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studio

die Überraschung

Werner Pfister

Wenn das keine Überraschung ist! Endlich eine repräsentative, neue Einspielung des zweiten Klavierkonzerts von Tschaikowsky. Bitte jetzt nicht die Nase rümpfen – wir wissen alle, das erste ist der grosse Knüller. Aber Mélodie Zhao schafft es, dem zweiten ebenso viel Aufmerksamkeit zuzusichern. Allein schon ihre fingerfertige Virtuosität, ihre tastenflinke Energie und, last but not least, ihre ungemein intuitive, ja geradezu kongeniale Art, Tschaikowsky zu spielen, setzen hier Massstäbe. Gilels hat das einst so gespielt, und später noch Pletnev. Aber seither? Indes, und noch viel wichtiger: Damit mag Mélodie Zhao den Hörer mitzureissen und unmittelbar zu begeistern für dieses immer noch links liegen gelassene Werk. Und was für ein Werk, kann man nach dem Anhören dieser Aufnahme nur sagen. Hier brachte Tschaikowsky, im Vergleich zu seinem ersten Klavierkonzert, die neu erworbene sinfonische Erfahrung mit ein, was aber nicht zu Lasten des Soloklaviers geht. Im Gegenteil, dieses wird zu höchster Virtuosität gesteigert, aber (vor allem in zweiten Satz) auch zu sublimster Poesie angehalten. Das grosse Glück, das über dieser Aufnahme schwebt, ist hörbar auch dem Dirigenten Michail Jurowski zu verdanken, der Tschaikowsky sehr zügig und alert dirigiert. Dieser Tschaikowsky schwimmt nicht in klanglichem Fett, sondern kommt viril und dezidiert aus den Lautsprechern. Was sicher auch der formidablen Klangtechnik zu danken ist, die es schafft, Soloinstrument und Orchester in ein sinnvolles Gleichgewicht zu bringen und dabei das Klavier stets ins beste Licht zu rücken. Bei all diesem uneingeschränkten Lob eigentlich unnötig zu betonen, dass auch das Erste, der b-Moll-Renner, imposant gelungen ist.

Tschaikowsky : Klavierkonzerte
Nr. 1 & Nr. 2. Mélodie Zhao (Klavier), Orchestre de la Suisse Romande, Michail Jurowski.

Claves 50-1603

Ausgabe: 05 - 2016