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studio

die enttäuschung

Werner Pfister

Zum Schluss meiner CD-Kritik über die Rachmaninow-Konzerte Nr. 2 und 4 mit Daniil Trifonov schrieb ich vor Jahresfrist: Wir warten sehnlichst auf die Klavierkonzerte Nr. 1 und 3. Das Warten hat nun ein Ende – aber es macht sich gleichzeitig auch etwas Enttäuschung breit. Vor allem im dritten Klavierkonzert, einem Live-Mitschnitt, hat der Flügel kaum Farben; vieles klingt nach Einheitsgrau, was bei Rachmaninows farbschillernden Partituren sozusagen der Anfang vom Ende ist. Auch mit der Präsenz des Soloinstruments hapert es – der Flügel klingt, überspitzt formuliert, ungefähr so, als wäre er hinter den Holzbläsern positioniert. Also in relativer Ferne. Das heisst umgekehrt, dass sich das Orchester immer wieder etwas vorlaut im Vordergrund aufspielt. Wer als Vergleich Krystian Zimermans Einspielung des ersten Klavierkonzerts oder Mikhail Pletnew mit dem dritten beizieht, hört es sofort: Das klingt ausgewogener und präsenter. Sicher, Trifonov meistert seinen Part phänomenal. Aber zuweilen ahnt man das mehr, als dass man es wirklich plastisch im Detail hört. Und ganz werde ich auch den Eindruck nicht los, dass Nézet-Séguin mit dem an und für sich hervorragenden Philadelphia Orchestra hier etwas gar unbekümmert begleitet. Schwung und Drive geben hier den Ton an. Man könnte es paradox formulieren: Dieser Rachmaninow klingt nach den USA – und nicht nach Russland. Nun ja, an beidem hatte er Anteil…

 

Rachmaninow: Klavierkonzerte Nr. 1 & Nr. 3.
Daniil Trifonov (Klavier); The Philadelphia
Orchestra; Yannick Nézet-Séguin.
Deutsche Grammophon 4836617

Ausgabe: 01 - 2020