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studio

die überraschung

Reinmar Wagner

Nero, in Monteverdis «Poppea», eine Frau? Dabei gäbe es so viele gute Countertenöre heute, einer – Carlo Vistoli – singt fulminant den Ottone. Nicht dass Kate Lindsay schlecht singen würde, im Gegenteil, aber es bleibt mein einziges Fragezeichen zu dieser Produktion der Salzburger Festspiele 2018 unter der musikalischen Leitung von William Christie. Allein das Zuhören macht enorm viel Spass, angefangen beim lebendigen Continuo-Spiel der «Arts Florissants» über die funkensprühende Ottavia von Stéphanie D’Oustrac bis zu Sonya Yoncheva, die sich für die Titelrolle mit allem einsetzt, was ihre beeindruckend schöne und vielseitige Stimme hergibt, inklusive Vibrato und Portamenti, über die man vor zehn Jahren noch die Nase gerümpft hätte. Trotz so viel vokalem Glanz bleibt man aber bald an der mitgelieferten DVD hängen. Es ist eine Produktion, die geradezu nach der Verfilmung schreit, denn Jan Lauwers, der belgische Theatermacher, hat aus Monteverdis Oper eine Performance-Orgie seiner «Needcompany»-Tänzer gemacht. Die Bildregie muss sich permanent entscheiden, wohin die Kameras blicken sollen und bleibt logischerweise oft bei den gerade Singenden, was gerade bei Yoncheva überhaupt nicht reizlos ist, aber der optischen Reiz-Überflutung beziehungsreicher, oft aber auch einfach nur neckischer oder nutzlos-rätselhafter Details, die Lauwers mit lustvoller Unablässigkeit anrichtet, natürlich bei Weitem nicht gerecht wird. Die Überraschung ist nicht, dass diese Produktion auf musikalisch höchstem Festspiel-Niveau überzeugt, sondern, dass sie auch bei aller Beschränktheit, die eine Bild-Aufzeichnung mit sich bringt, fast ihren ganzen Reiz auf die DVD mit gerettet hat.

 

Monteverdi: «L’incoronazione di Poppea».
Salzburger Festspiele 2018. ML: William
Christie, R: Jan Lauwers, mit Sonya
Yoncheva, Kate Lindsay, Stéphanie
d’Oustrac, Carlo Vistoli, Renato Dolcini,
Ana Quintans, Dominique Visse,
Les Arts Florissants, Needcompany.
(3 CDs + DVD)

Ausgabe: 11 - 2019