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musik

Der starke Mann am vermeintlich fragilen femininen Instrument
Die Harfe ist männlich
Bereits sein Name sagt es: Xavier de Maistre – ein Meister seines Instruments, Star- 
Harfenist aus dem sonnigen Süden Frankreichs, der vor wenigen Jahren begonnen hat, die Harfe vom Klischee der zarten, von junger Frauenhand gezupften, sanften Töne zu befreien. Und das mit grossem Erfolg.

Werner Pfister

«Ich bin ein Einzelgänger und nur ungern in grossen Gruppen»

M&T: Xavier de Maistre, in einem Interview sagten Sie, dass Sie das Image der Harfe neu definieren möchten. Wie schaut denn dieses Image aus – und was muss man neu definieren?

Xavier de Maistre: Es geht mir um das Klischeebild der Harfe, die in unserer gängigen Vorstellung von jungen Frauen gespielt wird, von schönen Frauen mit langen Haaren. Und dass man auf diesem Instrument zwar wunderbare, aber nur sehr sanfte Töne hervorzaubern könne.

M&T: Das ist schon rein historisch gesehen Unsinn, weil im 19. Jahrhundert doch mehrheitlich Harfenisten den Ton angaben. Woher kommt dieses Klischee?

Xavier de Maistre: Es hat mit dem Rokoko zu tun, mit der Zeit von Marie-Antoinette. Auf entsprechenden Gemälden sieht man oft einen Salon, dazu Musiker und irgendwo in einer Ecke eine Harfe, die von einer jungen Dame gezupft wird. Möglicherweise hat das damals die Leute geprägt. Und nach der Französischen Revolution wollte man mit diesem Instrument, das so stark Sinnbild für den adeligen Salon war, nichts mehr zu tun haben. Das Klischee hingegen hat sich erhalten, als Instrument wird die Harfe bis heute kaum wirklich ernst genommen, und immer noch heisst es, man komme mit der Harfe als Soloinstrument nicht gegen ein Orchester an, und man könne als Harfenist kaum eine Solokarriere machen.

M&T: Das Klischee scheint Sie bis in Ihren eigenen Werdegang verfolgt zu haben: Sie wurden von drei Harfenistinnen ausgebildet – weit und breit kein Harfenlehrer.

Xavier de Maistre: Mein Harfenstudium war ohnehin etwas speziell. Begonnen hat es eigentlich durch einen Zufall: Die Lehrerin, bei der ich in Toulon einen Musiktheoriekurs besuchte, unterrichtete auch Harfe. Da sie einerseits noch wenige Schüler hatte und ich mich andererseits ein bisschen in sie «verliebt» hatte, ging ich zum Harfenunterricht. Bereits nach fünf Monaten sagte sie meinen Eltern, sie müssten nun eine grosse Harfe anschaffen, da ich viel schneller lernen würde als die andern. Ich hatte eine sehr gute Motorik und Koordination. Aber ich dachte nie daran, das einmal als Beruf zu machen. Ich betrieb es, wie ich auch Sport und später mein Studium der Politikwissenschaft betrieb – sehr intensiv.

M&T: Wann fiel die Entscheidung, daraus den Beruf zu machen?

Xavier de Maistre: Nach einem Intermezzo in Lyon setzte ich mein Studium in Paris bei Jacqueline Borot und Catherine Michel fort. Ich war der einzige Mann in einer Schar junger Harfenistinnen – was sehr schön für mich war, denn meistens sind junge Harfenistinnen auch sehr hübsch… (schmunzelt) Das Klischee stimmt irgendwie. Längst hatte ich bemerkt, dass die Harfe gut zu meinem Temperament passt, denn ich bin ein Einzelgänger und nur ungern in grossen Gruppen. Auch im Orchester sitzt man als Harfenist allein, gehört weder zu den Streichern noch zu den Bläsern. Dann kam es zu einem Probespiel beim Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Es war gerade zu jener Zeit, als das Orchester beschlossen hatte, nun auch Frauen zuzulassen. Umso grösser die Überraschung, als der Favorit ein Mann war. Als ich den Vertrag als Solo-Harfenist erhielt, war ich gerade mal 21 Jahre alt.

M&T: Und glücklich? Stolz?

Xavier de Maistre: Ein paar Monate lang schwebte ich wie auf Wolken. Denn das Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist eines der bedeutendsten Orchester; damals war Lorin Maazel Chefdirigent. Ich hatte noch nie unter einem bedeutenden Dirigenten gespielt, und nun gaben die sich sozusagen die Klinke in die Hand. Allerdings, bevor es so weit war, musste ich erst meine Eltern überzeugen, dass ich mein Studium der Politikwissenschaft aufgeben und den Job annehmen darf. Denn sie waren skeptisch: Wie soll einer mit der Harfe sein Leben verdienen? Bereits meine erste Lehrerin sagte: Das Beste, was Du je erreichen kannst, ist eine Stelle in einem Top-Orchester. Da selbst grosse Orchester höchstens zwei Harfen beschäftigen, gibt es entsprechend nur sehr wenige freie Stellen. Also muss man eine Menge Glück haben.

M&T: Das hatten Sie – und dennoch hielten Sie es in München nicht lange aus …

Xavier de Maistre: 1998 gewann ich den Internationalen Harfenwettbewerb in Bloomington. Wahrscheinlich der wichtigste Wettbewerb für dieses Instrument. Und im selben Jahr wurde ich Solo-Harfenist bei den Wiener Philharmonikern. Eigenartigerweise war ich eher etwas deprimiert, weil ich mir sagte: Jetzt bist Du erst 25 und bereits am höchsten Ziel angelangt. Weiter geht es nicht mehr. Die Aussicht, nun 40 Jahre lang dasselbe zu tun – selbst wenn das alles sehr schön ist –, deprimierte mich ein bisschen.

M&T: Kommt hinzu, dass es für die Harfe im gängigen Orchesterrepertoire nicht besonders viel zu tun gibt. Barock und Klassik fallen ja ganz weg, ein grosser Teil der Romantik ebenfalls.

Xavier de Maistre: Und wenn man zu spielen hat, ist es nur für kurze Momente; zu 90 Prozent wartet man und zählt Takte. Das ist anstrengend, manchmal wartet man ganze Sätze lang, etwa bei Bruckners achter Sinfonie. Und wenn man dann für einige Takte drankommt, ist das oft recht heikel, gerade in Bruckners Achter. Deshalb habe ich mich beim Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks, einem reinen Konzertorchester, bald etwas gelangweilt. Die Wiener Philharmoniker hingegen spielen auch Oper, und hier gibt es für die Harfe wirklich grossartige Aufgaben – denken Sie an «Bohème», an «Tannhäuser» oder die berühmte Solokadenz in «Lucia di Lammermoor».

M&T: Dennoch war Ihnen auch das offenbar nicht genug, und Sie begannen, mit einer Solokarriere zu liebäugeln …

Xavier de Maistre: Dieser Entscheid fiel nicht von heute auf morgen. Denn da gibt es ganz grundlegende Schwierigkeiten, die wiederum mit dem Klischeebild von der Harfe zusammenhängen. Wenn ein Geiger oder ein Pianist einen renommierten Wettbewerb gewinnt, Reine Elisabeth oder den Chopin-Wettbewerb in Warschau, dann interessieren sich plötzlich die Agenten für ihn, und oft bekommt er sogar einen Plattenvertrag. Die Harfe hingegen interessiert keinen Menschen! Da können Sie alle Künstleragenturen abklopfen. Alle sagen dasselbe: Was soll ich mit einer Harfe anfangen?

M&T: Aber Sie haben immerhin den vielleicht bedeutendsten Harfenwettbewerb gewonnen …

Xavier de Maistre: Dennoch hat sich keiner bei mir gemeldet. Also musste ich, Schritt für Schritt, meine eigenen Projekte entwickeln, parallel zu meiner Tätigkeit bei den Wiener Philharmonikern. Vor allem habe ich an einer Erweiterung des Harfenrepertoires gearbeitet – Haydns Klavierkonzerte auf der Harfe oder Klavierwerke von Debussy. Dann folgte mein Projekt mit Diana Damrau – Liedbegleitung auf der Harfe. Nach solchen Konzertauftritten war die Begeisterung des Publikums oft derart gross, dass ich mir sagte: Alle sagen zwar, eine Solokarriere sei nicht möglich. Aber offensichtlich ist da doch ein Potenzial, also muss man es versuchen. Irgendwann schaffte ich es sogar, einen Produzenten bei Sony zu überzeugen. Es kam zu einem Plattenvertrag, und jetzt läuft es wie wahnsinnig, das neueste Album «Notte Veneziane» ist in Frankreich sogar in den Top-Charts, und andere CD-Firmen wollen mich bereits abwerben – ich kann es kaum glauben.

M&T: Neulich sprach ich mit einem Orchester-Intendanten. Er würde eine Harfe nie als Soloinstrument engagieren, sagte er, weil man die neben einem grossen Orchester nicht wirklich hören könne.

Xavier de Maistre: Dann soll er einmal in meine Konzerte kommen. Ich spiele weiss Gott in grossen Sälen – Théâtre des Champs Elysées, Concertgebouw Amsterdam, Musikverein Wien, Salzburger Festspielhaus, Scala Milano – und das selbstverständlich immer ohne Verstärkung.

M&T: Heisst das womöglich, dass Sie anders spielen, als es das Klischeebild von den feingliedrigen Harfenistinnen will?

Xavier de Maistre: Ja, mit mehr Kraft und mehr Intensität. In der Dynamik habe ich auch eine grössere Bandbreite. Ich kann sehr leise spielen, und dadurch wirken die Forte-Stellen umso mächtiger. Ich habe Diana Damrau in der Scala Milano begleitet, kein kleiner Raum, und sie hat eine grosse Stimme, und niemand hat gesagt, man habe mich zu wenig gehört.

M&T: Liedbegleitung scheint mir für die Harfe etwas durchaus Naheliegendes zu sein. Peter Schreier etwa machte die «Schöne Müllerin» sogar mit Lautenbegleitung. Könnte Sie so etwas interessieren?

Xavier de Maistre: Einen Schubert-Zyklus würde ich wohl gerne machen. Im Programm mit Diana sind bereits einige Schubert-Lieder. Das kommt unglaublich gut an, weil es nicht so sehr nach Begleitung klingt, sondern nach zwei gleichwertigen Partnern. Die Harfe hat durchaus eine orchestrale Dimension. Besonders fasziniert mich die breite Palette an Klangfarben. Das funktioniert sogar bei Liedern von Richard Strauss, wobei ich am Notentext fast nichts ändern muss. Sogar eines seiner «Vier letzten Lieder» – «Beim Schlafengehen» – haben wir in unser Programm aufgenommen.

M&T: Ein ganz anderes Thema: Haben Sie mehrere Harfen, die Sie je nach Repertoire spielen?

Xavier de Maistre: Ich habe vier Harfen. Aber das hat nichts mit dem Repertoire zu tun, sondern sozusagen mit geografischer Logistik: Eine steht in Deutschland, eine in meinem Haus in Frankreich, eine in meiner Wohnung in Paris und eine in Japan. Je nachdem, wo ich auftrete, wird die entsprechende Harfe dorthin «verschickt», verpackt in einer Kiste. Früher ging ich mit dem Auto auf Tournee und hatte die Harfe stets bei mir. Heute will ich das nicht mehr. Habe ich eine Tournee, wo ich fast jeden Tag an einem andern Ort auftrete, dann wird speziell ein Fahrer mit Transportauto engagiert, und der fährt meine Harfe nach einem Auftritt dann während der Nacht an den nächsten Ort. Die Harfe ist schon da, wenn ich ankomme. Oft aber spiele ich auch auf Orchester-Harfen an Ort – die Pianisten reisen mehrheitlich ja auch nicht mit ihrem eigenen Instrument.

M&T: Grosse Orchester können sich sicher auch hervorragende Harfen leisten …

Xavier de Maistre: Genau. Ebenso wichtig ist aber, dass sie auch richtig gepflegt und reguliert werden.

M&T: Wie lange brauchen Sie zum Stimmen der unzähligen Saiten?

Xavier de Maistre: Zehn Minuten. Das ist kein Problem – vorausgesetzt, die Harfe lag nicht zwei Jahre in einer Kiste und wurde nie gespielt.

M&T: Eine letzte Frage: Was gibt es für Zukunftsperspektiven?

Xavier de Maistre: Viele. Das Schönste, was mich erwartet: Krzysztof Penderecki schreibt für mich ein Harfenkonzert. Es handelt sich um einen gemeinsamen Kompositionsauftrag des London Philharmonic Orchestra und des Orchestre de Paris. Ich habe lange zugewartet, bis ich bekannt genug war, um grosse Komponisten auf neue Werke anzusprechen. Nun, denke ich, ist es so weit. Ich würde gerne dazu beitragen, das Repertoire für die Harfe zu erweitern. So wie das mein berühmter Vorgänger Nicanor Zabaleta gemacht hat. ■

www.xavierdemaistre.com

Xavier de Maistre – Auftritte in der Schweiz

24. 7. 2012: Hotel de la Ville, Genf

3. 8. 2012: Engadin Festival, Bergkirche Fex

4. 11. 2012: Schloss Rapperswil, mit dem 
Carmina Quartett

6. 11. 2012: Basel, mit dem Carmina Quartett

«Die Harfe hat durchaus eine orchestrale Dimension»

Ausgabe: 07 - 2012