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die überraschung

Als Antonio Vivaldi 1725 seine zwölf Violinkonzerte op.8 in Druck gab, konnte er nicht ahnen, dass die ersten vier den «Jahreszeiten» gewidmeten Arbeiten 250 Jahre später zu den weltweit populärsten Barockwerken avancieren würden. Bei mehr als 1000 Einspielungen aber scheinen sie doch etwas ausgereizt zu sein. Doch die junge moldawische Geigerin Alexandra Conunova, die durch den Corona-Lockdown auf die Idee kam, mit einigen Musiker-Freunden einen weiteren Versuch zu starten, hat das Unmögliche geschafft. Ihre vor Lebensenergie sprühende neue Aufnahme des Viererpacks ist die spannendste, frechste, zwingendste Version der letzten 20 Jahre: Einfach umwerfend frisch, hochvirtuos und suggestiv, aber niemals plakativ, sondern eine wunderbare Balance haltend zwischen historisch konturierter Klarheit und einem jugendlich attackierenden, furiosen Drive, der einen augenblicklich mitreisst und durch seine faszinierende Bildkraft verzaubert. Und man staunt auch, wie das aus zwölf Top-Solisten zusammengewürfelte, namenlose Ad-hoc-Ensemble auf Anhieb eine solche in jeder Hinsicht perfekte und lebendig pulsierende Klangarchitektur hinkriegt, als spielten sie schon seit Jahren zusammen. Um die dramatische Wirkung von Vivaldis einzigartigem Naturschauspiel noch zu steigern, haben Conunova und ihr wildes Dutzend die Reihenfolge der Konzerte um ein halbes Jahr verschoben. Der Reigen beginnt jetzt mit dem herbstlichen Trinkgelage der Bauern und endet mit dem reinigenden Gewitter des Spätsommers, das hier in audiophiler Klangpracht auch dem Zuhörer Blitz und Donner beschert.

Attila Csampai

Vivaldi: «Le quattro stagioni» op.8, 1–4. Alexandra Conunova (Violine) & Ensemble. Aparté AP242

Ausgabe: 05 - 2021