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studio

die überraschung

Attila Csampai

Unter den jüngeren Dirigenten ist der Grieche Teodor Currentzis derzeit der mit Abstand aufregendste: In kurzer Zeit machte er das im fernen Ural liegende Opernhaus von Perm zu einem neuen Zentrum visionärer Theaterarbeit und seine Studioproduktionen der drei Da-Ponte-Opern Mozarts wurden weltweit als neue Referenzen gefeiert. Jetzt greift der designierte neue Chef des SWR Sinfonieorchesters auch nach sinfonischen Ehren und hat sich mit dem von ihm selbst gegründeten MusicAeterna-
Orchester gleich das grösste Juwel russischer Sinfonik vorgenommen, Tschaikowskys genialische, von Todesahnungen durchwirkte sechste Sinfonie, von der es unzählige gute Einspielungen gibt. Dennoch schafft es der 45-jährige Exzentriker, dieses nationale Heiligtum komplett neu zu vermessen und ihm seine wahre erschütternde Grösse zurückzugeben, indem er mit rigoroser Detailgenauigkeit und extremer Dynamik dessen wahre Seelenabgründe freilegt, jenseits allem vordergründigen Pathos. Allein seine wunderbar pulsierende Piano- und Pianissimokultur zu Beginn der Sinfonie ist beispiellos und die Zusammenbrüche in der Durchführung entladen ein unerhörtes Verzweiflungspotenzial. Diese tiefe innere Tragik des Werks findet seinen bitteren Ausgang dann im düsteren Schluss-Adagio, das Currentzis als vergeblichen Todeskampf deutet. Nach diesem schonungslosen Selbstbekenntnis versteht jeder, warum Tschaikowsky nur wenige Tage nach der Uraufführung des Werks die Welt verliess.

 

Tschaikowsky: Sinfonie Nr. 6 h-Moll
(«Pathétique»). MusicAeterna,
Teodor Currentzis.
Sony 88985404352 (CD)

Ausgabe: 01 - 2018