Syndicate content


oper

Bild: Silvia Lelli

«Viel zu oft wird viel zu viel Sauce über Puccinis Melodien gegossen.»

 

Speranza Scappucci dirigiert Donizettis «Fille du Régiment» in Zürich
«Dirigieren war kein Kindheitstraum»
Sie war Pianistin, Korrepetitorin etwa bei Riccardo Muti oder James Levine, dann begann sie selber zu dirigieren: Speranza Scappucci machte schnell Karriere, stand bereits am Pult in der Wiener Staatsoper sowie der Häuser in Turin, Washington oder LA, und neu ist sie Chefdirigentin im belgischen Liège.
«Es war toll mit diesen grossen Dirigenten zu arbeiten, aber irgendwann spürst du, dass da auch eigene Ideen sind.»

Reinmar Wagner

«Es gibt auch 
gute Opern-Traditionen»

 

Neben dem spektakulär schwerelosen TGV-Bahnhof von Santiago Calatrava und dem wundervollen, 900 Jahre alten Taufbecken aus Messing in Saint-Barthélemy hat die wallonische Stadt Liège (Lüttich) eine weitere Attraktion zu bieten: Ihr Opernhaus. Seit zehn Jahren leitet Stefano Mazzonis di Pralafera die «Opéra Royal de Wallonie» und hat sie zu einem italienisch geprägten Stagione-Haus gemacht, das mit bekannten Sängernamen aufwarten kann. Das schon bisher auf beachtlichem Niveau spielende Orchester erhält nun noch einmal ein geschärfteres Profil, denn seit dieser Saison ist Speranza Scappucci Chefdirigentin an diesem Haus. Mit «Jérusalem», der französischen Version von Verdis «I Lombardi », hat sie sich letztes Jahr so eindrücklich vorgestellt, dass man sie recht kurzfristig auf diese Position berief. Nun leitete sie die Eröffnungspremiere der neuen Saison, Puccinis «Manon Lescaut», und zeigte dabei dezidiert, warum sie die Richtige für diese Position ist.

In knallroten High Heels kommt sie beim Schlussapplaus auf die Bühne, ein netter Akzent zum dezenten Hosenanzug und den zu einem strengen Zopf geflochtenen blonden Haaren. Dirigiert hat sie nicht in diesen Lackschuhen, wie sie lachend betont, dafür ist sie viel zu praktisch veranlagt. Gleich nach der Premiere empfängt sie uns zum Interview, duscht in kurzen drei Minuten und entschuldigt sich dafür, dass sie am nächsten Tag wirklich keine freie Minute habe. Die Leitungsposition beim Opernhaus in Liège, die sie mit dieser Saison antritt, verlangt eben auch sehr viel administrative Arbeit, zudem stehen am nächsten Tag Vorspiele für zwei Geigenstellen im Orchester auf dem Programm. Ein intensives Gespräch entspinnt sich, in knapp einer halben Stunde, bevor wir zur Premierenfeier aufbrechen.

 

 

M&T: So kurz nach einer Premiere, was überwiegt gefühlsmässig bei Ihnen?

Speranza Scappucci: Es war harte Arbeit, und am Ende ist die Oper so traurig, dass ich selber fast weinen muss. Das geht mir ähnlich in «La Bohème» oder «La Traviata», da ist meine Stimmung am Ende immer etwas gedrückt, wenn die weiblichen Hauptfiguren so ergreifend sterben.

M&T: Und musikalisch-technisch: Was überwiegt bei Ihnen, die Freude über das was gelungen ist, oder haben Sie eine Liste im Kopf, was noch verbessert werden kann?

Speranza Scappucci: Nein, ich bin zufrieden. «Manon Lescaut» ist ein schwieriges Stück. Man hat es hier in Liège seit 25 Jahren nicht gespielt, für 90 Prozent der Orchestermusiker war es also eine neue Partitur, die wir in zwei Wochen Probezeit von Null auf Hundert erarbeitet haben.

M&T: Und Sie machten es dem Orchester nicht leicht: Manche Tempi waren recht hoch, vieles war sehr leise und durchsichtig.

Speranza Scappucci: Ich sagte mir, ich will machen, was Puccini schreibt. Immer wieder, wenn man diese Oper oder auch «La Bohème» hört, ist die Musik so laut. Aber Puccini schreibt sehr oft Piano und Pianissimo, auch drei oder vier p sind nicht selten. Es war mir ein Anliegen, diese Dynamikvorschriften ernst zu nehmen.

M&T: Warum wird das sonst nie so gemacht?

Speranza Scappucci: Weil es schwer ist. Und weil so viel Emotionen drin sind. Die Musik ist so leidenschaftlich, dass man automatisch forte spielen will. Aber dann deckt man die Sänger zu. Puccini schreibt sehr präzise Anweisungen und ist in seiner Instrumentierung hier auch sehr vielseitig. Es ist eine Partitur, die ziemlich nach Richard Strauss klingt.

M&T: Wir haben heute tatsächlich sehr viele Farben gehört.

Speranza Scappucci: Ja, genau, und ich wollte alle diese Farben herausholen, wieder zu ihrem Recht kommen lassen. Ich habe wirklich hart am Sound gearbeitet. Viele Stellen sind fast wie Kammermusik, sehr transparent, was man aber fast nie hört. Puccini war jung, es war seine zweite Oper, natürlich hat er noch experimentiert, und es ist wirklich hart, das Orchester dynamisch leise zu halten, ohne dass der Klang kraft- und harmlos wird. Es ist Piano, aber man braucht die Emotionen dennoch, die dürfen nicht erst im Crescendo aufwachen.

M&T: Ein Problem, das bei Puccini oft auftaucht, ist die Verdoppelung der Gesangsmelodie durch das Orchester.

Speranza Scappucci: Ja, er macht das oft, aber er gibt nicht allen die gleiche Dynamik: Da ist vielleicht das Orchester zwei Takte lang Forte, dann soll es aber zurück gehen, während die Sänger weiter im Forte singen sollen. Das wird fast nie ernst genommen, dabei wusste Puccini genau, was er schrieb. Er wollte die Emotionen nicht auswalzen, viel zu oft wird viel zu viel Sauce über Puccinis Melodien gegossen. Das kann sehr schnell vulgär wirken.

M&T: Sie werden nächste Saison «La Bohème» in Zürich dirigieren, die kurz nach der «Manon» entstanden ist. Gilt dieses Puccini-Klangideal auch für diese Oper?

Speranza Scappucci: Im Prinzip ja. Ich habe «La Bohème» in LA dirigiert, ein riesiges Haus mit 3000 Plätzen. Wir hatten keine riesigen Stimmen, entsprechend habe ich das Orchester zurück genommen, aber alle haben gesagt, dass alles gut hörbar war.

M&T: Zürich ist ein kleines Haus…

Speranza Scappucci: … Ich weiss. Man braucht einfach den Mut und die Hartnäckigkeit, den gewünschten Klang von den Orchestermusikern zu verlangen. Wenn man Proben hat, ist das kein Problem. Und an Häusern wie der Wiener Staatsoper, wo man nicht proben kann, muss man halt am Abend die Show hinkriegen. Manchmal schreibt Puccini ein Fortissimo in den Posaunen, aber der Rest ist nicht laut. Aber wenn die loslegen, meinen alle, sie müssten mitziehen. Dabei geht die Transparenz verloren, die Puccini gewollt hat. Wenn man Zeit hat, geht das. Voraussetzung ist natürlich, dass man die Partituren gründlich kennt.

M&T: Da kommen Ihnen Ihre Erfahrungen als Korrepetitorin sicher entgegen?

Speranza Scappucci: Ja, das ist ein grosser Vorteil. Ich habe wahnsinnig viel gelernt, nicht nur über die Stücke, auch über den Umgang mit Sängern und darüber, wie man ihnen das Ausgestalten ihrer Partien erleichtern kann.

M&T: Wer hat Sie am meisten geprägt? Riccardo Muti?

Speranza Scappucci: Mit ihm habe ich acht Jahre lang gearbeitet, vor allem Opern von Verdi, und da bin ich sicher von seinem Geschmack infiziert. Wobei ich hier in Liège für «Jérusalem» auch meinen eigenen Weg gesucht habe, diese Oper habe ich mit Muti nie gemacht. Puccini haben wir fast nie zusammen gemacht, aber ich liebte Puccini schon immer als Pianistin, ich habe mich immer zu seinen Frauenfiguren hingezogen gefühlt.

M&T: Wenn das Klangbild so transparent ist, hört man auch den Reichtum seiner Harmonik viel besser.

Speranza Scappucci: Das ist genau der Punkt: Man soll nicht in einem Pool schwimmen, in dem sich das Wasser anfühlt, als wäre es Quark. Und er schreibt viel strukturierter, viel logischer als man meistens denkt. Oft wird Belcanto gemacht: Die Sänger dürfen singen, was sie wollen, und man begleitet einfach. Das ist nicht gemeint, fast alles ist rhythmisch sehr genau ausgearbeitet. Oder die Szene in Le Havre, das ist doch fast Debussy, aber man muss dafür am Klang wirklich arbeiten, an den kleinen Details und den unterschiedlichen Dynamiken, sonst geht das verloren, wird aggressiv oder plakativ.

 

M&T: Die Sänger geniessen aber bei Ihnen auch Freiheiten.

Speranza Scappucci: Es gibt manchmal ganz gute Traditionen, zum Beispiel, die hohen Noten so lange auszuhalten, warum nicht, es ist so wunderschön, so lange man nicht still steht. Aber ich möchte, dass alle, Sänger wie Orchestermusiker, flexibel bleiben und mitziehen, wenn ich etwas anders mache, als erwartet. In der «Carmen» zum Beispiel gibt es Rallentandi, die nirgends geschrieben sind, aber sich eingeschliffen haben. Und wenn man dann auf dem Tempo besteht, gehen plötzlich die Augen auf, und alle finden, wow, wie dramatisch. Mein Job ist, herauszufinden, ob es Sinn macht, wie es geschrieben ist.

 

M&T: Macht es manchmal keinen Sinn?

Speranza Scappucci: Ja, das kommt vor, manchmal probieren die Komponisten auch etwas aus. Da kommt mir meine Erfahrung als Korrepetitorin sehr zugute. Und letztlich muss man zusammen zufrieden sei: Du kannst als Dirigentin viele gute Ideen haben, aber dann kommen die Sänger mit ihren Vorstellungen und Möglichkeiten, und dann musst auch du flexibel sein. Du kannst nicht sagen, das ist mein Tempo und basta. Deswegen bin ich von Anfang an bei den Proben immer dabei.

M&T: Das ist sehr unüblich bei Dirigenten. Wie finden Sie die Zeit dafür?

Speranza Scappucci: Früher war das üblich. Letzte Saison habe ich in Rom mit Graham Vick «Così fan tutte» gemacht, und war acht Wochen lang ununterbrochen dabei, habe mitgestaltet, bei der Ausarbeitung der Rezitative geholfen, Einspruch eingelegt, wenn ich fand, etwas macht keinen Sinn. Ich finde, wenn man später dazukommt, hat man nicht mehr das Recht zu kritisieren.

M&T: Sie haben «Carmen» als nächste Neuproduktion gewählt…

Speranza Scappucci: Es war nicht meine Wahl, drei Saisons waren schon geplant, und ich habe gepuzzelt, was ich davon gerne machen will und wann mein Kalender es zulässt. Aber ich liebe «Carmen» ich bin mit dem Rosi-Film mit Placido Domingo aufgewachsen, ich kann das Stück wirklich auswendig. Auch da muss man aufpassen, dass das Klangbild transparent bleibt, sonst kann es schnell vulgär klingen.

M&T: Im Dezember dirigieren Sie die konzertante Aufführung von Donizettis «Fille du Régiment» in Zürich, was fasziniert Sie an diesem Stück?

Speranza Scappucci: Es ist ein tolles Stück, auch für das Orchester. Das ist weit mehr als bloss Begleitung, sondern ebenfalls strukturiert und durchgeformt. Auch da gibt es die Traditionen, viele schlechte, ein paar gute, und die Frage ist, immer, welche willst du bekämpfen und welche behalten. Man muss an den Details arbeiten, präzis sein. Ich bringe mein eigenes Notenmaterial nach Zürich mit, das wird gut gehen.

M&T: Wenn Sie dann mitbestimmen können, welches Repertoire möchten Sie in Liège erarbeiten?

Speranza Scappucci: Ich werde mich im deutschen Repertoire vorstellen, zum Beispiel mit Richard Strauss oder auch sinfonische Werke in den Konzerten. Dieses Haus ist eher lateinisch geprägt, und ich werde das nicht umkrempeln, sondern weiter pflegen.

M&T: Was sind die kommenden Highlights in Ihrem Kalender ausser Liège?

Speranza Scappucci: Wien, Zürich, Barcelona, sinfonische Konzerte in New York, Parma, und Debüts in ein paar ganz grossen Opernhäusern, über die ich aber noch nichts verraten darf. Es sind einige Konzerte in meinem Kalender, etwa auch im Concertgebouw oder beim Maggio musicale. Ich mag diese Kombination von Oper und Konzert.

M&T: Also sind Sie kein Opern-Afacionado, was man denken könnte, bei jemandem, der so lange korrepetiert hat?

Speranza Scappucci: Nein, das bin ich nicht, ich bin Pianistin, habe gerne Solokonzerte gespielt, aber auch viel Kammermusik gemacht, und das immer genauso geliebt wie die Oper.

M&T: Und warum sind Sie Dirigentin geworden?

Speranza Scappucci: Dirigieren war kein Kindheitstraum. Es ist passiert. Ich wollte das gar nicht. Ich kam immer weiter in diese Opernwelt hinein, habe Proben übernommen, die Arme haben mitgemacht, und plötzlich merkst du, das kannst du ja. Es war toll mit diesen grossen Dirigenten zu arbeiten, aber irgendwann spürst du, dass da auch eigene Ideen sind. Ich war glücklich als Korrepetitorin, aber ich fühlte, dass ich das alles auch in mir habe. Ich habe es ausprobiert, und es hat sich bewährt.

M&T: Also Sie haben nicht wirklich dirigieren studiert?

Speranza Scappucci: Nein. Wenn du eine klare Idee hast und die Partitur wirklich gut kennst, dann überträgt sich diese Idee über den Körper: Das ist ein Geschenk, ich glaube, das kann man nicht lernen. Dirigieren ist in meinen Augen mehr Wissen über die Musik als Schlagtechnik. So viele Dirigenten haben keine wirklich gute Schlagtechnik, sind aber grossartige Musiker. Das ist, was zählt. Und es ist natürlich ein Vorteil, dass ich jede Partitur vom Blatt spielen kann, aber auch zwanzig Jahre Erfahrung mit diesen Stücken mitbringe. Damit kann ich ganz anders mit den Sängern arbeiten. Wenn ich es vor 15 Jahren probiert hätte, wäre es vielleicht ein Desaster geworden. Aber je mehr man lernt, desto mehr Sicherheit hat man, je mehr man weiss, desto eher kann man sich Freiheiten erlauben oder Freiheiten zulassen, und sich auch auf seine Emotionen einlassen. Natürlich muss man die Emotionen kontrollieren, aber man darf sie nicht zurückdrängen.

M&T: Da ist man in dieser Frage offenbar verschieden, Sänger sagen oft, dass sie sich nicht zu sehr von den Emotionen mitreissen lassen dürfen.

Speranza Scappucci: Es ist natürlich auch schwierig, zu singen, wenn man weinen muss. Ich darf weinen, wenn ich Klavier spiele oder dirigiere, das mache ich zwar nur selten. Aber du musst als Musiker die Emotionen zulassen, und als Dirigentin, noch wichtiger, du musst sie antizipieren, so dass das Orchester weiss, was kommen wird.■

 

Donizetti: «La Fille du Régiment». Opernhaus Zürich, 16., 19., 22. Dezember 2017. Konzertante Aufführungen mit Sabine Devieilhe, Javier Camarena, Pietro Spagnoli, Liliana Nikiteanu.

Manon, die dritte

  Drei «Manon»-Opern programmierte Stefano Mazzonis di Pralafera, seit zehn Jahren Intendant des Opernhauses von Wallonien in Liège (Lüttich) in drei aufeinanderfolgenden Saisons, mit ihm als Regisseur. Zur Eröffnung in diesem Herbst kam als letzte die Version von Puccini auf die Bühne, im Jahr davor war ... Weiter
Ausgabe: 11 - 2017