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studio

die überraschung

Walter Labhart

In der Nähe von Vilnius geboren, in New York gestorben, war Leopold Godowsky (1870-1938) ein pianistisches Wunderkind und ein sehr fruchtbarer Komponist von fingerbrecherisch schwieriger Klaviermusik. Die vielen Kollegen, die ihm Werke widmeten, waren selber alle Virtuosen, unter ihnen so berühmte wie Busoni und Rachmaninow. Der russische Pianist Andrey Gugnin legt zu Godowskys 150. Geburtstag eine Auswahl von zwanzig Originalkompositionen vor, deren stilistische Bandbreite nicht grösser sein könnte. Es sind dies lauter pianistische Preziosen, die meistens spätromantische Züge tragen und endlich der Vergessenheit entrissen werden. Godowsky zugeeignet wurden sie von einem Dutzend bedeutender Klavierkomponisten mit einst klangvollen Namen wie Ignaz Friedman, Moritz Moszkowski oder Emil von Sauer. Erstaunlicherweise befinden sich unter diesen Widmungen zwei linkshändige Stücke – sie stammen von Felix Blumenfeld und Ossip Gabrilowitsch – und sogar eine auf vier Systemen notierte Konzertetüde, jedoch keine Werke von Komponistinnen. Zu den grössten Entdeckungen zählen die vier eigenwilligen Charakterskizzen op.40 von Josef Hofmann und die bezaubernd eleganten Trois Morceaux op.48 von Theodor Leschetizky. Die achtzig Minuten Überraschung, die Andrey Gugnin – als hochvirtuoser, stilsicherer Interpret selber eine solche – auf einem farbenreichen Bechstein-Flügel bietet, bedeutet einen wertvollen Repertoiregewinn. Ein Muss für jeden Liebhaber auserlesener Raritäten!

 

Homage to Godowsky.
Andrey Gugnin (Klavier)
Hyperion CDA 68310

Ausgabe: 07 - 2020