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Bild: Maiwolf

«Gute Dirigenten merken in der Regel sehr schnell, wie man ausbalancieren muss, damit dem Solisten genügend Raum bleibt.»

 

Schubertiade VI: Der Cellist Daniel Müller-Schott spielt Klaviertrio in Hohenems
Die Suche nach dem eigenen Ton
Daniel Müller-Schott gehört heute zu den etablierten Cellisten und geniesst weltweit hohes Renommee. Ein Gespräch nicht nur über Britten, sondern auch über Rostropowitsch, über Instrumente und Resonanzen oder über die Intensität des Zuhörens.

Reinmar Wagner

 

M&T: Sie haben kürzlich die Cellosinfonie von Benjamin Britten auf CD eingespielt. Ein Stück, das immer noch nicht so bekannt ist, obwohl die Cellisten mit guten Konzerten ja nicht so verwöhnt sind.

Daniel Müller-Schott: Britten wird tatsächlich viel zu selten gespielt, auch in diesem Jubiläumsjahr. Eigentlich erstaunlich, wie schwierig es ist, dieses Stück aufs Programm zu setzen.

M&T: Die 19 vor den Jahreszahlen schreckt immer noch ab?

 

M&T: Sie haben kürzlich die Cellosinfonie von Benjamin Britten auf CD eingespielt. Ein Stück, das immer noch nicht so bekannt ist, obwohl die Cellisten mit guten Konzerten ja nicht so verwöhnt sind.

Daniel Müller-Schott: Britten wird tatsächlich viel zu selten gespielt, auch in diesem Jubiläumsjahr. Eigentlich erstaunlich, wie schwierig es ist, dieses Stück aufs Programm zu setzen.

M&T: Die 19 vor den Jahreszahlen schreckt immer noch ab?

DMS: Es gibt vielleicht eine gewisse Scheu beim Publikum und bei Veranstaltern. Aber bei Schostakowitsch zum Beispiel hat sich die Zurückhaltung ja auch längst gelegt. Bei Britten muss man mehr Überzeugungsarbeit leisten, obwohl die Musik ja höchst intelligent und wirklich eingängig konzipiert ist. Sie trägt eine enorme Unmittelbarkeit und Tiefe in sich, die meiner Meinung nach von den Menschen verschiedenster Länder verstanden wird. In Sao Paulo beispielsweise war das Publikum geradezu enthusiastisch nach dem Konzert mit Brittens Cello Symphony.

M&T: Britten hat viel für Stimme komponiert. Ist das Gesangliche auch in seinen Werken für Cello präsent?

DMS: Wenn man die Entwicklung von der Cellosonate und der -Sinfonie über die drei Suiten verfolgt, dann ist das Gesangliche am Anfang stärker betont. In der Cellosinfonie spielen dann die harmonischen Strukturen eine sehr grosse Rolle.

M&T: Sie haben nun alles eingespielt, was es von Britten für Ihr Instrument gibt. Welche Rolle spielt das Cello bei Britten?

DMS: Durch die künstlerische Freundschaft mit Rostropowitsch erhielt das Cello einen grossen Stellenwert. Dafür sind wir Cellisten natürlich sehr dankbar.

 

M&T: Sie haben ja noch bei Rostropowitsch studieren können. Was hat er über Britten erzählt?

DMS: Slava hat begeistert von den Festivals in Aldeburgh geschwärmt, wie er dort mit Britten zusammen musiziert hat. Er hat vor allem die grosse Empfindsamkeit in Brittens Musizieren sehr geschätzt. Bei diesem Festival ist ja auch die legendäre Einspielung der «Arpeggione-Sonate» von Schubert zustande gekommen, und Slava hat dort alle Cello-Suiten uraufgeführt. Es muss eine tiefe Freundschaft gewesen sein, die beide stark inspiriert hat. Es ist auch kein Zufall, dass ich auf dieser CD die Cellosinfonien von Britten und Prokofjew kombiniert habe. Beide Werke habe ich mit Rostropowitsch studiert, beide entstanden unter seinem Einfluss.

M&T: Wo kann man das festmachen?

DMS: Rostropowitschs Handschrift ist vor allem in den Kadenzen sehr stark zu spüren. Er hat mir erzählt, dass er von Prokofjew quasi ein weisses Blatt Papier bekommen hat und dann eigene Kompositionsideen verwirklichen konnte in Absprache mit dem Komponisten. Zu Britten gab es durch die verschiedenen Nationalitäten vielleicht eine etwas grössere Distanz, da hat Rostropowitsch nur wenige Vorschläge gemacht.

M&T: Die Balance zwischen Cello und Orchester ist wegen der Tessitur des Instruments für den Solisten oft ungünstig. Wie hat Britten dieses Problem gelöst?

DMS: Er hat die Cellosinfonie sehr gut orchestriert. Die lauten und eruptiven Impulse werden meist so eingesetzt, dass das Cello hörbar bleibt. Dialogische Elemente sind klug austariert zwischen Solo und Orchester. Sehr wichtig ist bei diesem Werk, dass man genügend Zeit darauf verwendet, dieses subtile Frage-Antwort-Spiel zwingend darzustellen und ein gutes Gefühl dafür entwickelt, wie das Cello in das Orchester integriert wird und daraus hervortreten kann. Es sollte eine Einheit entstehen, die sich anfühlt wie Kammermusik in vergrösserter Besetzung.

M&T: Müssen Sie auch sonst die Dirigenten immer mal wieder auf die Balance hinweisen?

DMS: Gute Dirigenten merken in der Regel sehr schnell, wie man ausbalancieren muss, damit dem Solisten genügend Raum bleibt.

 

M&T: Rostropowitsch konnte auch in sehr grossen Sälen den Klang intensivieren und fokussieren. Hat er Ihnen sein Geheimnis verraten?

DMS: Er brannte einfach für die Musik. Er hat mir einmal gezeigt, wie man den Ton aus dem Cello wirklich mit grösstmöglicher Intensität heraus modellieren kann und wie man es schafft, den Bogen zu wechseln, ohne dass ein Bruch entsteht. Wie ein Sänger, der nicht atmen muss. Das hat mich als junger Musiker unglaublich beeindruckt. Ich habe zum ersten Mal erlebt, wie jemand das Spiel am Instrument ganzheitlich begreift und als Person verkörpert. Und dann musste ich versuchen, einen eigenen Weg in diese Richtung zu finden.

M&T: War es schwierig, sich von dieser starken Figur zu emanzipieren?

DMS: Mir hat geholfen, dass zwischen den Unterrichtsphasen immer grosse Abstände lagen. Die Stunden bei ihm waren Momente von unglaublicher Intensität. Er hat sich ans Klavier gesetzt, gesungen, dirigiert, alles durcheinander in drei Sprachen. Es war nicht immer so leicht, diesen Kosmos an Anregungen zu verarbeiten. Geholfen hat mir, dass ich jeweils ein paar Wochen Zeit hatte, das alles zu reflektieren und eigene Ideen zu entwickeln.

M&T: Er hat ja alle die grossen Komponisten gekannt. Fragt man da nicht ständig, wie war das mit Prokofjew, mit Schostakowitsch, mit Britten?

DMS: Ich habe erst später so richtig realisiert, welche direkte Verbindungen zu diesen Komponisten da bestanden. Heute würde ich mir wünschen, dass er noch hier wäre und man ihn fragen könnte. Nicht nur zu den Cellokonzerten. Ich bin auch mit ihm gereist, habe ihn in den Proben und in seiner Arbeit erlebt. Er hatte immer sehr plastische, am Leben orientierte und humorvolle Bilder in seinem Musizieren.

M&T: Starke und sehr verschiedene Persönlichkeiten waren auch Ihre anderen Lehrer, Steven Isserlis und Heinrich Schiff.

DMS: Ich fand es immer ein besonderes Glück, so verschiedene Persönlichkeiten als Lehrer haben zu dürfen. Ich hatte eine sehr solide technische Basis durch Walter Nothas in München. Die Tonleitern und Etüden, die man als junger Cellist als Rüstzeug einfach braucht, sowie das Standard-Repertoire hatte ich mir dadurch relativ früh angeeignet. Und dann ging es hinaus in die weite Welt, um bei jedem Lehrer so gut wie möglich zu profitieren und doch meinen eigenen Weg nicht aus den Augen zu verlieren.

M&T: Dieser Weg hat Sie unterdessen in die ganze Welt geführt. Sie sind etabliert als Solist und Kammermusiker, haben vom Standardrepertoire vieles eingespielt. Gibt es manchmal Momente der Rückschau?

DMS: Ich habe kürzlich mit Erstaunen festgestellt, dass ich doch schon seit zwanzig Jahren Konzerte spiele. Es kommt mir eigentlich gar nicht so lange vor, weil jedes Konzert auch immer von Neuem eine Art Uraufführung darstellt. Das ist etwas, was einen sehr in der Gegenwart hält, und auch die Offenheit und Spontaneität wach bleiben lässt. Trotz der Erfahrung, die ich mittlerweile habe, ist jedes Konzert von Neuem ein Versuch, seinen Idealen nahe zukommen.

M&T: Aber man ist auch vertraut mit den Alltäglichkeiten des Betriebs?

DMS: Das stimmt, man wird gelassener. Am Anfang ist alles neu, man muss sich zurecht finden mit den Probensituationen, mit den Reaktionen aus den Orchestern, aber auch mit dem Lebensstil eines ständig reisenden Musikers. Das hat sich natürlich schon eingespielt. Man weiss, wenn Unstimmigkeiten auftreten, Wege zu finden, die Musik und die Botschaft des Komponisten dennoch zum Leben zu erwecken.

M&T: Gleich am Anfang die richtigen Worte zu Orchestermusikern und Dirigenten zu finden, dass es gut aufgegleist wird?

DMS: Ja, das sind Prozesse, die sich über die Jahre einspielen. Ich spüre auch, dass sich im Umgang der Musiker untereinander einiges geändert hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten, dass man eher die gemeinschaftliche Kooperation sucht. Und auch die Dirigenten pflegen vermehrt partnerschaftliche Ideen, wollen, dass alle Musiker spüren, dass sie ernst genommen werden. Da sind die Dirigenten heute auch schon Psychologen, die wissen, welche Fäden sie ziehen müssen, um Höchstleistungen zu erreichen.

M&T: Die meisten Konzerte des Repertoires haben Sie eingespielt. Das Dvorak-Konzert kommt demnächst. Was folgt als Nächstes? Nochmal durch das Repertoire oder neue Stücke?

DMS: Bei einigen Stücken würde es sich sicher lohnen, sie irgendwann wieder einzuspielen. Mit den Bach-Suiten habe ich im Bach-Jahr 2000 begonnen. Diese vielschichtigen Werke werde ich sicher irgendwann wieder aufnehmen, sie sind ständiger Begleiter und Wegweiser in meinem musikalischen Leben. Russisches Repertoire interessiert mich sehr, etwa Miaskowsky, der auch viel zu selten gespielt wird. Tschaikowskys «Rokoko-Variationen» habe ich bisher nicht eingespielt. Gerade habe ich die Partitur eines Konzerts von Bernhard Molique studiert, ein deutscher Komponist der Romantik, der damals viel aufgeführt wurde, aber heute fast vergessen ist. Das Konzert von Robert Volkmann und die Konzerte von Joseph Joachim Raff habe ich schon aufgenommen. Es gibt ein gutes Dutzend Cellokonzerte, die zu Recht sehr bekannt sind. Besonders ragt natürlich dasjenige von Dvorak heraus.

M&T: Warum?

DMS: Die Verbindung von sinfonischer Grösse und kammermusikalischer Intensität finde ich sehr überzeugend. Es ist so rein, so ehrlich und persönlich empfunden, wie man das nur selten antrifft, aber beweist auch Kunstfertigkeit und die Beherrschung des Orchesters, was wiederum eine grandiose Plattform für das Solocello bietet, das mit riesiger Geste nach dieser langen sinfonischen Einleitung strahlen kann.

M&T: Wenn Sie noch einmal Bach einspielen würden, wie sähe Ihr Instrument aus?

DMS: Ich habe viel probiert, gerade als ich bei Steven Isserlis studiert habe. Er hat mir sehr ans Herz gelegt, Darmsaiten auszuprobieren. Ich habe auch eine Zeit lang sein Montagnana-Cello spielen dürfen. Trotzdem bin ich wieder zu meinen Wurzeln zurückgegangen. Ich möchte die Freiheiten beim Spiel möglichst hoch halten können und das empfinde ich auf meinem Goffriller-Cello mit Stahlsaiten am intensivsten. Aber auch auf meinem modern eingestellten Cello versuche ich in Phrasierung und Spieltechnik die Ideen aus der historischen Aufführungspraxis umzusetzen.

M&T: Das ist schon ein Ideal, seinen eigenen Klang zu finden.

DMS: Ja, auf jeden Fall. Auch einen wie Rostropowitsch erkennt man nach Sekunden am Ton. Das hat mit Vibrato, mit Bogendruck, mit der ganzen Physiognomie zu tun. Wenn man Cello spielt, schwingt auch der Körper mit, und das verändert wiederum auch den Klang des Instruments. Das heisst, ein Cello klingt anders, wenn ein anderer Mensch es spielt. Sogar der derselbe Bogen, wenn ein anderer Arm ihn hält, klingt anders. Ich finde es faszinierend, dass das so komplex und individuell ist.

M&T: Das heisst, Sie sind ständig am Ausprobieren?

DMS: Ich habe sehr viele Instrumente ausprobiert: Stradivaris, Montagnanas, viele Goffriller, ich mag die Venezianer mit ihrem Bass-Fundament und dem dunklen und doch schimmernd strahlenden Klang. Jedes Instrument hat seinen eigenen Charakter, der zu gewissen Spielern besser passt als zu anderen. Mit manchen versteht man sich sofort, das ist wie bei Menschen auch. Einer meiner Freunde, Dietmar Rexhausen aus München, ist Cello-Bauer und experimentiert mit klanglichen Möglichkeiten. Ein anderer ist Saitenfabrikant und schickt mir immer wieder neue Modelle zum Ausprobieren. Auch da gibt es unglaubliche Unterschiede in Klang und Spielbarkeit, je nachdem, wie man Saiten umwickelt oder behandelt. Und auch darauf reagiert jedes Instrument wieder ein bisschen anders.

M&T: Ein jahrelanges Puzzle also?

DMS: Mehr ein Entwickeln von Hörerfahrungen und der Bildung eines persönlichen Geschmacks. Von einigen Pianisten weiss ich, dass sie ständig an ihren Instrumenten Veränderungen vornehmen und ein Leben lang nach ihren Klangidealen suchen. Das kann ich gut nachempfinden.

M&T: Bei der Schubertiade spielen Sie am 8. Oktober zusammen mit Viviane Hagner und Jonathan Gilad Klaviertrios von Schubert, Mozart und Debussy. Was reizt Sie an der Kammermusik?

DMS: Gerade Tourneen mit diesem Trio sind jeweils auch ein Zusammentreffen mit Freunden. Das Zwischenmenschliche spielt in der Kammermusik eine grosse Rolle. Wenn man über Jahre immer wieder zusammen musiziert und sich gut versteht, ist das jeweils wie nach Hause kommen, ein Austausch von Erfahrungen, die man in der Zwischenzeit gemacht hat. Es ist weniger ein Kampf um ständige Intensität, wie es das solistische Spiel mit sich bringt. Die kleineren Dimensionen verlangen auch subtilere Klangfarben, die auf dem konzertanten Tablett fast nicht vorkommen. Andererseits bringt mich die Suche nach solch intimen Klängen und Emotionen auch als Solist wieder weiter.

M&T: Etwa bei Mozart auch mal ganz unspektakulär eine Basslinie spielen?

DMS: Das ist ein gutes Beispiel: Die linke Hand vom Klavier verdoppeln und quasi zuhören, was der Pianist macht. Das ist ein wunderschöner musikalischer Dialog, den ich auch deshalb geniesse, weil ich Jonathan Gilad seit über zehn Jahren kenne und schätze. Und dann gibt es dieses wunderbare Repertoire, gerade in der Romantik mit den Trios von Schubert, aber auch Schumann, Brahms, Beethoven oder die Schlachtrösser von Tschaikowsky oder Schostakowitsch. Auch für Cello und Klavier bietet die Romantik ein wundervolles Repertoire, das ich auf keinen Fall missen möchte.■

Konzerte

• Hohenems, Markus-Sittikus-Saal, 8. Oktober, 20.00 Uhr. Klaviertrios von Mozart (KV 502), Debussy und Schubert (D 898) mit Viviane Hagner und Jonathan Gilad. (Schubertiade) • Locarno, Chiesa San Francesco, 11. Oktober, 20.30 Uhr. Beethoven: Tripelkonzert mit Viviane Hagner und Jonathan Gilad mit dem Orch ... Weiter

Schubertiade. Die M&T-Serie

Die Schubertiade hat sich als eine der ersten Adressen für Kammermusik etabliert. Dies über das ganze Jahr verteilt mit mehreren Konzertzyklen und Festivalwochen in Hohenems und Schwarzenberg. M&T begleitet das traditionsreiche Vorarlberger Festival mit kammermusikalischem Weltfokus als Partnermedium mit einer Folge reg ... Weiter
Ausgabe: 10 - 2013