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studio

die überraschung

Attila Csampai

Bis heute hält sich der Vorwurf, Schuberts frühe Sinfonien seien «nur» gekonnte Nachbildungen seiner grossen Vorgänger Haydn und Mozart, und im Grunde nichts 
Eigenes. Auch wenn manche Historisten sich dem 
vehement widersetzten, gelten nur die «Unvollendete» und die «grosse C-Dur» als bedeutende Meisterwerke. Jetzt hat Philippe Herreweghe, der Feingeist unter den grossen Pionieren des Originalklangs, sich die zweite und die fünfte von Schuberts Sinfonien vorgenommen, und beide B-Dur-Arbeiten des Teenagers mit dem Antwerp Sym­phony Orchestra so zärtlich und feurig wiederbelebt, dass man sich fast fremdschämen möchte für die dummen Vorurteile früherer Generationen. Natürlich spürt man in beiden vor musikalischen Schönheiten über­quellenden Werken den starken Einfluss seiner erklärten Vorbilder, und doch bahnt sich schon im Kopfsatz der zweiten Schuberts spezieller, lyrisch sich ausbreitender, flächig-
fliessender Satzbau seinen eigenen Weg, der durch 
Herreweghes drängenden, aber immer transparenten und jugendlich pulsierenden Klangstrom einen ganz 
eigenen Charakter gewinnt, ja ungetrübte Aufbruchstimmung verbreitet: So glückt dem 19-jährigen Schubert im Andante der fünften einer der schönsten, innigsten Sätze seines gesamten Schaffens, ein einzigartiges 
Juwel musikalischer Schönheit. Herreweghe weiss das und trägt auch hier nicht zu dick auf, bleibt nobel, warmherzig und empfindsam.

 

Franz Schubert: Sinfonien Nr. 2 B-Dur und
Nr. 5 B-Dur. Antwerp Symphony Orchestra,
Philippe Herreweghe.
PHI LPH028 / outhere

Ausgabe: 03 - 2018