher werden einzeln und durch ein Drehkreuz in das Stück eingelassen. Es ist ein begehbares Stück, eine «Theaterskulptur», wie Luz es nennt. Man kann sich im Haus frei bewegen, Schauspielerinnen, Schauspieler und eine vierköpfige Musikgruppe in weissen Anzügen laufen scheinbar quer durch die Räumlichkeiten. Doch in Wirklichkeit ist das Stück durchgetaktet. Zu bestimmten Uhrzeiten wechseln die Schauspielerinnen und Schauspieler ihre Spielorte; in den ehemaligen Radiostudios finden dann Mini-Performances statt, wie zum Beispiel das Zickendraht-Interview. Diese kleinen Aufführungen sind unterhaltsam, eine schöne Erfahrung, wenn ein Ensemblemitglied für eine Person ganz alleine spielt – denn diese Performances werden aufgeführt, sollte sich zufällig auch nur eine einzige Besucherin oder ein einziger Besucher im Raum aufhalten.

Dieses Spielen für sehr wenige Leute – in den einzelnen Räumen, aber auch im ganzen Stück, denn die Tickets sind sehr begrenzt – hat zwei Seiten: Einerseits bedeutet es eine klare Absage an einen Effektivitätsgedanken. Luz sieht genau dies speziell auch in der Produktion von Hörspielen selbst: «Ein Medium, das noch nie die grosse Masse angesprochen hat, dessen Produktion aber sehr aufwendig ist.» Andererseits hat das Ganze auch einen elitären Charakter. Ein hoher Aufwand wurde auch in «Radio Requiem» betrieben – die scheinbare Spontaneität ist gut geplant, die Ästhetik scheint dem Regisseur ein zentraler Punkt: halbierte Klaviere, die zu Pingpongtischen umgewandelt wurden, viele Videoinstallationen. Manchmal taucht dann doch auch leise die Frage auf, welchen inhaltlichen Bezug zum Medium Radio das jetzt haben soll. «Radio Requiem» wirkt beinahe wie ein Event, passend lassen sich dazu in der ehemaligen Kantine Prosecco oder Bier bestellen und Salzstangen knabbern.

Doch vielleicht ist es eben gerade dieser Eventcharakter, der Figuren wie Hans Zickendraht oder Carina Braunschmidt – die, eine ehemalige Radio-Mitarbeiterin spielend, durchs Hörspielstudio führt und Anekdoten erzählt – herausstechen lassen. So sind es diese kleinen Geschichten in einem nebulösen, durchgestylten Stück, die uns zumindest zeitweise berühren. Ansonsten wirkt «Radio Requiem» oft eher wie die Einweihungsfeier für die neuen Wohnblöcke, die hier bald gebaut werden. ■

 

Radio Requiem

Eine begehbare Rauminszenierung von 
Thom Luz (Uraufführung).

Musikalische Leitung: Mathias Weibel.

Kostüme: Tina Bleuler.

Mit: Carina Braunschmidt, Mario Fuchs, Evelyne Gugolz, Urs Peter Halter, Steffen Höld, Martin Hug, Daniele Pintaudi, Lisa Stiegler, Cathrin Strömer, Mathias Weibel, Leonie Merlin Young u.a.

Vorstellungen bis 20. Juni 2019

Karten und Informationen:

www.theater-basel.ch

Ausgabe: 07 - 2019