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studio

die enttäuschung

Werner Pfister

Renata Tebaldi hat das einst vorgemacht, auch Renato Bruson und Alfred Kraus oder, in späteren Jahren, Dmitri Hvorostovsky: dass sie nach vielen Jahren einer erfolgreichen Karriere sozusagen noch einmal zu den Anfängen zurückgekehrt sind – zu den Arie Antiche, die einst im Gesangsunterricht zum täglichen Brot gehörten. Und bei allen fiel das künstlerische Ergebnis zwiespältig aus, denn hörbar hatte die Stimme unter den Belastungen der grossen Karriere wenn nicht arg gelitten, so doch ihre Beweglichkeit und Leichtigkeit gerade für dieses «leichte» Repertoire verloren. Auch bei Nathalie Stutzmann: Ihr Timbre oszilliert unkontrolliert zwischen tiefem «Männeralt» und einer unfreiwilligen Kastraten-Karikatur.
In langsamen Arien – zum Beispiel «Amarilli» von Caccini – wirkt die dann vibratolos eingesetzte Stimme eindimensional und leblos; in schnellen – «Vittoria, mio core» –, wo virtuose Beweglichkeit gefordert ist, macht sich hochtourige Aufgeregtheit breit. Sicher, das zeugt von leidenschaftlicher Identifikation der Sängerin mit der Musik, aber – um Hofmannsthal zu zitieren» – «es ist die Sprache der Leidenschaft, verbunden mit einem unrichtigen Objekt». Arme Arie antiche. Zu sagen ist 
allerdings auch, dass Orfeo 55 unter der Leitung der Sängerin mit grosser Subtilität begleitet und ein prachtvolles instrumentales Farbspektrum in diese Arien mit einbringt – vital, beredt, virtuos und Ton für Ton (auch in langsamen Stücken) höchst einfühlsam. Genau das fehlt mir bei Nathalie Stutzmanns Gesang.

 

«Quella fiamma», Arie antiche.
Nathalie Stutzmann (Kontraalt und Leitung),
Orfeo 55.
Erato 190295765293

Ausgabe: 03 - 2018