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studio

die überraschung

Attila Csampai

Wer noch letzte Zweifel daran hegte, dass Johann Sebastian Bach der modernste Komponist aller Zeiten ist, und eine niemals versiegende spirituelle Kraftquelle, der sollte sich das Bach-Debüt-Album des noch kaum bekannten isländischen Pianisten Vikingur Ólafsson besorgen: Es ist eine tief empfundene Traumreise durch alle Sphären des Bachschen Seelenkosmos, klug zusammengefügt aus originalen und später bearbeiteten Klavierstücken unterschiedlichster Provenienz, die eindringlich belegen, dass Bachs Musik durch ihre Offenheit über Jahrhunderte hinweg immer neue Zugänge zu seinem Kosmos gewährt hat, und dass diese wechselnden Ansichten allesamt ihre Berechtigung haben, weil sie unterschiedliche Facetten der grossen Wahrheit freilegen: Olafsson ist ein echter Bach-Magier, der mit seiner phänomenalen Anschlagskultur und extremer dynamischer Bandbreite seinem Steinway geradezu orgelhafte Farbenpracht und eine Plastizität abtrotzt, wie ich es so noch nicht gehört habe: Als würden sich hier alle pianistischen Bach-Lesarten der letzten hundert Jahre zu einer völlig neuen, ungemein frischen, kompromisslos klaren, und trotzdem tief beseelten Klangrede verdichten: Es ist ein hochsensibles und zugleich markantes Plädoyer für die spirituelle und emotionale Komplexität der kürzeren Klavierstücke Bachs und hebt auch solche vergessenen Juwelen wie die «Aria variata alla maniera italiana» auf den Sockel eines Meisterwerks.

 

Johann Sebastian Bach: Diverse
Klavierstücke (Aria variata BWV 989;
Concerto d-moll nach A. Marcello u.a.),
Vínkingur Ólafsson (Klavier).
DG 483 5022 (CD)

Ausgabe: 05 - 2019