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Bilder: Opernhaus Zürich/Herwig Prammer

Nina Russi: «Wenn ich inszeniere und mit den Sängerinnen und Sängern arbeite, muss ich meine Leute nicht anschreien.»

 

Nina Russi – wie die junge Regisseurin selbstbewusst ihren Weg am Theater einschlägt
Die Magie des Theaters zeigen
Die Regisseurin Nina Russi, vor einigen Wochen mit dem Götz-Friedrich-Preis ausgezeichnet, inszeniert zum ersten Mal auf der grossen Bühne des Opernhauses Zürich. Im Gespräch erzählt Nina Russi weiter, wie sie arbeitet und warum sie ihre Mitarbeitenden nicht anschreien möchte. Ihre Inszenierung von Mark-Anthony Turnages Familienoper «Coraline» steht noch bis im April 2020 auf dem Spielplan der Zürcher Oper.

Valerio Meuli

«Ich möchte nicht immer Prinz und Prinzessin 
inszenieren, ganz einfach»

Ein Saal im Opernhaus Zürich. An den Wänden sind übergrosse Spiegel angebracht. Der Boden ist aus feinstem Parkett, die Sitzpolster der Stühle mit rotem Samt überzogen. Wenn Aufführungen stattfinden, ist dieser Saal voll mit Menschen, Stehtischen und Champagnerflaschen. Heute, an einem nieselnden und nebelnden Mittwochnachmittag, ist er leer. Nina Russi trifft eine Viertelstunde zu spät zum Gespräch ein. Die Regisseurin kommt gerade von einer Besprechung mit ihren Sängerinnen und Sängern, die letzten Details wurden diskutiert. Man ist im Stress, arbeitet bis zu 15 Stunden pro Tag. Denn bald findet die Premiere der Oper «Coraline» statt, welche Russi inszeniert.

Russi, die im Kanton Aargau aufwuchs, studierte Musical in Hamburg und ist seit 2007 Regieassistentin am Opernhaus Zürich, wo sie ab und zu auch selbst inszenierte: die Kinderopern «Gold» und «Die Gänsemagd» sowie eine Uraufführung von Xavier Dayers «Der Traum von dir». «Coraline» ist Russis erste Inszenierung, die auf der grossen Bühne des Hauses gezeigt wird.

Und wieder ist es eine Familienoper, wahlweise auch Kinderoper genannt. Ist Russi verrückt nach Kinderopern oder ist das ein üblicher Start für eine angehende Opernregisseurin? «Wir jungen Regisseurinnen bekommen deutlich mehr Angebote, Kinderopern zu inszenieren als unsere männlichen Kollegen», sagt Russi. Aber man müsse auch sehen, dass solche Aufführungen die Chance bieten würden, auszuprobieren. «Das waren die ersten Schritte, die ich gemacht habe. Ich will Kinderopern nicht kleinreden, Kinder können das kritischste Publikum sein.» Wenn sie nun «Coraline» inszeniere, denke sie nicht pädagogisch, sondern künstlerisch. «Es geht mir darum, den Kindern die Thea­terwelt näherzubringen und neue Horizonte zu eröffnen. Ich will ihnen zeigen, was die Magie und die Poetik des Theaters auslösen können.» Trotz hohen künstlerischen Ansprüchen an ihre Kinderopern sagt die Regisseurin: «Ich hab’ auch noch andere Interessen und will mich vor allem auch anderen Themen widmen. Ich möchte nicht immer Prinz und Prinzessin inszenieren, ganz einfach. Mit meinem Bernstein-Abend in Aachen habe ich ja auch schon ganz anderes gemacht.»

Stolz darauf, in Zürich zu inszenieren

Um Prinz und Prinzessin geht es in «Coraline» nicht. Die Geschichte wurde 2002 vom britischen Schriftsteller Neil Gaiman als Jugendbuch veröffentlicht. Später komponierte Mark-Anthony Turnage die Musik dazu. Coraline zieht mit ihren Eltern in ein altes Haus. Dort gibt es schräge Nachbarn und: eine Türe, die ins Unbekannte führt. Das Mädchen öffnet sie und tritt ein. Es stellt sich heraus, dass das Unbekannte doch bekannt ist, da ist ihr gleiches Zuhause und da sind die gleichen Eltern. Doch einen Unterschied gibt es, die Eltern haben statt Augen Mantelknöpfe. Es entspinnt sich eine Fantasy-Geschichte, in der das Mädchen zwischen diesen beiden Welten hin- und herwechselt. Russi erzählt, dass diese Geschichte sie gleich fasziniert hätte. «Coraline ist ein eigenständiges Mädchen. Sie ist Einzelkind, ihre Eltern haben wenig Zeit für sie, weil beide arbeiten.» In der Geschichte werde ein modernes Familienbild gezeigt. Und auch die Hauptfigur selbst fände sie interessant: «Coraline ist ein mutiges Mädchen, hat sehr viel Instinkt, ist eine Entdeckerin.»

Auch wenn «Coraline» eine Familien- oder Kinderoper ist: Russi ist stolz, dass sie in Zürich inszenieren kann. Und vor allem ist sie stolz darauf, dass sie auf der grossen Bühne arbeitet. «Ich kann hier auf richtig hohem Niveau arbeiten und mich weiterentwickeln.» Aus der jungen Regisseurin spricht Selbstvertrauen: «Klar probiere ich aus, das Ganze ist jedoch nicht einfach ein Versuch oder ein Experiment, ob eine junge Frau auf der Hauptbühne Regie führen kann. Ich liefere hochprofessionelle Arbeit.»

Dieses Selbstvertrauen kommt nicht von irgendwo: Vor Kurzem erhielt Russi den Götz-Friedrich-Preis, den Musikthea­ter-Nachwuchspreis im deutschsprachigen Raum schlechthin. Sie erhielt ihn für eine doppelte Bernstein-Inszenierung im Theater Aachen: «Trouble in Tahiti» und «A quiet Place» brachte sie dort auf die Bühne. «Es ist schön, nach ein paar Jahren auf dem Beruf eine solche Anerkennung zu bekommen. Auch, weil es manchmal ein harter Weg war», sagt Russi. Sie hätte hautnah erlebt, wie hierarchisch das Theaterwesen sei, wie ältere männliche Regisseure Assistentinnen zur Schnecke gemacht hätten. «Doch ich bin überzeugt, dass es auch anders geht. Wenn ich inszeniere und mit den Sängerinnen und Sängern arbeite, muss ich meine Leute nicht anschreien.» Sie wolle einen angenehmen Rahmen für ihre Mitarbeitenden schaffen, «und das beginnt damit, dass ich am Morgen bei der Bühnenprobe alle Beteiligten persönlich begrüsse. Sie sollen merken, dass Theaterarbeit eine kollektive Arbeit ist. Die Menschen hinter der Bühne sind genauso wichtig wie die Protagonisten auf der Bühne.»

Was zwischen Menschen passiert

Wie arbeitet die Regisseurin, wie entsteht eine Opern-Inszenierung von Nina Russi?

«Das hängt natürlich stark damit zusammen, was für ein Stück es ist», sagt sie. Grundsätzlich arbeite sie nahe am Text. «In Opernlibretti gibt es viele vermeintlich einfache Zeilen. Doch da steckt meistens viel dahinter. Ich hinterfrage die Sätze, will genau wissen, was mit den jeweiligen Passagen gemeint ist. Manchmal gibt natürlich auch die Musik Informationen, welche Gedanken in einer Zeile stecken.» Was sie vermeiden will, ist «die Musik zu illustrieren», dass es zu «Verdreifachungen» komme, wie sie es nennt: «Die Musik zeigt schon eine Emotion, dann wird auch noch von dieser Emotion gesungen – dann muss man es auch noch so spielen.» Wenn sie inszeniere, denke sie viel eher an verschiedene Bewusstseins- und Gefühlszustände. «Und was für mich essenziell ist: Ich inszeniere im Jahr 2019, das bedeutet, die Umsetzung muss sich mit der heutigen Realität auseinandersetzen. Das können auch politische Überlegungen sein, doch was mich am meisten interessiert, sind zwischenmenschliche Beziehungen. Ich arbeite sehr fein und subtil. Es geht um Blicke, Berührungen und Nicht-Berührungen. Ich nehme die Themen, die ich bearbeite, ernst, versuche, nicht zu ironisieren.»

Und ab welchem Zeitpunkt macht sie sich Gedanken zur Musik? «Die Musik gehört für mich von Beginn an dazu, ich lasse mich von ihr inspirieren, da­rum mache ich ja auch Musiktheater», sagt Russi, die im Rahmen ihres Musicalstudiums auch Gesang studierte und als Kind Schlagzeug spielte.

Nach dem Gespräch führt Nina Russi durchs Opernhaus, durch ein Labyrinth von Gängen, vorbei an der Kostümwerkstatt, am Backstage, vorbei an verschiedensten Menschen, an Technikern, an Sängerinnen. Alle kennen Russi, mit den meisten wechselt sie einige Worte, sagt kurz «Hallo, wie geht’s?». Man spürt es: Nina Russi gehört hier dazu, zu den Menschen, die an diesem Haus arbeiten. Und sie prägt ihn mit, den Geist des Opernhauses. ■

Ausgabe: 01 - 2020