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studio

die enttäuschung

Werner Pfister

Es wurde eine Sensation, als Mariss Jansons anlässlich eines Gastspiels der Leningrader Philharmoniker in Oslo 1988 Schostakowitschs siebte Sinfonie, die «Leningrader», für EMI einspielte. Kein Wunder, dass diese rundum brillante, glutvolle, sozusagen «authentische» Aufnahme damals mit dem Edison-Preis ausgezeichnet wurde. Nun hat das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks einen Konzertmitschnitt der Siebten unter Jansons veröffentlicht, und der enttäuscht denn doch. Schwerfällig wird hier musiziert, zuweilen fast behäbig, wozu die dumpfe, sehr vordergründig agierende Pauke das Ihre dazu beiträgt. Schmerzlich vermisst man die instrumentale Transparenz sowie den unwiderstehlichen Drive der Leningrader von anno dazumal. Zuweilen hat man fast das Gefühl, die Musik komme nicht recht vom Fleck. Und so liegen Höhepunkte dieses Konzertmitschnitts denn auch nicht in den lärmigen Passagen, sondern in den leisen – in den wie in einem luftleeren Raum klingenden Soli einzelner Instrumente (Piccolo, Oboe, Violine). Das sind emotional packende, intensive Botschaften wie von einem anderen Planeten. Ähnlich gelungen auch die schattenhaft abgedeckte Endzeitstimmung im zweiten Satz. Sonst aber klingt dieser Konzertmitschnitt, als wäre die Musik seit der Leningrader Einspielung merklich beleibter geworden und als würden auf dem musikalischen Fluss Fettaugen schwimmen. Ob das mit ein Grund ist, weshalb dieser Mitschnitt von 2016 erst jetzt veröffentlicht wird?

 

Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 7
«Leningrader». Symphonieorchester des
Bayerischen Rundfunks, Mariss Jansons.
BR Klassik 900184

Ausgabe: 11 - 2019