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oper

Bild: Theater St. Gallen/Andreas J. Etter

Marie-Claude Chappuis in der Titelrolle von Offenbachs Operette «La Belle Hélène», derzeit am Theater St. Gallen.

 

Marie-Claude Chappuis: Vielseitigkeit ohne Schubladen und Leidenschaft für den Beruf
«Diese Freiheit liebe ich»
Man kennt Marie-Claude Chappuis als famose Barocksängerin, auch ihr Mozart ist gut dokumentiert. Dann überraschte die 
Mezzosopranistin diesen Sommer mit einer Sammlung von Schweizer Volksliedern, die als CD über die Grenzen hinaus Beachtung fand. Und jetzt steht sie in der Hauptrolle einer Operette auf der Bühne: als Offenbachs «Belle Hélène» am Theater St. Gallen.
Marie-Claude Chappuis (rechts) als Dido in der Inszenierung von Sasha Waltz an der Staatsoper Berlin.

Andrea Meuli

M&T: Purcells Dido an der Berliner Staatsoper und nun Offenbachs «Belle Hélène» unmittelbar nacheinander: ein grosser Kontrast, zwei ganz verschiedene Frauencharaktere …

Marie-Claude Chappuis: … beides Königinnen! Die Dido habe ich schon oft gesungen, die Hélène hingegen ist neu für mich. Und nach viel Drama bin ich glücklich, mit dieser Operette inhaltlich etwas Leichteres zu singen. Denn die Dido ist sehr dramatisch und verlangt emotional enorm viel Substanz. Aber letztlich bedeutet jede neue Aufgabe auch eine neue Herausforderung. Ich sage immer, verliebt bin ich immer in jene Rolle, die ich gerade singe.

M&T: Wenn Sie von etwas Leichterem sprechen: Ist eine Rolle, die inhaltlich nicht alle existenziellen Tiefen auszuloten hat, einfacher zu singen und zu verkörpern?

Marie-Claude Chappuis: Um das künstlerisch zu erfüllen, was eine Partie wirklich bedeutet, sind die Anforderungen überall gross. Jede Rolle verlangt, dass man sich ihr ganz hingibt – ob sie nun tragisch oder komisch ist. Natürlich bewegen wir uns stilistisch in zwei verschiedenen Welten. Jedoch versuche ich «La Belle Hélène» genau so fein singen wie Barockmusik. Nie möchte ich mich dazu verleiten lassen, eine solche Partie pauschal zu interpretieren. So gesehen ist Offenbach nicht unbedingt leichter zu singen als Purcell. Seine Musik bietet sehr viele Farben, und das Stück hat auch seine rührenden und dramatischen Stellen. Ebenso sind viele Wechsel in den Emotionen zu gestalten. Das alles möchte ich erfüllen.

M&T: Welche Rolle spielen Ironie und Sarkasmus bei Offenbach?

Marie-Claude Chappuis: Ironie ist auf jeden Fall dabei! Diese Farbe zu treffen, ist ebenso wichtig wie Sinnlichkeit …

M&T: … danach schreit die Rolle ja geradezu.

Marie-Claude Chappuis: Ja. Und das gefällt mir – wie bunt und vielschichtig diese Hélène ist. Abgesehen davon ist sie in einer schönen Lage zu singen – mit Ausschwingungen in die Höhe wie nach unten. Sängerisch gesehen also durchaus eine anspruchsvolle Tessitura. Auch die gesprochenen Dialoge sind in unserem Repertoire nicht alltäglich.

M&T: In französischer oder deutscher Sprache?

Marie-Claude Chappuis: In dieser Aufführung wird französisch gesungen, während die Dialoge deutsch geführt werden.

M&T: Da sind wir bei einem Kernthema von Offenbach: Ist das nun französische oder deutsche Musik? Wie sehen Sie das?

Marie-Claude Chappuis: Gerade weil man in seiner Musik beide Kulturen spürt, ist sie so reich. Offenbach vermittelt französischen Humor, Charme und Eleganz, gleichzeitig besitzt seine Musik jedoch durchaus auch Farben, welche an die deutsche Musik erinnern. Er verkörpert wirklich beide Kulturen – und ermöglicht der Stimme damit eine weite Reise in die unterschiedlichsten Gefilde.

M&T: Ist die Hélène Ihre erste Begegnung mit Offenbach auf der Bühne?

Marie-Claude Chappuis: Nein, ich habe den Cupido in «Orpheus in der Unterwelt» damals in Innsbruck gesungen. Das war Brigitte Fassbaenders erste Inszenierung, als sie Intendantin des Tiroler Landestheaters wurde.

M&T: Wie bewusst singen Sie solche Rollen, allenfalls um aus der Barockschublade auszubrechen?

Marie-Claude Chappuis: Ich weiss, dass viele Leute denken, ich würde fast nur Barockmusik singen. Aber ich habe – vor allem in Innsbruck – wirklich alles aus meinem Fach gesungen: Carmen, Charlotte in «Werther» …

M&T: … diese Partien sind Ihnen in der Zwischenzeit jedoch etwas abhanden gekommen.

Marie-Claude Chappuis: Das war in den letzten Jahren tatsächlich so. Aber meine Sehnsucht nach diesen Partien lebt nach wie vor, und ich wünsche mir tatsächlich, wieder etwas mehr in die romantische Oper einzutauchen. Was nicht bedeutet, dass ich die wunderbaren Barockaufgaben missen möchte. Etwa einen Monteverdi zu singen, ist immer ein grosses Geschenk, genauso Purcell und im Konzert natürlich Bach.

M&T: Und welchen Platz hat Mozart auf diesem vokalen Spielfeld?

Marie-Claude Chappuis: Ja natürlich, der steht dazwischen – gerade vor Kurzem durfte ich Idamante mit Teodor Currentzis singen und war sehr glücklich dabei. Letztlich ist es so, dass ich Schubladen vermeiden möchte, ich suche kein Spezialistentum. So fühle ich mich nicht.

M&T: Ist man, um international auf höchster Stufe wahrgenommen zu werden, fast gezwungen, sich auf bestimmte Bereiche des Repertoires zu konzentrieren?

Marie-Claude Chappuis: Wie ich wahrgenommen werde, sollte nicht eine Frage der Schublade, der Spezialisierung sein. Mir geht es allein um die Qualität, egal ob ich Monteverdi oder Volkslieder singe, ob eine Matthäuspassion oder eben eine Operettenrolle wie die Hélène. Und dieser Anspruch mir selber gegenüber verlangt viel Zeit – viel Hingabe und viel Liebe auch. Das wird oft unterschätzt. Was man von Sängerinnen und Sängern sieht und hört – das ist nur die Spitze des Eisbergs.

M&T: Zeit, die Sie zu Hause verbringen, bedeutet demnach nicht einfach Freizeit …

Marie-Claude Chappuis: Es ist überhaupt nicht so – auch wenn meine Freunde das ja auch oft meinen …! Das Singen ist jedoch eine solche Leidenschaft, dass ich nie darunter leide zu arbeiten, zu studieren. Singen übt eine unablässige Faszination auf mich aus, immer wieder neue Dinge zu entdecken. Natürlich ist dazu eine grosse Selbstdisziplin nötig, niemand fragt einen am Abend, ob man dies oder jenes studiert hätte. Doch genau diese Freiheit liebe ich – und brauche sie immer mehr. Seit fünfzehn Jahren lebe ich nun als freischaffende Sängerin und weiss, wie früh ich etwas einstudieren muss, um zu einem bestimmten Zeitpunkt bereit zu sein. Diese Disziplin passt zu mir.

M&T: Das klingt nach vollständiger Selbstkontrolle. Verspüren Sie nie Lust, sich einfach mal gehen zu lassen?

Marie-Claude Chappuis: Ich liebe es auch, nichts zu tun! Das bereitet mir überhaupt keine Mühe. Auch Ferien sind mir wichtig. Aber ich bin so dankbar, diesen Beruf ausüben zu dürfen; und gleichzeitig weiss ich, dass er sehr viel verlangt. Diesen Anforderungen will ich gerecht werden, und zwar mit Freude.

M&T: Wann ist das Glück am grössten?

Marie-Claude Chappuis: Auf der Bühne! Wenn man jene Momente spürt, in denen es einen Einklang mit Kollegen, Orchester, Publikum gibt! Wenn ich spüre, Teil von etwas Grösserem zu sein – das ist wohl ein Moment von Gnade. Manchmal geschieht das – und schenkt einem tiefste Freude. Das kann man auch nicht bestellen, nur alles dafür tun, solche Momente zu ermöglichen. Vor einem Auftritt ist es allerdings nie schön, da plagen mich Lampenfieber und Angst. Jede und jeder von uns wünscht sich ja immer, sein Allerbestes zu geben – und kann sich in jenem Moment überhaupt nicht sicher sein, ob dies auch gelingt. Wir sind doch menschlich und fragil. Das ist auch nicht einfach Nervosität, sondern ein Druck, der aus einer Aufgabe heraus erwächst.

M&T: Wie wichtig ist denn Demut beim Singen?

Marie-Claude Chappuis: Das ist eine grosse Frage. Man muss alles geben, um der Kunst zu dienen. Das ist Demut. Gleichzeitig ist Persönlichkeit auf der Bühne wichtig, sind Präsenz und Können unbedingt nötig, um der Kunst ihre Aura zu geben. Die Gestalt auf der Bühne ist wichtig, das dürfen und sollen wir ausstrahlen lassen – ohne uns selber in den Vordergrund zu schieben. Aber natürlich ist es auch eine grosse Freude, wenn wir beim Applaus danach spüren, dass die Leute glücklich sind.

M&T: Viele Leute haben Sie auch mit Ihrer jüngsten CD mit Schweizer Volksliedern glücklich gemacht. Offensichtlich eine Herzensangelegenheit, man hört es. Hier gibt es keine lieblosen Arrangements, keinen Folklore-Kitsch. Wie ist es zu diesen Aufnahmen gekommen?

Marie-Claude Chappuis: Ich hatte ein Gespräch mit Sony Classic, bei dem es um Themen für Aufnahmeprojekte ging. Da kamen wir darauf. Ich sagte zu – nicht als Crossover-Projekt oder als Experiment, sondern weil das tatsächlich die Welt meiner Kindheit war. Ich bin mit dieser Kultur aufgewachsen, meine Mutter und mein Vater haben sich in einem Chor kennengelernt, ich selber habe lange Chöre geleitet. So gesehen war es eine Selbstverständlichkeit für mich, dieses Projekt anzugehen. Ich habe mich sehr darüber gefreut und begann in den alten Büchern der Familie herauszusuchen, was ich von diesem Repertoire gerne singen würde. Dann fragte ich Luca Pianca an, ob er mir helfen würde – und er war sofort mit dabei. Er brachte auch fantastische Instrumentalisten mit – und wir hatten alle sehr viel Freude dabei!

M&T: Sind Volkslieder unterschätzte Musik?

Marie-Claude Chappuis: Wir wissen ja, wie sehr sich auch die grossen Komponisten auf Volkslieder bezogen oder immer wieder dazu zurückkehrten. Denken wir nur an Bartók oder in früheren Zeiten an Brahms, Beethoven oder Haydn. Für mich war es immer wichtig, auch das klassische Repertoire so natürlich zu singen, wie ich Volkslieder interpretiert habe. Jetzt, da sich alle diese Ebenen bei mir treffen, habe ich das Gefühl, es sei schon immer mein innerer Wunsch als Interpretin gewesen, daran anzuknüpfen. Das hat mich an Fritz Wunderlichs Singen immer so gerührt: wie natürlich und selbstverständlich er auch die kunstvollsten Werke interpretierte. Stets habe ich mir gewünscht, dass am klassischen Gesang alles spontan bleibt und sich nicht künstlich versteift.

M&T: Ihre Stimme klingt noch immer so agil und farbenreich wie vor fünfzehn Jahren. Das ist nicht selbstverständlich. Was haben Sie für die Stimmhygiene getan?

Marie-Claude Chappuis: Genau das hoffe ich mir so lange wie möglich zu bewahren! Ich denke, ich bin mir selber treu geblieben, so wie ich singe, und möchte stets hören und mich darüber freuen können, dass die Stimme gesund ist und flexibel bleibt. Ich nehme nach wie vor auch Unterricht – wir Sängerinnen und Sänger brauchen das wohl immer, dass jemand von aussen genau aufpasst und uns stimmlich begleitet. Das ist tatsächlich Stimmhygiene. Dass ich bisher so viel Barockmusik gesungen habe, war vielleicht auch ein Schutz für meine Stimme und eine Hilfe, sie flexibel zu bewahren, auch in der Intonation ist dieses Repertoire sehr anspruchsvoll. Die Arbeit mit Luca Pianca ist dabei Herausforderung und Hilfe gleichzeitig: Mit einer Laute als Begleitinstrument zu singen, ist gegenüber einem Flügel noch feiner. Mit ihm ist das besonders schön, wie er mich mit seinem Instrument zu Farben, Feinheiten und Eleganz im Klang einlädt. Ich hoffe, ich kann mir das noch lange bewahren. Denn so bin ich als Sängerin glücklich. ■

 

CD: Au coeur des Alpes.

Volkslieder der Schweiz.

Marie-Claude Chappuis

Mit Luca Pianca, Duilio Galfetti, 
Marco Frezzato, Liana Mosca, 
Choeur des Armaiilis de la Gruyère

Sony Classical 90759-03102

Ausgabe: 01 - 2020