Syndicate content


festival

Bild: Giorgia Bertazzi

Christian Tetzlaff: «Es macht Spass, neue Plätze zu erkunden.»

 

Beim Musikfestival Klosters zeigt sich der Geiger Christian Tetzlaff von verschiedenen Seiten
«Die Seele des Komponisten sprechen lassen»
Christian Tetzlaff gehört zu den neugierigsten und fleissigsten Interpreten der Klassikszene. Und zu jenen Glücklichen obendrein, die noch aufnehmen können, wonach ihnen ist. Anfang August setzt er besondere Akzente beim jungen Klassik-Festival Klosters Music.

Reinmar Wagner

Neugier ist so etwas wie das künstlerische Lebensmotto von Christian Tetzlaff: «Ich könnte mein Musiker-Leben mit zehn Stücken füllen», sagt der deutsche Geiger. «Ich habe das Beethoven-Konzert mehr als dreihundert Mal gespielt, Brahms erreicht bald die Marke von hundertfünfzig, und auch Mendelssohn und einige andere Repertoire-Freunde sind die ganze Zeit mit mir dabei. Das ist mein Kernrepertoire. Doch es gibt so viel Schönheit, es gibt so viele Emotionen und Sichtweisen zu leben. Und es macht Spass, neue Plätze zu erkunden. Ich fühle mich wunderbar, wenn ich Stücke für mich entdecke, von denen ich denke, dass es sich lohnt, sich für sie einzusetzen.» Und damit das Publikum zu überzeugen, nicht mit eigenen Zutaten oder virtuosem Show-Gehabe, das ist Tetzlaffs Art gar nicht. Sondern erst das Werk fragen, was es zu sagen hat.

Dass er als Interpret dabei zu kurz kommen könnte, weist der deutsche Geiger zurück: «Wenn der Rahmen steht – und alle Stücke haben einen festen Rahmen, so wie sie notiert sind – dann wird das Bild vom Stück, das der Komponist hinterlassen hat, nicht tangiert, und in diesem Rahmen fühle ich genügend Freiheit für mich. Wenn einer hingegen zum Beispiel im Tempo darüber hinausgeht, dann kann das vielleicht lustig oder tragisch sein, aber man muss sich mit dem Interpreten identifizieren, damit es wirkt. Ich finde es einfach lächerlich, wenn man die Stücke so dreht, dass sie zu einem passen. Da spricht man nur von sich, und das ist ja meistens ziemlich langweilig.»

Und das gilt für Tetzlaff explizit auch für die Musik des 20. Jahrhunderts, die er genauso pflegt, wie die grossen romantischen Geigenkonzerte oder die Kammermusik der Klassik: «Wenn wir unser Herzblut dafür geben, verfehlt keines dieser Stücke, sei es aus dem Barock oder zeitgenössisch, seine Wirkung auf das Publikum. Das gilt für Ligeti, für Widmann, für Schostakowitsch – viele der Konzerte aus dem 20. Jahrhundert können zu wirklichen Favoriten des Publikums werden.» Und das kann auch für eher spröde Werke gelten, glaubt Tetzlaff: «Ich hatte beispielsweise nie in meinem Leben das zweite Konzert von Schostakowitsch gehört. Als ich es vor einigen Jahren vornahm und studierte, fragte ich mich, ob es einen Grund geben könnte, dass es so im Schatten des ersten Konzerts steht. Es ist simplifizierend bis zur Verrücktheit. Beinahe nichts geschieht im Grunde während des ganzen langsamen Satzes und auch über weite Strecken im ersten Satz. Aber wenn Sie dann das Stück spielen und aufführen, erkennen Sie, dass es einen Grund hinter der Verrücktheit gibt und dass es ein wunderschönes Stück mit Tiefe ist. Deshalb funktioniert es auch mit dem Publikum. Wenn Sie ein solches Werk nie spielen, werden Sie auch nicht herausfinden, was in ihm steckt und wie es wirken kann.»

Beeindruckend ist die Diskografie des 53-jährigen Geigers: Die Solo-Sonaten und -Partiten von Bach, die Geigen-Sonaten von Brahms mit Lars Vogt oder die Konzerte von Mendelssohn und Schumann sind als jüngste Beispiele auf dem Markt. Seit vielen Jahren ist er beim finnischen Label Ondine zu Hause, und konnte dort quer durch das Repertoire immer diejenigen Stücke einspielen, die er gerade für schallplattenreif erachtete: «Ich nehme mehr denn je auf. Das kommt für mich zu einem guten Zeitpunkt in meiner Karriere, und mit Ondine habe ich ein Label, das sich sehr um alle Belange wie Repertoire, Kollegen, auch Covers und Texte für die Booklets kümmert. Das ist eine wunderbare Zusammenarbeit. So lange man nicht erwartet, damit Geld zu verdienen, ist es eine wunderbare Sache, CDs einzuspielen. Vielmehr ist es eine Möglichkeit, eine künstlerische Aussage zu einem bestimmten Stück zu einer bestimmten Zeit abzugeben. Es kann auch ein Bekenntnis zu einem Stück sein, wie eben Schostakowitschs zweites Konzert.»

Was nicht bedeutet, dass sich Tetzlaff bei den etablierten grossen Werken seines Repertoires langweilen würde: «Es ist das leichteste in der Welt, sich die Begeisterung für das Beethoven-Konzert zu bewahren, egal was man vorher oder nachher spielt. Wäre das nicht der Fall, wäre das wirklich traurig und schlimm. Ich höre das oft, auch von Kollegen, dass wir ganz andere Dinge spielen sollten, um frisch zu bleiben. Unser Job ist es jedoch, eine enge Verbindung von Beethoven zum Publikum herzustellen, die Zuhörer im langsamen Satz zum Weinen zu bringen und sie danach, im letzten Satz, die Freude des Wiedererwachens von Leben fühlen lassen. Das ist jeden Abend von Neuem eine wunderbare Herausforderung. Findet das jemand langweilig, dann hat er den Beruf verfehlt und sollte etwas anderes tun. Überhaupt müsste es unsere Mission sein – egal, was auf dem Programm steht: am Abend das Publikum von der Seele des gespielten Komponisten zu überzeugen und sein Herz durch sein Werk sprechen lassen. Das ist für mich das Einzige, was wirklich zählt. Und nicht irgendwelche vorgefassten Haltungen und Meinungen, die uns diesen unmittelbaren Weg verbauen. Ich habe mich deshalb als Künstler nie freier gefühlt als heute.» ■

«Eine CD ist auch 
ein Bekenntnis zu einem bestimmten Werk»

Klosters Music, 26. Juli bis 4. August

Christian Tetzlaff ist Gastkünstler bei der diesjährigen Ausgabe des jungen Musikfestivals in Klosters. Er bringt am 3. August ganz solo drei Sonaten und Partiten aus Bachs Geigen-Kosmos mit nach Klosters. Und im Abschlusskonzert am Tag darauf ist er Solist in gleich zwei Violinkonzerten – in Mozarts KV 216 und Mendelss ... Weiter
Ausgabe: 07 - 2019