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studio

die enttäuschung

Werner Pfister

Als «gegenwärtig bester junger klassischer Pianist» wird Daniil Trifonov von seiner CD-Firma angepriesen – ohne Superlative geht nichts mehr. Nun liegt die «heiss ersehnte» Neuaufnahme des Jungstars vor, die beiden Chopin-Klavierkonzerte plus ein klug ausgewähltes, rein solistisches Rahmenprogramm. Bei den Klavierkonzerten hat auch Mikhail Pletnev die Hände im Spiel – nicht nur als unerträglich schleppender Dirigent, sondern auch als «Chopin-Verbesserer», indem er dessen Instrumentation der Klavierkonzerte nach eigenem Gusto aufmöbelt und zum Beispiel Melodien, die Chopin den ersten Violinen anvertraute, auf Holzbläser übertrug (besonders eklatant bei der «himmlischen» Geigenmelodie des Seitenthemas im Vorspiel zum ersten Klavierkonzert, die nun von einer Soloklarinette geblasen wird). Nötig ist das nicht – besser auch nicht. Aber wie gesagt: Enttäuschend ist vor allem das verschleppte Dirigat Pletnevs, noch um einiges langsamer als weiland bei Giulini. Hier aber zieht die Musik Fäden. Wie man Chopins Instrumentation wirklich in den Griff bekommt und auch dramatisch spannend präsentiert, hat Krystian Zimerman in seiner epochalen Einspielung vorgemacht – und gleichzeitig auch am Flügel Klartext gesprochen. Im Vergleich dazu wirkt Daniil Trifonovs Chopin-Spiel ziemlich zahm, manchmal gar manieriert. Zudem hat der Flügel – zumindest in den beiden Klavierkonzerten – rein klanglich nicht die optimale Präsenz. Restlos überzeugt Trifinov hingegen in den beigegebenen Solowerken, vor allem in den «Don Giovanni»-Variationen, aber auch in den sehr interessanten Chopin-Variationen von Frederic Mompou. Das ist, kein Zweifel, grosse Klavierkunst. Ganz grosse!

 

Chopin: Klavierkonzerte Nr. 1 & Nr. 2;
Solowerke von Chopin, Schumann,
Grieg, Barber, Tschaikowsky und Mompou.
Daniil Trifonov (Klavier), Mahler Chamber
Orchestra, Mikhail Pletnev.
DG 4797518 (2 CDs)

Ausgabe: 01 - 2018