Syndicate content


studio

die entdeckung

Er war ein Gipfelstürmer der Sonderklasse: Émile-Robert Blanchet, ein Schweizer, bezwang alle helvetischen Viertausender. Und das als Mitglied des Schweizerischen Alpenklubs SAC. Entsprechend hat sein Name in Schweizer Bergsteigerkreisen bis heute einen guten Klang – ganz im Unterschied zur schweizerischen Musikszene: Hier ist Émile-Robert Blanchet sozusagen vergessen. Seine Bücher übers Gipfelstürmen («Als Letzter am Seil») wurden erfolgreich verlegt, seine Musik – ja, er war tatsächlich auch Komponist – ist heute fast vergessen. Fast – dank dem weltweit erfolgreichen Pianisten Karl-Andreas Kolly und dem umtriebigen Musikarchivar (und M&T-Autor) Walter Labhart. Die beiden haben das umfangreiche Klavierwerk von Blanchet gesichtet, und Kolly bietet hier eine repräsentative – und das sei hier festgehalten: eine in jedem Takt begeisternde – Auswahl. Wobei das leichter gesagt ist als getan: Denn Blanchets Klavierkompositionen verlangen einen Gipfelstürmer, der sich – um im Bild zu bleiben – in der dünnen Höhenluft der pianistischen Viertausender nicht nur auskennt, sondern sich dort ohne Herzattacken frei und lustvoll bewegen kann. KarlAndreas Kolly schafft das perfekt! Musik, die mit Rachmaninow liebäugelt und da und dort mit Busoni eine Liaison eingeht, Musik aber auch, die Ravel reflektiert und Debussy ehrt – Musik letztlich, die pianistisch ungemein anspruchsvoll ist, aber von Kolly dargeboten nur Freude macht. Übrigens auf einem Steinway von 1901: also authentisch. Unbedingt reinhören.

Werner Pfister

Émile-Robert Blanchet: Piano Works. Karl-Andreas Kolly (Klavier). MDG 904 2205-6

Ausgabe: 05 - 2021